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Hausbrand durch Styropor

  • SendeterminDienstag, 07. Februar 2012, 18.20 - 18.50 Uhr.
  • WiederholungsterminMittwoch, 08. Februar 2012, 13.00 - 13.30 Uhr (Wdh.).

Rückschau: Polystyrol-Fassaden

2005 kam es in Berlin-Pankow zu einem folgenschweren Zimmerbrand. Als Flammen aus einem geborstenen Fenster schlugen, entzündeten diese die mit Polystyrol gedämmte Fassade einer Wohnanlage und lösten eine Katastrophe aus. „Dass ein Zimmerbrand dazu führt, dass die Fenster platzen, die Flammen herausschlagen, das ist nichts Besonderes“, erinnert sich Albrecht Broemme, der damals als Leiter der Berliner Feuerwehr vor Ort war. „Dass aber die Fassade dann anfängt zu brennen, von sich aus den Brand mit einer starken Intensität weitertreibt, und dann von der Fassade aus das Feuer in weitere Wohnungen hereinläuft, das ist schon ein Fall, der Gott sei Dank sonst nicht vorkommt.“

Brandschaden an einer Hausfassade
Im Berliner Stadtteil Pankow kam es zu einem folgenschweren Zimmerbrand.

Bei dem Inferno in Berlin kamen zwei Menschen ums Leben, etliche konnten in letzter Minute über die Rückseite des Gebäudes vor den giftigen Rauchgasen gerettet werden. Doch die Staatsanwaltschaft Berlin stellte ihre Ermittlungen ein: Die Bauweise und Bauausführung der Fassade sei zwar „möglicherweise brandfördernd“ gewesen, „aber nicht in einer Weise vorschriftswidrig, dass sich hieraus eine strafrechtliche Verantwortlichkeit hätte herleiten lassen“.

Wohnung steht in Flammen
Die Staatsanwaltwschaft konnte keine vorschriftswidrige Bauweise nachweisen und musste die Ermittlungen einstellen.

Brandbeschleuniger Wärmedämmung?

Ein ähnlicher Fassadenbrand ereignete sich im Juni 2011 im niedersächsischen Delmenhorst: Jugendliche hatten in einer Wohnanlage zwei Müllcontainer angesteckt, gleich fünf Mehrfamilienhäuser brannten aus, etwa 200 Menschen mussten evakuiert werden. Offenbar fachte auch hier die Wärmedämmung das Feuer zusätzlich an. Die mit Polystyrol gedämmten Fassaden hatten Feuer gefangen, der Brand griff rasch auf die hölzernen Dachstühle mehrerer Gebäude über.

Versuch in einer Halle
In einem Versuch in der Materialprüfanstalt Braunschweig soll die Aussagekraft der bisherigen Brandtests überprüft werden.

Ein Test

Hartschaumplatten aus Polystyrol kommen bei über 80 Prozent aller energetischen Sanierungen zum Einsatz, denn diese sind vergleichsweise günstig und leicht zu verarbeiten. Vielen Bauherren ist die Brennbarkeit von Polystyrol nicht bewusst. Baurechtlich gelten die Platten bis zu einer Dicke von 100 Millimetern als „schwer entflammbar“. Was nicht heißt, dass diese nicht brennen. Die Brandsicherheit von Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) mit Polystyrol wird im Rahmen des Zulassungsverfahrens mit Brandversuchen im Originalmaßstab geprüft. Beauftragt und bezahlt werden diese Tests von den Herstellern der Systeme.

Giftige Rauchgase aus der Fassade

20 Minuten hätte die Dämmung den Flammen standhalten müssen. Doch diese fing so schnell Feuer, dass der Versuch bereits nach acht Minuten abgebrochen werden musste. Die Wärmedämmung stand – trotz eines zwischendurch abgestellten Brenners – lichterloh in Flammen. Am Boden unter der Versuchswand bildete sich eine Lache aus brennend abtropfendem Polystyrol. Und trotz maximal hochgefahrener Absauganlage breiteten sich große Mengen giftiger, schwarzer Rauchgase unter dem Dach der Prüfhalle aus. Uwe Zingler von der Feuerwehr Braunschweig musste den Brand mit seinem Team löschen. Sein Fazit: „Nach acht Minuten kann so eine Fassade schon gänzlich brennen, und es besteht die Gefahr, dass sich über die Fassade ein Dachstuhlbrand entwickelt. Und dann wird es für uns schwer – ebenso für die Bewohner.“

Polystyrol fängt Feuer
Nach acht Minuten kann eine Fassade schon gänzlich brennen. Dann besteht die Gefahr, dass sich über die Fassade ein Dachstuhlbrand entwickelt.

Warum ging der Test anders aus als die offiziellen Experimente des Zulassungsverfahrens? Es könnte entscheidend gewesen sein, dass der Versuch im Auftrag des NDR realistischere Bedingungen zeigte. Im Gegensatz zu herkömmlichen Tests verzichtete man auf den Einbau einer Brandsperre aus nicht brennbarer Mineralwolle über dem simulierten Fenstersturz. Diese 20 Zentimeter breiten Streifen werden bei den üblichen Brandversuchen verwendet und sollen ein Eindringen der Flammen in die Wärmedämmung aus Polystyrol verhindern. Im Hausbau kommen die Brandsperren aber nicht regelmäßig zum Einsatz.

Fragwürdige Ausnahmeregeln für den Brandschutz

Bei Einfamilienhäusern sind Brandsperren überhaupt nicht vorgeschrieben. Bei Gebäuden mittlerer Höhe (7 bis 22 Meter) müssen diese eigentlich über den Fenstern eingebaut werden – allerdings nur, sofern die Polystyrol-Hartschaumplatten eine Dicke von zehn Zentimetern überschreiten. Jedoch sei die Montage der Einzelstreifen besonders bei Fassaden mit vielen Fenstern zeit- und kostenintensiv, eine wesentliche Vereinfachung – ohne Abstriche bei der Brandsicherheit – biete aber der „umlaufende Brandriegel“, schreibt ein großer Hersteller auf seiner Webseite. Hierbei wird nach jeder zweiten Etage ein umlaufender, 20 Zentimeter breiter Riegel aus nicht brennbarer Mineralwolle verbaut. Damit gibt es aber jeweils ein ungeschütztes Zwischengeschoss, in dem ein Zimmerbrand auf die Fassade übergreifen kann. Diese Situation wurde im Versuch des NDR simuliert.

Haus mit eingebauten Brandstreifen
Die Montage von Brandsperren über den Fenstern ist zeit- und kostenintensiv.

„Wenn die Bewohner um das Brandrisiko wüssten, würden sie wohl deswegen auf die Straße gehen“, meint Albrecht Broemme, heute Präsident des Technischen Hilfswerks, der den Einsatz von Polystyrol in der Gebäudedämmung kritisch sieht. Der Brandschutz wird dem Experten zufolge nicht ausreichend beachtet. „Das Thema war eben bislang etwas für Fachleute, Bewohner werden erst vom Brand überrascht“, so Broemme.

Autor:

Güven Purtul

Stand: 07.02.2012


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