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Sendung vom 03. August 2011
Mogelpackung mit Yvonne Willicks: Etikettenschwindel
Viele Lebensmittelhersteller werben auf ihren Produktverpackungen mit besonders erlesenen Inhaltsstoffen und wertvollen Vitaminen. Wer sich bewusst ernähren will, greift da natürlich zu. Was gesund aussieht, wird wohl auch gesund sein. Doch ist das wirklich so? Haushaltsexpertin Yvonne Willicks nimmt einzelne Produkte genauer unter die Lupe und entlarvt Erstaunliches.
1. Dr. Oetker animiert mit einem aberwitzigen Rechentrick zum Kauf seines Puddings „Pur Crema Choc“. Auf der Verpackung steht „75 Prozent Kakao in der Schokolade“ und „Tansania edelbitter“ – tatsächlich sind jedoch nur 1,875 Prozent Tansania-Kakao im Produkt enthalten. Die hervorgehobene Angabe von 75 Prozent Kakao bezieht sich nämlich nur auf den Schokoladenanteil, der gerade einmal 2,5 Prozent im Pudding ausmacht – eine Milchmädchenrechnung!
2. Kellogg’s bewirbt seine „Frosties mit weniger Zucker“ mit dem Hinweis „Ein Drittel weniger Zucker als Frosties original“. Eine Zuckerbombe bleiben sie jedoch auch in dieser Variante: Der Zuckeranteil macht noch immer 25 Prozent aus – zu viel für ein ausgewogenes Kinderfrühstück.
3. Der „Gelbe Tee“ von Pfanner, angepriesen als Wellness-Tee, wirbt auf der Verpackung mit dem Slogan: „Der Gelbe enthält mehr als 30 Prozent weniger Zucker als herkömmliche mit Zucker gesüßte Softdrinks.“ Doch im Zwei-Liter-Tetrapack stecken umgerechnet 47 Stück Würfelzucker – statt Wellness-Getränk also eine echte Zuckerbombe!
4. Müller betont bei seinem „Joghurt mit der Buttermilch“ den geringen Anteil von nur „1 Prozent Fett“ – der hohe Zuckeranteil von fast 15 Prozent, der das Produkt trotzdem zu einem äußerst gehaltvollen macht, wird verschwiegen.
5. Besonders dreist bewirbt Corny seinen Schoko-Müsliriegel: Auf der Verpackung fliegen die Getreidekörner nur so aus der reifen Ähre, dabei besteht der Riegel größtenteils aus gepressten Mehlbällchen. Nur 10 Prozent echte Getreideflocken sind im Produkt, das Ganze verklebt mit Aromen, Fett und sieben verschiedenen Zuckerarten (insgesamt 34,5 Gramm pro 100 Gramm). Der „ausgewogene Pausensnack“ ist damit eine Süßigkeit, die mit 110 Kalorien pro Riegel so ungesund ist wie ein Kinder-Riegel (118 Kalorien).
Gerade Hersteller von Markenprodukten verstehen es meisterhaft, den Kunden mehr Schein als Sein vorzugaukeln. Doch laut Verbraucherzentrale ist juristisch gegen Etikettenschwindel kaum etwas zu machen. Denn die Produktversprechen auf den Verpackungen sind so formuliert, dass sie rein rechtlich nicht geahndet werden können. Immerhin steht im Kleingedruckten auf der Rückseite ja die tatsächliche Zusammensetzung.
Noch immer gibt es keine klare Kennzeichnung des Nährwertgehalts auf den Verpackungen. Die Ampelkennzeichnung würde dem Verbraucher mehr Klarheit verschaffen. Bei der Lebensmittelampel werden für jedes Produkt direkt auf der Vorderseite der Verpackung die Gehalte an den wichtigsten Nährwerten (Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz) in absoluten Grammzahlen angegeben – und zwar einheitlich pro 100 Gramm beziehungsweise 100 Milliliter, damit man verschiedene Produkte miteinander vergleichen kann. Zur leichteren Orientierung wird jeder dieser vier Werte mit einer der Signalfarben Rot (hoher Gehalt), Gelb (mittel) und Grün (niedriger Gehalt) hinterlegt. Ein einfaches und leicht überschaubares Verfahren, sogar schon für Kinder.
In Großbritannien existiert die Ampelkennzeichnung in zahlreichen Handelsketten schon seit einigen Jahren. Bei uns gibt es bisher nur die Kennzeichnung mit GDA-Angaben (GDA = Guideline Daily Amounts). Eine Kennzeichnung, die die Verbraucher vollkommen verwirrt, denn hier beziehen sich die Angaben auf Fantasiemengen, wie zum Beispiel zwei Stück Schokolade oder 40 Gramm Cornflakes zum Frühstück – eine Menge, von der niemand satt wird. Um reale Angaben zu erhalten, müsste man zu jedem Einkauf einen Taschenrechner mitnehmen. Die großen Lebensmittelkonzerne entwickelten die GDA-Kennzeichnung, um die Ampel zu verhindern.
In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid für foodwatch in Deutschland haben sich 69 Prozent der Befragten für die Ampel ausgesprochen. Die Signalfarben „Rot – Gelb – Grün“ würden den bewussten und gesunden Einkauf erleichtern, so glauben viele. Bisher wurde die Ampelkennzeichnung in Deutschland von der Lebensmittelindustrie erfolgreich verhindert – Nährwertampeln findet man nur im Internet, so zum Beispiel bei der Verbraucherzentrale Hamburg.
Verbraucherschützerin Stefanie Lehmann von der Verbraucherzentrale NRW erklärt: „In der Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben ist vorgesehen, dass bis Januar 2009 Nährwertprofile von der EU-Kommission erarbeitet werden sollen – dies ist bisher allerdings noch nicht erfolgt. Nährwertprofile sollen verhindern, dass Lebensmittel, die eine ungünstige Nährstoffzusammensetzung haben, mit nährwertbezogenen Angaben beworben werden dürfen. Die Erstellung der Nährwertprofile hat sich bislang unter anderem durch die Gegenwehr der Lebensmittelindustrie immer weiter nach hinten verschoben. Momentan ist davon auszugehen, dass die Nährwertprofile voraussichtlich Anfang 2011 festgelegt sein werden. Danach gibt es eine Übergangsfrist von zwei Jahren, bis alle Lebensmittel, die nährwertbezogene Angaben machen, den Nährwertprofilen entsprechen müssen.“
Seit dem 20. Juli 2011 können die Verbraucher der Lebensmittelindustrie außerdem im Internet auf die Finger klopfen. Das Verbraucherministerium hat zusammen mit der Verbraucherzentrale Hessen das Onlineportal lebensmittelklarheit.de eröffnet, auf dem Verbraucher Täuschungen durch die Lebensmittelindustrie anzeigen können. Die Wirtschaft hat dort die Möglichkeit, zu den Äußerungen der Verbraucher Stellung zu beziehen.
Sebastian Schiller
Stand: 03.08.2011
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