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Botanicals: Problematische Nahrungsergänzungsmittel

  • SendeterminMittwoch, 18. Januar 2012, 18.20 - 18.50 Uhr.
  • WiederholungsterminDonnerstag, 19. Januar 2012, 13.00 - 13.30 Uhr (Wdh.).

„Botanicals“ sind der neueste Schrei auf dem Markt der Nahrungsergänzungsmittel. Es handelt sich um isolierte Stoffe etwa aus Soja, Artischocke oder Brokkoli. Geworben wird mit den positiven Eigenschaften der sogenannten sekundären Pflanzenstoffe, die in Obst und Gemüse stecken.

Umverpackungen verschiedener pflanzlicher
Nahrungsergänzungsmittel
„Botanicals“, Produkte zur Nahrungsergänzung mit isolierten Stoffen aus Pflanzen, sind gerade in Mode.

Wie bei den Vitaminen werden Botanicals in isolierter Form als Pille, Pulver oder Brausetabletten angeboten. Das Problem: Botanicals können der Gesundheit schaden. Außerdem ist ihr Nutzen fraglich. Trotzdem kaufen Millionen Menschen Nahrungsergänzungsmittel, aus Angst, nicht genug für ihre Gesundheit zu tun. Aber gerade bei Personen, die auf Medikamente angewiesen sind, können gefährliche Wechselwirkungen auftreten, wenn sie zu viel der pflanzlichen Wirkstoffe zu sich nehmen.

Wechselwirkung von Lebensmitteln mit Medikamenten

Gesund in den Tag mit frisch gepresstem Grapefruitsaft – wer ahnt dabei schon Böses? Sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe in Obst und Gemüse können jedoch im Zusammenspiel mit Medikamenten gefährliche Wechselwirkungen auslösen. In der Fachliteratur sind eine Reihe schwerer, zum Teil tödlicher Fälle dokumentiert, die auf eine Wechselwirkung von Medikamenten mit Inhaltsstoffen der Grapefruit zurückgehen.

So auch der Fall der 40-jährigen Karin Fechter (Name von der Redaktion geändert). Sie ging regelmäßig joggen und ins Fitnessstudio – trainierte für ihre große Leidenschaft, das Fallschirmspringen. Auch sonst lebte sie gesundheitsbewusst und achtete auf ihre Figur.

Muskelschädigung

Eines Tages entdeckte sie in einer Zeitschrift eine Diät, zu der jeden Tag eine Grapefruit gehörte. Sie entschloss sich zu diesem zweiwöchigen Ernährungsplan und trank jeden Tag den frisch gepressten Saft einer Grapefruit. Damit schluckte sie ihre Medikamente zur Kontrolle der Blutfette. Den Blutfettsenker Simvastatin musste sie seit Jahren nehmen, weil sie eine Veranlagung zu hohen Cholesterinwerten hat. Am fünften Tag der Grapefruitdiät schmerzten ihre Beine wie bei einem Muskelkater – für die durchtrainierte Karin Fechter völlig ungewohnt. Eisern hielt sie an ihrem Diätplan fest und verzehrte weiterhin jeden Tag eine Grapefruit. Nach 14 Tagen hatte sich ihr Zustand so sehr verschlechtert, dass sie ihre übliche Joggingstrecke nicht mehr schaffte. Sie konnte kaum noch gehen, schließlich versagten ihre Beine komplett, und sie musste über den Notarzt ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die überraschende Diagnose: Der Cocktail aus Grapefruitsaft und Cholesterinsenker hatte ihre Muskeln schwer geschädigt.

Aufgeschnittene Grapefruit
Im geschilderten Fall bewirkte eine Diät mit Grapefruit schwere Muskelschädigungen.

Grapefruit – ein tödliches Risiko?

Solche Fälle sind keine Ausnahme. In der Fachliteratur sind lediglich die schwersten Fälle dokumentiert: Nach einer Nierentransplantation kam es zur Abstoßungsreaktion, weil der Patient Grapefruitmarmelade aß. Einer Thrombosepatientin musste wegen Grapefruitkonsums die Gebärmutter entfernt werden. Eine 42-Jährige verlor auf Grund der Wechselwirkungen fast ihr Bein, und eine 31-jährige Herzpatientin starb nach dem Genuss von Grapefruitsaft. Egal in welcher Form – ob als Marmelade, Saft oder als ganze Frucht –, stets hat Grapefruit im Zusammenhang mit Medikamenten zu diesen fatalen Folgen geführt.

Der Pharmakologe Prof. Uwe Fuhr hat untersucht, was dahinter steckt. Schon ein viertel Liter Grapefruitsaft am Tag kann lebensbedrohliche Situationen auslösen, weil ein Inhaltsstoff der Frucht die Wirkung etlicher Medikamente verändert. Prof. Fuhr: „Ungefähr jedes dritte Arzneimittel ist betroffen, in der Regel handelt es sich um eine Verstärkung der Wirkungen. Medikamente von allen Klassen können dadurch beeinträchtigt werden, also Herz-Kreislauf-Mittel, Antibiotika, auch Cholesterinsenker – sogar Sildenafil, das ist der Inhaltsstoff von Viagra.“

Abbau-Enzyme werden blockiert

Prof. Uwe Fuhr erklärt: „Die Wirkungsverstärkung führt natürlich auch zu einer Verstärkung der unerwünschten Wirkungen. Und wenn diese sehr ausgeprägt sind, kann im Einzelfall auch eine lebensbedrohliche Situation aus dieser Wechselwirkung mit Grapefruitsaft entstehen.“ Zunächst hatten die Forscher die Bitterstoffe der Grapefruit in Verdacht. Doch dann entdeckten sie, dass sogenannte Furanocumarine die fatalen Wirkungen auslösen. Diese Stoffe werden beim Essen der Frucht im Darm aufgenommen. Dort zerstören sie wichtige Enzyme, die dann für den Abbau von Medikamenten fehlen. Prof. Fuhr: „Wenn Sie jetzt Arzneimittel einnehmen, dann wird normalerweise ein Teil des Arzneistoffes durch diese Enzyme bereits abgebaut. Dieser Abbau entfällt, und deswegen haben Sie im Blut später höhere Konzentrationen der Wirkstoffe.“ Also eine Überdosis. Eine hohe Konzentration der Medikamente kreist im Blut, kann nicht abgebaut werden und führt zu teilweise dramatischen Nebenwirkungen.

Pharmakologe Professor Uwe Fuhr
Pharmakologe Professor Uwe Fuhr kennt die unerwünschten Wechselwirkungen zwischen Grapefruit und Medikamenten.

Sekundäre Pflanzenstoffe unter Verdacht

Prof. Sabine Kulling erforscht am Max-Rubner-Institut in Karlsruhe die Wechselwirkungen verschiedener Pflanzenstoffe mit Medikamenten. Ist Grapefruit eine Ausnahme? Oder zeigen auch andere sekundäre Pflanzenstoffe, etwa in Brokkoli und Zwiebeln, gefährliche Wechselwirkungen mit Medikamenten? Prof. Sabine Kulling untersucht, was im Körper beim Abbau der sekundären Pflanzenstoffe genau passiert. Erste Ergebnisse sind beunruhigend. Prof. Kulling: „Es gibt inzwischen eine Reihe von Hinweisen für die verschiedensten Pflanzenstoffe, Glukosinolate oder auch Flavonoide, die mit Enzymsystemen wechselwirken, die für die Verstoffwechslung von Arzneimitteln von Bedeutung sind. Häufig sind es Befunde aus dem Reagenzglas, also In-vitro-Befunde, und wir wissen einfach noch zu wenig. Wir müssen in Zukunft schauen, ob diese Befunde Relevanz für den Menschen haben.“

Dass einzelne sekundäre Pflanzenstoffe unter bestimmten Umständen schädlich sein können, ist neu. Nun gilt es herauszufinden, welche Obst- und Gemüsesorten davon betroffen sind. Viele Studien hoben bislang die positiven Effekte auf die Gesundheit hervor. Doch auch das ist mehr als fraglich.

Pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel nicht sinnvoll

Trotzdem kommen immer mehr isolierte Pflanzenstoffe in Pillenform auf den Markt und werden als Gesundmacher vermarktet. Rechtlich gelten diese Botanicals als Lebensmittel. Auf Nebenwirkungen werden sie nicht getestet, auf ihren Nutzen allerdings auch nicht. Prof. Sabine Kulling hält deshalb nichts von solchen pflanzlichen Nahrungsergänzungsmitteln: „Es macht keinen Sinn, sekundäre Pflanzenstoffe in isolierter Form zu sich zu nehmen. Der Nutzen ist in der Regel nicht bewiesen. Außerdem ist die Gefahr der Überdosierung groß. Wie viel empfohlen wird, bleibt den Herstellern überlassen. Wir wissen, dass einzelne Stoffe gar nicht wirken, sondern nur in der komplexen Vielfalt. Um es vielleicht auf den Punkt zu bringen: Man kann die Komplexität einer Zwiebel mit ihren vielen verschiedenen, Hunderten von Verbindungen nicht in eine Kapsel packen. Die Wirkung ist eine andere.“

Botanicals sind für gesunde Menschen zwar ungefährlich, aber nutzlos und damit reine Geldverschwendung. Wer bestimmte Medikamente braucht, sollte diese Art von Nahrungsergänzungsmitteln ganz meiden und darüber hinaus seinen Arzt nach möglichen Risiken und Nebenwirkungen fragen.

Autorin:

Monika Kovacsics

Stand: 18.01.2012, 09.09 Uhr


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