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Bioschwindel auch in Deutschland

  • SendeterminDonnerstag, 09. Februar 2012, 18.20 - 18.50 Uhr.
  • WiederholungsterminFreitag, 10. Februar 2012, 13.00 - 13.30 Uhr (Wdh.).

Es war einer der größten Skandale der Biobranche: Ende vergangenen Jahres flog auf, dass Betrüger aus Italien über Jahre hinweg konventionelle Agrarprodukte umdeklariert und als Bioware in ganz Europa verkauft hatten. Fest steht inzwischen, dass davon 17.000 Tonnen auch nach Deutschland gelangten. Es handelte sich vorwiegend um Soja und Weizen – Tierfutter für Biohöfe.

Netz mit Zitronen und Biozitronen-Etikett
Nicht überall sind die Kontrollen für Bioprodukte so streng wie hierzulande.

Die Nachfrage nach Bio steigt, und damit auch die Importe aus dem Ausland. Doch nicht überall ist das Kontrollsystem so streng wie hierzulande, und auch die Kontrollen deutscher Behörden zeigen immer wieder, dass nicht überall Bio drin ist, wo Bio draufsteht. Schwachstellen werden deutlich, Forderungen nach einem besseren EU-Biokontrollsystem werden laut.

Biolebensmittel: Wie funktionieren die Kontrollen?

Wer hierzulande Bioware produziert oder verkauft, bekommt regelmäßig Besuch von Biokontrolleuren. Ob das Biobäckereien, Biokantinen, Biobauernhöfe oder Biofuttermittelmischer sind, schlichtweg alle Betriebe, die Bioware produzieren und/oder in Umlauf bringen, werden auch kontrolliert. Nur so können sie das Biozertifikat erhalten beziehungsweise behalten. Die Ökokontrolleure kommen regelmäßig in die Betriebe – einmal pro Jahr unangemeldet. Sie prüfen, wie die Produkte angebaut und wie sie verarbeitet werden und ob die Richtlinien der Bioanbauverbände eingehalten wurden. Stichprobenartig wird die Qualität einzelner Bioprodukte auch mithilfe von chemischen Analysen untersucht.

Ökokontrolleure gehören keiner Ermittlungsbehörde an, sondern sind Dienstleister von staatlich anerkannten Ökokontrollstellen, vergleichbar mit dem TÜV. Stellt ein Ökokontrolleur bei der Überprüfung eines Unternehmens Mängel fest, werden diese in seinem Kontrollbericht aufgelistet und müssen innerhalb einer festgesetzten Frist beseitigt werden. Wird die untersuchte Ware wegen Pestizidrückständen beanstandet, darf sie nicht mehr als „Bio“ vermarktet werden. Schwere Verstöße gegen die Vorschriften werden von den Ökokontrolleuren den zuständigen Behörden gemeldet und dann strafrechtlich verfolgt.

Ökokontrolleure aus dem TV-Beitrag bei der Arbeit
Ökokontrolleure sind Dienstleister von staatlich anerkannten Ökokontrollstellen, vergleichbar mit dem TÜV.

Der aktuelle Skandal reicht weit zurück

Wie viel gefälschte Bioware aus Italien bei uns gelandet ist, ob sie als „Bio“ verkauft wurde und um welche Produkte es sich genau handelt – das kommt erst nach und nach ans Tageslicht.

Einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung leistet das EU-Öko-Kontrollsystem, doch regelmäßige Wareneingangskontrollen der verarbeitenden Unternehmen in der Biobranche sind ebenfalls wichtig. So berichtet Ökokontrolleur Norbert Lennartz von der Ökokontrollstelle ABCERT, dass ein Biofuttermittel-Betrieb in Niedersachsen schon vor Jahren von gefälschtem Biosoja aus Italien betroffen war. Norbert Lennartz: „Der Betrieb selbst hat etliche Analysen beauftragt, auch wir als Kontrollstelle haben das in der Vergangenheit immer wieder getan, und demnach, wie die Lieferscheine und Zertifikate hier vorliegen, ist die Ware, die hier verwendet wird, in Ordnung.“

In diesem Fall hat Biofuttermittel-Händler Rudolf Joost-Meyer zu Bakum mit seinem Eigenkontrollsystem verhindert, dass die gefälschte Bioware in Umlauf kam. Rückblickend erklärt er: „Bei uns ist gefälschte Bioware aus Italien letztmalig 2008 gelandet. Wir haben das damals analytisch auch festgestellt, reklamiert, zurückgeschickt und freuen uns jetzt eigentlich, dass die italienischen Behörden richtig gut arbeiten und die ganze Sache auch aufdecken. 2008 war nicht viel davon zu spüren.“

Dass Lieferungen der gefälschten Bioware schon ein paar Jahre zurückliegen, dafür sprechen auch die Ergebnisse des Chemischen Untersuchungsamtes in Stuttgart. Dort ist man auf Analysen von Pestizidrückständen in Obst und Gemüse spezialisiert. Regelmäßig untersuchen der Lebensmittelchemiker Dr. Eberhard Schüle und sein Team Bio- und konventionelle Ware im Vergleich. Als der Bioschwindel 2011 auffiel, reagierten sie sofort: „Ganz aktuell haben wir zum Ende des Jahres sehr intensiv Ware aus Italien untersucht. Hier haben wir keine besonderen Auffälligkeiten festgestellt. In der Vergangenheit wiederum hatten wir immer mal wieder in Einzelfällen auffällige Rückstände festgestellt. Das waren zum Beispiel Brokkoli, mal Karotten, aber in jedem Einzelfall wurde dem nachgegangen und die Ursachen aufgeklärt und abgestellt, sodass wir dann in den Folgejahren keine entsprechenden Auffälligkeiten mehr feststellen konnten.“

Verbesserungen des EU-Öko-Kontrollsystems

Wie die Biokontrollen hierzulande und in anderen EU-Ländern funktionieren, zeigt aktuell die CERTCOST-Studie: Wissenschaftler und Zertifizierungsexperten aus sieben europäischen Ländern haben drei Jahre lang das EU-Ökokontrollsystem untersucht, mit dem Ziel, das System zu verbessern. Allein die komplizierten Strukturen auf dem Biomarkt in ganz Europa zu überblicken, bedeutete etwa ein halbes Jahr Arbeit. Leiter des Forschungsprojektes ist Agrarökonom Dr. Stephan Dabbert von der Universität Hohenheim. Denkt er, dass man Bioskandale, wie den jüngsten in Italien, künftig verhindern kann?

Labormitarbeiterin bei der Arbeit
Im Rahmen der CERTCOST-Studie wurde das EU-Ökokontroll-
system drei Jahre lang auf Schwachstellen hin untersucht.

„Wir können den Betrug nicht vollkommen verhindern, aber wir können ihn erstens schneller aufdecken, zweitens dafür sorgen, dass er nicht diesen Umfang annimmt, den er in diesem Fall wohl angenommen hat. (...) Wir sollten die Systeme der Überwachung zwischen den Mitgliedsstaaten vereinheitlichen. Dazu gehört ein besserer Informationsaustausch zwischen den Kontrollstellen, die die Biobetriebe kontrollieren, und ein besserer Informationsaustausch zwischen den Behörden der Mitgliedsstaaten.“

Die wichtigsten Forderungen der Wissenschaftler sind, dass die Kontrollstellen in ganz Europa einheitlich überwacht werden, dass einheitliche Sanktionen stattfinden und dass Betriebe, die bereits unangenehm aufgefallen sind, stärker kontrolliert werden.

Trotz aller verbesserungsbedürftiger Schwachstellen, die die CERTCOST-Studie aufzeigt, fällt die Bilanz für Deutschland gar nicht so schlecht aus. Mit 31.000 Ökobetrieben und 46.000 Kontrollen im Jahr kam es gerade einmal zu acht Verstößen, die so gravierend waren, dass sie beim Staatsanwalt landeten.

Bessere Rückverfolgbarkeit bei regionalen Produkten

Angesichts der ungebrochen steigenden Nachfrage wünscht sich Ökokontrolleur Norbert Lennartz, dass „im Inland mehr Betriebe umstellen auf biologischen Anbau, denn je kürzer die Wege sind, desto transparenter wird das Verfahren, und desto besser wird auch die Sicherheit.“

Kürzere Transporte und weniger Spritverbrauch sind ohnehin der beste Weg zu ökologisch erzeugten Lebensmitteln.

Autorin:

Monika Kovacsics

Links:

Stand: 09.02.2012


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