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Sendung vom 14. Februar 2012
Biokosmetik: Wie viel Natur ist drin?
Nur Natur, keine Chemie soll in ihren Kosmetikprodukten stecken – das wünschen sich viele Verbraucher und geben dafür auch gerne mehr Geld aus. Für die Kosmetikindustrie ein Milliardengeschäft. Doch viele Produkte halten bei genauerem Hinschauen nicht annähernd, was die Werbung verspricht.
800 Millionen Euro setzte die Naturkosmetikbranche im vergangenen Jahr um. Die Verbraucher wollen zunehmend Gesundes auf die Haut – echte Naturkosmetik, ganz ohne Chemie. Doch nicht überall, wo Natur draufsteht, ist auch welche drin. Der Begriff „Naturkosmetik“ ist rechtlich nicht geschützt. Für den Verbraucher ist sie von konventioneller Kosmetik nicht immer zu unterscheiden.
„Greenwashing“ nennt man es, wenn Firmen auf der grünen Welle mitschwimmen, tatsächlich aber nur der Verpackung einen grünen Anstrich geben – mit Bezeichnungen wie „natürlich“, „öko“ oder „kontrolliert“. Der Dumme ist der Kunde: Er denkt, er kaufe grün, dabei kauft er konventionell ein – vielleicht sogar Chemie – und zu überteuerten Preisen? Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg kritisiert, dass der Käufer damit massiv in die Irre geführt werde: „Vorne sind Früchte abgebildet, es steht Bio drauf, und wenn man bei den Zutaten schaut, sind da Inhaltsstoffe drin, die in Naturkosmetik nichts zu suchen haben.“
Dabei sei es für viele Verbraucher wichtig, echte Naturkosmetik sofort zu erkennen, weil sie auf Mineralöle, künstliche Konservierungs– und Duftstoffe meist aus gesundheitlichen Bedenken verzichten wollten, erklärt der Dermatologe Dr. Jörg Keller: „Einige Parabene stehen im Verdacht, Krebs auszulösen und zudem auf den Hormonhaushalt einzuwirken. Außerdem können sie Allergien auslösen. Sie sind in fast allen konventionellen Kosmetika enthalten. Wir Dermatologen sehen das nicht sehr gerne. Wir denken, dass man auch ohne diese Stoffe auskommen kann und darauf verzichten sollte.“
Dänemark hat schon reagiert und die entsprechenden Parabene in Kinderkosmetik verboten. In Deutschland sind diese Inhaltsstoffe noch auf dem Markt. Sie sind zwar ausdrücklich gekennzeichnet, doch kaum ein Verbraucher weiß, was die Fachausdrücke eigentlich bedeuten.
Derweil reiten die Firmen mit ihrer grün gewaschenen Kosmetik weiterhin auf der Erfolgswelle der Naturkosmetik mit. Möglich ist das nur, weil der Begriff Naturkosmetik nicht geschützt ist. Bei der Zeitschrift Öko-Test vermutet man, dass eine ganz besondere Interessenlage dahintersteckt. Im Gegensatz zu ökologisch erzeugten Lebensmitteln kümmere sich die Politik in Deutschland und auch in der EU nicht um Naturkosmetik, kritisiert Jürgen Stellpflug von Öko-Test und erklärt: „Man kann nur vermuten, dass die großen Kosmetikkonzerne das gerne verhindern wollen.“
In den Kosmetikabteilungen tummelt sich eine Fülle von Siegeln. Der Fantasie der Stempel und Aufdrücke sind keine Grenzen gesetzt. Denn: Siegel suggerieren Qualität, und dafür zahlen Kunden gerne mehr. Die Firmen kreieren nicht selten ihr eigenes Label oder geben eines in Auftrag: „Die Label sind ein Riesengeschäft, sowohl für die Kosmetikfirmen als auch für die vergebenden Firmen“, sagt Jürgen Stellpflug. „Für die Kosmetikfirmen gilt: ,Papp ein Label drauf, und das Produkt verkauft sich gut.’ Also beauftragen sie ein Institut. Dieses labelvergebende Institut wird dafür bezahlt und erhält in aller Regel auch noch eine Umsatzbeteiligung. Für die beiden Firmen ist das eine Win-Win-Situation, aber dem Verbraucher nützt das gar nichts. Er ist der Verlierer.“
Hinzu kommt: Die Aussagen der Label und Siegel klingen scheinbar gut, der Wert für den Verbraucher ist aber oft gleich null. Viele Siegel sagen nichts aus, dienen nur dazu, den Verbraucher zum Kauf zu überreden wie zum Beispiel das Siegel „Dermatologisch getestet“. „Natürlich kann man davon ausgehen, dass eine Creme dermatologisch getestet ist, bevor sie auf den Markt kommt. Doch mit welchem Ergebnis? Es könnte ja auch sein, dass die Creme hochgradig Allergien auslöst. Das Label sagt also nichts darüber aus, was bei diesem Test überhaupt herausgekommen ist“, so Jürgen Stellpflug.
Wer genau wissen will, was die Siegel bedeuten, muss selbst recherchieren im Internet, auf den Seiten der Labelunternehmen oder der Hersteller. Verbraucherschützer fordern dringend Klarheit im Labeldschungel. Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg: „Wir fordern ganz klar ein staatliches Siegel, das auch neutral kontrolliert wird, worauf der Verbraucher sich verlassen kann, und das für ihn ganz klar signalisiert: ,Das ist Naturkosmetik’.“
Drei Siegel gelten bei Experten jedenfalls als seriös. Das vom BDIH (Bundesverband der Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungsmittel und kosmetische Mittel), von Natrue und von Ecocert. Sie garantieren, dass die Produkte frei sind von
Prinzipiell erlaubt ist in Produkten mit diesen Labels alles Pflanzliche, aber auch Inhaltsstoffe, die von lebenden Tieren produziert werden, wie Honig, Eier oder Milch. Die Rohstoffe kommen von ausgewählten Plantagen, meist aus kontrolliert biologischem Anbau.
Doch Vorsicht: Nicht nur auf den Hersteller achten, sondern auch auf das einzelne Produkt: Denn während die Creme eines Herstellers als Naturkosmetik zertifiziert sein kann, muss das nicht für das Shampoo desselben Hersteller gelten.
Sigrid Born und Nicole Würth
Stand: 14.02.2012
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