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Sendung vom 22. Februar 2012
Mogelpackung: Aromen
Wer im Supermarkt Fertiglebensmittel ohne Aromen kaufen will, muss nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen suchen. Mehr als 2.700 verschiedene Aromen bestimmen, warum Tütensuppe nach Huhn, Schokolade nach Erdbeeren oder Tee nach Kirschen schmeckt. Es gibt keine Geschmacksrichtung, die es nicht gibt. Selbst in Lebensmitteln, in denen man Zusatzstoffe niemals erwarten würde, etwa in Konservengemüse oder Bananenmilch, stecken mittlerweile Aromen.
In einem Bonner Supermarkt macht Haushaltsexpertin Yvonne Willicks die Probe aufs Exempel. Sie will wissen, in wie vielen der angebotenen Fruchtjoghurts Aromen stecken. Unterstützung bekommt Yvonne von Kundin Susanne H. und deren Tochter Gloria. Insgesamt 77 verschiedene Fruchtjoghurts nehmen die drei Frauen unter die Lupe. Das Ergebnis: In 29 Joghurts stecken künstliche Aromen, in 37 natürliche, und nur elf kommen ganz ohne Aromen aus – das sind gerade einmal 14 Prozent.
Die Hersteller sparen mit dem Geschmacksdoping aus dem Labor vor allem Kosten. Insbesondere Fruchtjoghurts enthalten oft nur winzige Mengen der auf den Bechern abgebildeten Früchte. Als Geschmacksgeber reicht das natürlich nicht aus, deshalb wird mit preiswerten Aromen nachgeholfen.
Ernährungswissenschaftler Dr. Stephan Lück zeigt Yvonne Willicks, wie einfach es ist, einen Fruchtjoghurt geschmacklich zu intensivieren. In seiner Kölner Praxis vermengt er eine halbe Erdbeere mit einem 250-Gramm-Schälchen Naturjoghurt, das ist ein echter Fruchtanteil von etwa drei bis fünf Prozent. In diesem Mischungsverhältnis stehen die meisten industriell hergestellten Erdbeerjoghurts in den Supermarktregalen. Da der Eigengeschmack der halben Erdbeere viel zu gering ist, greift Stephan Lück in die Trickkiste der Lebensmittelchemiker: Für die Optik gibt er einen Schuss Farbstoff in die Mischung, Zucker für die Süße und damit der Joghurt cremiger wird. Für den Geschmack reichen zwei Tropfen künstliches Erdbeeraroma. Yvonne Willicks ist verblüfft: Schmeckte der Erdbeerjoghurt ohne Zusatzstoffe viel zu lasch, ist er jetzt eine wahre Geschmacksexplosion, und das bei minimalem Kosteneinsatz: Aroma, Farbstoff und Zucker haben zusammen nur wenige Cent gekostet. Für dasselbe Ergebnis hätte Lück 30 bis 40 Gramm Erdbeeren verwenden müssen, sechs bis sieben Stück pro Becher – ein Vielfaches der Kosten.
Heutzutage werden vor allem natürliche Aromen in Lebensmitteln verarbeitet. Das klingt vertrauenerweckend und beeinflusst so die Kaufentscheidung vieler Verbraucher. Künstliche Aromen klingen nach Labor und haben bei Kunden mittlerweile ein negatives Image. Aber sind natürliche Aromen tatsächlich besser als künstliche?
„Natürlich“ klinge zwar nach Natur, erklärt Ernährungswissenschaftler Dr. Stephan Lück, die Aromen würden aber oft nicht aus den Früchten gewonnen, nach denen sie schmeckten, sondern aus allen möglichen pflanzlichen oder tierischen Ausgangsstoffen. So werde beispielsweise das Himbeeraroma in Fruchtjoghurts aus den Sägespänen von Zedernholz gewonnen. Richtig unappetitlich könne für viele die Erkenntnis sein, dass Pfirsicharoma aus Schimmelpilzen extrahiert wird.
Egal, ob künstlich oder natürlich – fast immer werden Aromen aus preiswerteren Stoffen zugesetzt, die auch noch intensiver schmecken. So fällt dem Verbraucher nicht auf, dass mit einem einzigen Suppenhuhn 5.000 Liter Hühnersuppe, einem Pfirsich 40 Babybreie oder einer Erdbeere 100 Tafeln Erdbeerschokolade gefüllt werden.
Problematisch findet Lück, dass Aromen viel intensiver schmecken als das Naturprodukt. Wer viele aromatisierte Lebensmittel isst, dem schmecken irgendwann keine echten Naturprodukte mehr, denn diese sind meist viel lascher im Geschmack. Das nennt man „Futterprägung“ und ist vor allem bei Kindern ein immer ernster werdendes Problem. So manipulieren „Lebensmitteldesigner“ unseren Gaumen schon von Kindheit an.
Auch die Verbraucherzentrale Hamburg warnt vor dem übermäßigen Konsum von aromatisierten Lebensmitteln. Denn Aromen würden wegen ihres intensiven Geschmacks zu mehr Essen anregen, und das fördere Übergewicht. Außerdem fehle es in der Ernährung an Vitaminen und Mineralstoffen, wenn Aromen statt Früchten gegessen werden.
Deshalb haben Ernährungsexpertin Silke Schwartau und ihre Kollegen von der Verbraucherzentrale Hamburg Fertiglebensmittel genauer unter die Lupe genommen. Dabei haben sie festgestellt, dass darin häufig nur winzige Mengen der abgebildeten Früchte, Nüsse oder Fleischsorten enthalten sind. Besonders ärgerlich findet Silke Schwartau folgende Produkte:
1. Die Erdbeer-Joghurt-Schokolade von Milka wirbt auf der Verpackung mit saftig roten Erdbeeren. Wer allerdings die Zutatenliste auf der Rückseite studiert, muss feststellen, dass lediglich 0,18 Prozent Erdbeeren in der Schokolade verarbeitet wurden. Diese Menge – das müsste eigentlich jedem klar sein – reicht niemals aus, die Schokolade nach Erdbeeren schmecken zu lassen. Das schafft Hersteller Kraftfoods nur durch den Einsatz von Aromen. Die Erdbeeren auf der Vorderseite sind für Silke Schwartau daher eine Verbrauchertäuschung.
2. Noch weniger Fruchtanteil fanden die Verbraucherschützer in der Bananen-Milch von Immergut. Lediglich 0,14 Prozent Bananensaft aus Konzentrat schafften es in die Milch – ein winziger Tropfen. Für den intensiven Bananengeschmack sind auch hier Aromen verantwortlich. Unglaublich, findet Yvonne, denn das Produkt wirbt mit dem Slogan „Verbesserte Rezeptur“. Wenn diese Rezeptur verbessert wurde, wie wenig Banane steckte denn vorher in der Bananenmilch?
Silke Schwartau fordert deshalb, dass mindestens fünf Prozent der namensgebenden Zutat im Produkt verarbeitet sein müssen, wenn – wie bei der Bananenmilch – der Name so groß ausgelobt wird.
Aber es geht noch dreister: Einige Hersteller sparen an den Rezepturen, indem sie auf Bananen, Pistazien oder Fleisch ganz verzichten und stattdessen ausschließlich Aromastoffe einsetzen:
3. Die Hühnersuppe von Knorr wirbt mit „hochwertigen Zutaten“, doch statt Hühnerfleisch findet man in der Zutatenliste lediglich Hühnerfett. Fett ist zwar ein Geschmacksträger, doch offensichtlich ist diese Menge so gering dosiert, dass der Huhngeschmack nur durch Aromen und Hefeextrakt erreicht werden konnte. Was das mit „hochwertigen Zutaten“ zu tun haben soll, bleibt Silke Schwartau ein Rätsel.
4. Der Kirsch-Banane-Tee von Teehaus wirbt auf der Vorderseite der Verpackung riesengroß mit den geschmacksgebenden Früchten. Tatsächlich fehlt laut Zutatenliste aber jede Spur von Kirschen und Bananen. Stattdessen besteht die Teemischung aus Hibiskus, Äpfeln, Hagebutten, Orangenschalen, süßen Brombeerblättern und Holunderbeeren. Wieder sorgen nur Aromen für den fruchtigen Kirsch-Bananen-Geschmack. Und diese Aromen lassen sich sogar anfassen, demonstriert Silke Schwartau. Sie schneidet einen Teebeutel auf und kippt den Inhalt auf eine Untertasse. In der Teemischung blitzen jede Menge weißer Granulatkügelchen hervor. „Das ist das Erdbeer- und Bananenaroma, das sich beim Aufbrühen im Wasser auflöst und so für den fruchtigen Geschmack sorgt“, erläutert die Verbraucherschützerin. Yvonne kostet eine dieser Granulatkügelchen – und tatsächlich: Kirsch-Bananen-Geschmack. Unglaublich, staunt die Servicezeit-Moderatorin.
Silke Schwartau fordert eine klare Deklarationspflicht für Aromen aller Art. Immer, wenn ein Produkt Aromastoffe enthält, müsse das Wort „aromatisiert“ bereits im Produktnamen auftauchen, etwa „aromatisierter Kirsch-Bananen-Tee“ oder „aromatisiertes Bananen-Milchgetränk“. Es könne nicht sein, dass mit Zutaten geworben werde, die nur in winzigen Mengen oder überhaupt nicht im Produkt vorkommen.
„Immer mehr Verbraucher fragen nach Lebensmitteln ohne Beigeschmack aus dem Labor“, berichtet Silke Schwartau. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat deshalb die Etiketten zahlreicher Produkte untersucht und eine Positivliste von aktuell 58 Produkten veröffentlicht, die laut Zutatenliste und Versicherung der Anbieter keine Aromastoffe enthalten. Die Positivliste gegen den schleichenden Prozess der Aromatisierung soll vor allem den Verbrauchern Hilfestellung geben, die den natürlichen Geschmack der Lebensmittel wieder genießen möchten. Die Liste wird ständig erweitert. Verbraucher sind zur Mithilfe aufgerufen.
Sebastian Schiller
Stand: 22.02.2012
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