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:Gesundheit
Sendung vom 08. Februar 2010
Die Bedeutung der „Sprechenden Medizin“
Familie H. aus Krefeld kämpft seit 21 Jahren um die Gesundheit ihrer drei chronisch kranken Kinder. Einen Sohn hat die Familie jedoch verloren. Benjamin, der älteste Sohn, verstarb vor drei Jahren nach einer Lungentransplantation. Er litt an Mukoviszidose.
Auch der zweite Sohn, der 18-jährige Dominic, leidet an der als unheilbar geltenden Krankheit. Das Tückische bei der genetisch bedingten Erkrankung ist der zähe Schleim, der Lunge und Atemwege verstopft und jegliche körperliche Anstrengung zur Qual macht. Zehn Mal musste er im letzten Jahr ins Krankenhaus – nur intravenöse Antibiotika-Therapien helfen gegen die zahlreichen Atemwegsinfekte und lindern seine Atemnot.
Das dritte Kind der Familie, die 5-jährige Celina, wurde mit Down-Syndrom geboren. Sie kann noch nicht richtig gehen, noch nicht alleine essen und nicht sprechen. Zudem leidet sie an Krampfanfällen im Gehirn.
Die Eltern Thomas und Silvia H. sind beide das, was man allgemein unter „mündigen Patienten“ versteht. Sie forschen im Internet über die Krankheiten ihrer Kinder, stehen mit Selbsthilfegruppen in Kontakt, sind bei sämtlichen Untersuchungen der Kinder dabei, lassen sich die Ergebnisse erklären, stellen Fragen, sprechen mit Krankenschwestern und Ärzten. Kurz: Sie sind bestens informiert.
Trotz aller Informiertheit legen sie großen Wert auf eine zugewandte, menschliche Behandlung durch die Ärzte und das Krankenhauspersonal. Das ist der Hauptgrund, weswegen sie seit über 20 Jahren in dasselbe Krankenhaus gehen, ins Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Helios-Klinikums in Krefeld. Obwohl mit den Großstädten Düsseldorf und Duisburg sowie mit dem Ruhrgebiet in der Nähe eine große Anzahl anderer Kliniken auch schnell erreichbar wäre, bleiben sie in Krefeld. Dort fühlen sie sich gut behandelt. Außerdem meinen sie: „Kinderärzte sind menschlicher!“
Im Zentrum für Kinder und Jugendmedizin, geleitet von Prof. Dr. Tim Niehues, wird auf die sogenannte „Sprechende Medizin“ Wert gelegt. Obwohl der Stress in der Klinik sicher nicht geringer ist als anderswo, spürt man ihn hier kaum. Alle Mitarbeitenden geben sich Mühe, ruhig und einfühlsam auf kranke Kinder und deren Eltern einzugehen. Anders ginge es auch nicht, sagt Prof. Niehues, Kinder seien sehr sensibel. Weiter berichtet er von seinen Erfahrungen:„Ganz entscheidend für die Kommunikation ist der Aufbau des Vertrauens mit den Eltern. Das wird man nur erreichen, wenn man auch Gespräche führt, wenn man sich für die Eltern auch interessiert, wenn man weiß, von welchem Background die Eltern kommen, was für Interessen die Eltern haben, welche Ängste die Eltern haben, nur dann lässt sich eine gute Beziehung aufbauen. Und nur wenn man eine gute Beziehung aufbaut, wird man sich auch dem Kind gut nähern können.“
Untersuchungen des Picker Instituts haben ergeben, dass Patienten bei der Beurteilung der stationären Versorgung an erster Stelle das Arzt-Patienten-Verhältnis sehen. An zweiter Stelle folgt die Beziehung zwischen Pflegepersonal und Patient, erst an dritter Stelle steht der Behandlungserfolg. Jeder dritte Patient monierte, dass die Ärzte zu wenig auf die individuellen Befürchtungen eingehen. Auch wurde eine für Patienten unklare Zuständigkeit der Ärzte bemängelt sowie unverständliche Antworten auf wichtige Fragen. Mangel an Vertrauen in die Ärzte, unfreundliche oder wenig verständnisvolle Behandlung durch Ärzte sowie die zu geringe Verfügbarkeit sind weitere kritische Punkte, die von Patienten genannt wurden. In den Befragungen des Picker Instituts zur Patientenzufriedenheit sind es also immer wieder Aspekte der Kommunikation, die als defizitär empfunden werden. Auch internationale Umfragen stützen diese Ergebnisse: In einer Internetbefragung kam heraus, dass die Kommunikation zwischen Arzt und Patient einer der ausschlaggebenden Faktoren für die Patientenzufriedenheit ist.
Die Kommunikation wiederum hat einen grundsätzlichen Einfluss auf die Gesundung: Eine gelungene Kommunikation trägt maßgeblich zum Aufbau von Vertrauen bei und wirkt positiv auf das psychische Wohlbefinden, auf die Anzahl der Symptome sowie auf die Schmerzkontrolle. Eine unzulängliche Kommunikation führt hingegen zu einer geringeren Bereitschaft des Patienten, den Anweisungen des Arztes Folge zu leisten, damit zu geringeren Heilungserfolgen und somit zu erhöhten Kosten und Risiken beziehungsweise mehr medizinischen Maßnahmen. Die Realität sieht momentan so aus, dass Ärzte im Schnitt bereits nach 18 Sekunden ihre Patienten bei der Schilderung der Symptomatik unterbrechen – so die Ergebnisse einer weiteren Studie.
Obwohl diese Ergebnisse bekannt und belegt sind, gibt das Gesundheitssystem weder den ausübenden Ärzten noch den Ärzten in der Ausbildung genügend Raum, eine adäquate Kommunikation zu erlernen beziehungsweise durchzuführen. In der Praxis wird die Zeit, die der Arzt für Gespräche aufbringt, gar nicht oder zu gering bezahlt. Und in vielen medizinischen Fakultäten wird das Thema zu gering geachtet: Noch immer sind die meisten Lehrpläne naturwissenschaftlich ausgelegt. Dazu sagt die Medizinstudentin Melanie H.: „Der Anteil von Kommunikation im Studium ist sehr gering, was ich auch sehr schade finde, weil man doch merkt - gerade jetzt im praktischen Jahr, wo man sehr viel mit Patienten in Kontakt kommt, egal ob alt oder jung – dass die Kommunikation nicht wirklich nah gebracht worden ist im Studium. Es fehlt viel an Fertigkeiten, wie man mit Patienten umgeht, zum Beispiel wenn es darum geht, schlechte Nachrichten zu überbringen.“
Allerdings ändert sich etwas in der Arztausbildung. Seit zehn Jahren hat die Universität Witten/Herdecke die Kommunikation in ihrer Ausbildung etabliert, und zwar vom ersten Semester an. Gemeinsam mit der Berliner Charité war sie bei diesem Thema Vorreiter in Deutschland. Am Institut für Ethik und Kommunikation im Gesundheitswesen der Universität Witten/Herdecke werden die Studenten mit Problemstellungen in Arzt-Patienten-Gesprächen konfrontiert. Geübt wird zunächst mit geschulten Laien, sogenannten Simulationspatienten, später im Studium dann auch mit realen Patienten. Die angehenden Mediziner lernen, gezielte Fragen zu stellen, also eine gute Anamnese durchzuführen, und einfühlsam auf die Probleme der Patienten einzugehen. Feedback-Runden dienen der Ausbildung von Kritikfähigkeit und der Selbstreflexion.
Andere Unis haben inzwischen nachgezogen: In Münster gibt es ein hochmodern ausgestattetes Studienhospital, in Düsseldorf ein Trainingszentrum und auch die Universität in Heidelberg hat ihren Lehrplan dementsprechend geändert. Das Ziel ist, die Kommunikationsfähigkeit der Ärzte zu verbessern.
In Bezug auf den „mündigen“ Patienten hat diese Entwicklung eine große Bedeutung. Der Medizinethiker Prof. Dr. Linus Geisler stellt zu diesem Thema fest: „Mündigkeit lässt sich nicht politisch verordnen! Patientenautonomie entwickelt sich zuallererst im Umgang mit dialogfähigen und empathischen Ärzten sowie aus der Gewissheit, als Kranker ernst genommen zu werden. (…) Gesundheitsreformen ohne Veränderung der ärztlichen Ausbildung sind Reformen nur an den Gliedern, nicht aber am Haupt.“
Bei Familie H. finden sich genau das wieder: Obwohl informiert und selbstbewusst sind ihnen Menschlichkeit, Verfügbarkeit und ein zugewandter Umgang mit ihnen und ihren kranken Kindern nicht weniger wichtig als die medizinische Betreuung.
Barbara Siemes
Stand: 08.02.2010