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:Gesundheit
Sendung vom 28. Juli 2008
Phänomen Ohnmacht
Es passiert jungen Mädchen beim Popkonzert oder auch dem Bundeswehrrekruten bei der Gelöbnisfeier: Der eigene Körper holt sie plötzlich von den Beinen – Ohnmacht (fachsprachlich „Synkope“). Es ist ein kurzer Bewusstseinsverlust, ausgelöst durch vorübergehenden Sauerstoffmangel im Gehirn. Eine Ohnmacht kann stoffwechselbedingt (metabolisch) sein, zum Beispiel bei Unterzuckerung. Sie kann hirnbedingt (cerebral) ausgelöst sein, zum Beispiel bei einem Schlaganfall. Es gibt auch herzbedingte (cardiale) Ohnmachtsanfälle, zum Beispiel bei Herzrhythmusstörungen. In den meisten Fällen ist sie jedoch kreislaufbedingt (vasovagal oder neurokardial) – und insofern beim Gesunden harmlos.
Handelt es sich um eine harmlose Ohnmacht, so helfen einfache Mittel: Zunächst sollte man die bewusstlose Person in eine waagerechte Position bringen und die Beine leicht hochlagern, um dem Gehirn mehr Blut zuzuführen. In den allermeisten Fällen setzt allein durch die waagerechte Haltung mit hochgelagerten Beinen und dem dadurch erleichterten Blutfluss zum Gehirn das Bewusstsein innerhalb weniger Sekunden bis zu einer halben Minute wieder ein. Dauert die Bewusstlosigkeit an, sollte ein Arzt gerufen werden.
Dass jemanden eine Ohnmacht ereilt, ist gar nicht so selten. Experten schätzen, dass 20 bis 50 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens mindestens einmal ohnmächtig werden. Bei 6 Prozent aller Krankenhauseinweisungen ist eine Ohnmacht der Grund.
Übelkeit, Hitzewallungen, Blässe, Schwindel – so kündigt sich eine Ohnmacht vielfach an. Ursache ist eine Fehlschaltung im Gehirn. Der Vagusnerv, ein Teil des unwillkürlichen Nervensystems, bekommt irrtümlich den Befehl, die Blutgefäße weit zu stellen. Meistens verlangsamt sich gleichzeitig der Herzschlag. Das hat zur Folge, dass das Blut aus dem Gehirn in untere Körperregionen sackt und dann oben in der „Schaltzentrale“ fehlt.
Warum es zu dieser plötzlichen Kreislaufstörung kommt, ist der Wissenschaft bislang ein Rätsel. Stress scheint eine Ursache zu sein. Manche Menschen fallen beim Anblick von Blut oder einer Spinne in Ohnmacht. Typischerweise passiert das aber auch nach längerem Stehen beziehungsweise Anstehen, zum Beispiel an der Kinokasse oder bei Popkonzerten.
Eine Hypothese zur Ursache der plötzlichen Ohnmacht haben Dresdner Forscher vor Kurzem aufgestellt. Demnach soll sie ein archaisches Verhaltensmuster sein. Sie ahmt den Totstellreflex gejagter Tiere in der Wildnis nach, so die Theorie. Gejagte Tiere täuschen – wenn der Feind ganz nahe ist – durch ein plötzliches Umkippen ihren Tod vor, in der Hoffnung, dass der Verfolger gelangweilt von ihnen ablässt. Der Schluss der Forscher: Auch Menschen, die lange stehen müssen, empfinden das als Stress. Der Körper reagiert, indem er sich der Situation entzieht: weit gestellte Blutgefäße, verlangsamter Herzschlag, Blutdruckabfall – Ohnmacht.
Bevor eine kostspielige Diagnostik bemüht wird, ist zunächst der Gang zum Hausarzt ratsam. Denn dieser kann bei der körperlichen Untersuchung Herzfehler als Ursache ausschließen und außerdem mit Hilfe gründlicher Befragung eine kreislaufbedingte Ohnmacht diagnostizieren: Gibt es typische Situationen? Gehen die typischen Vorboten voraus? Hat der Patient beim Wachwerden und einige Zeit danach ein Benommenheitsgefühl und ist blass? Wenn dennoch keine sichere Diagnose gestellt werden kann, sollte der Spezialist zu Rate gezogen werden, ein Kardiologe oder Internist.
Ob wirklich eine Ohnmachtsneigung vorliegt, testen die Spezialisten mit Hilfe eines Kipptisches. Der Patient wird darauf festgeschnallt und bis zu 70 Grad aufgerichtet. Etwa 25 Minuten wird er so gelagert. Gleichzeitig dokumentieren Messgeräte Veränderungen von Blutdruck und Puls. Wer zu Ohnmacht neigt, dem passiert es dann häufig auch in dieser Situation. Damit ist die kreislaufbedingte Ohnmachtsneigung bewiesen. Die Erklärung: Beim Aufrichten verengt der Körper normalerweise die Blutgefäße. Bei Menschen mit vasovagaler Ohnmachtsneigung werden die Gefäße in den Beinen nicht eng genug gestellt – das Blut versackt dort und fehlt dann zunächst im Herzen und dann im Gehirn. Dadurch kommt es zu einer kurzen Bewusstlosigkeit.
Obwohl vasovagale Ohnmachten an sich nicht gefährlich sind, machen sie den Betroffenen Angst. Wer möchte schon beim Autofahren ohnmächtig werden oder sich bei einem Sturz infolge der Ohnmacht verletzen? Um die Ohnmachtsneigung in den Griff zu bekommen, kann man versuchen, seinen Kreislauf zu trainieren. Empfohlen werden als Gefäßtraining Wechselbäder oder Sport, außerdem ausreichende Flüssigkeitszufuhr, damit das Blutvolumen hoch bleibt. Manche Forscher raten zu Trainingseinheiten auf dem Kipptisch.
Auch isometrische Muskelübungen helfen – eine aktuelle niederländische Studie hat das bewiesen: Bei ersten Ohnmachtsvorboten sollen die Patienten im Stehen die Beine kreuzen und zugleich Bein-, Bauch- und Gesäßmuskeln anspannen. Alternativ kann ein Gummiball in der rechten Hand zusammengedrückt werden. Die Übungen sorgen dafür, dass sich der Widerstand der Blutgefäße erhöht und so das Absacken des Blutes verhindert wird. Der Studie zufolge können diese vorbeugenden Übungen das Risiko für eine Ohnmacht um 40 Prozent senken.
Sigrun Damas
Stand: 28.07.2008