Cholesterin: Alles nur Phobie?
- Donnerstag, 13. Dezember 2012, 18.20 - 18.50 Uhr
- Freitag, 14. Dezember 2012, 13.00 - 13.30 Uhr (Wdh.)
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Die Weihnachtszeit ist die Hochzeit des Schlemmens und Naschens. Den kalorienreichen Verlockungen zu widerstehen fällt schwer. Das schlechte Gewissen meldet sich ganz schnell: zu viel Zucker, zu viel Fett – und zu viel Cholesterin. Ab einem Wert von 200 Milligramm pro Deziliter Blut (mg/dl) gilt der Cholesterinspiegel als erhöht – ein Grenzwert, den viele beim Arztbesuch mit Bangen beobachten. Denn lange Zeit galt die Regel: Wer 200 mg/dl überschritten hat, braucht Medikamente, um Schlimmeres zu verhindern. Gilt das auch heute noch? Und hängen Essen und Cholesterinspiegel überhaupt so eng zusammen?
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Keine Angst vorm Frühstücksei: Cholesterin aus dem Essen spielt kaum eine Rolle.
Umstrittener „Grenzwert“?
Millionen von Menschen bereitet ihr Cholesterinwert riesige Sorgen. Aus Angst vor einem zu hohen Cholesterinwert essen zum Beispiel immer noch viele Menschen Eier und Butter nur mit schlechtem Gewissen oder verzichten ganz auf Lebensmittel, die Cholesterin enthalten. Sie plagen sich regelrecht, um den aktuellen Normwert, 200 mg/dl Gesamtcholesterin (LDL- und HDL-Cholesterin) zu erreichen. Diesen Wert haben Mediziner als eine Art Grenzwert für Menschen ohne Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall festgelegt. Die Untersuchung auf Cholesterin im Blut ist eine der häufigsten Laboruntersuchungen überhaupt – und bei schätzungsweise jedem zweiten Erwachsenen liegt der Wert tatsächlich darüber. Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, ob so ein niedriger Grenzwert überhaupt Sinn macht.
Folgende wissenschaftliche Erkenntnis wird viele entlasten, die akribisch versuchen, durch Verzicht den Cholesterinspiegel zu senken: Was und welches Fett wir essen, hat nur wenig Einfluss auf die Höhe des Wertes. „Wichtig ist vor allen Dingen“, so der Mediziner und Krankheitsforscher Professor Peter Sawicki, „sich zu vergegenwärtigen, dass Cholesterin im Essen nicht unmittelbar aus dem Darm in das Blutgefäß schwimmt und dort das Gefäß verstopft. So einfach ist das nicht: Das meiste Cholesterin wird gar nicht aus dem Essen aufgenommen, sondern wird in der Leber produziert.“
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Wer einen Gesamtcholesterinwert über 200 hat, muss nicht automatisch Medikamente nehmen.
Cholesterin ist kein Teufelszeug
Wie viel Cholesterin die Leber herstellt, ist vor allem genetisch bedingt. Cholesterin ist nicht grundsätzlich schlecht, sondern lebensnotwendig. Deshalb verlässt sich der Körper nicht auf die Zufuhr durch die Nahrung. Blutgefäße bringen es überall hin, wo es gebraucht wird. Das Cholesterin ist in Fett-Eiweiß-Kügelchen verpackt. Und davon gibt es zwei Arten: Die „schlechten“ LDL (Low Density Lipoprotein) transportieren Cholesterin zu Zellen und Organen. Die „guten“ Kügelchen – HDL (High Density Lipoprotein) – bringen Cholesterin in die Leber zurück.
Wenn sich – aus welchen Gründen auch immer – zu viel Cholesterin in den Gefäßen befindet, kann es sich an den Wänden ablagern und Arteriosklerose mit verursachen. Das Risiko: Es drohen lebensgefährliche Durchblutungsstörungen in Herz und Hirn, also Herzinfarkt und Schlaganfall.
Statine sollen Herzinfarktrisiko senken
Damit weniger Cholesterin im Blut ist und somit das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall geringer, verschreiben Ärzte sogenannte Statine. Doch wem nützen die Cholesterinsenker? Professor Sawicki: „Solche Medikamente sollte man auf jeden Fall nehmen, wenn man bereits eine Herzkranzgefäßerkrankung hat oder gar einen Schlaganfall, wenn man Durchblutungsstörungen im Bereich des Gehirns oder im Bein oder schon einen Verschluss im Bein hat. Nach solchen Erkrankungen sind solche Medikamente nützlich für die Menschen, und senken das Risiko für erneute Ereignisse. Wenn man nicht krank ist, also keine Herzkranzgefäßerkrankung hat und auch sonst keine weiteren Gefäßerkrankungen, dann bewirken diese Statine sehr wenig bis gar nichts.“
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Statine sollen das Risiko für Herzinfarkt senken.
Keine Medikamente für Gesunde
Also schlucken vermutlich viele Menschen, die gar keine Gefäßerkrankungen haben, völlig überflüssigerweise Statine und müssen mögliche Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Professor Sawicki macht jedoch andererseits darauf aufmerksam, dass ein Arzt auch solchen Patienten nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt Statine verordnen sollte, die keine erhöhten Cholesterinwerte haben. Denn diese Medikamente senken nicht nur das Cholesterin, sondern sie schützen auch die Gefäßwände und können dadurch einen neuen Schlaganfall oder Herzinfarkt verhindern. Es gibt sichere Hinweise darauf, dass niedrige Cholesterinwerte nicht automatisch Herzinfarkt und Schlaganfall verhindern können.
Individuelles Risiko zählt
Wie sinnvoll es ist, bei einem erhöhten Cholesterinwert ein Medikament einzunehmen, beurteilen Ärzte heute ganz individuell. So werden sie nicht einfach einem Patienten ein Statin verordnen, nur weil dessen Wert über 200 mg/dl liegt. Wer nicht familiär vorbelastet ist, nicht raucht, weder Übergewicht, Bluthochdruck noch Diabetes hat, hat auch nur ein sehr geringes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, und ein solcher Patient bekommt auch kein Rezept. Der Arzt wird den Patienten vielmehr zu gesunder Lebensweise und ausgewogener Ernährung, Normalgewicht und genügend Bewegung motivieren.
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Gesunde Kost mit viel Obst und Gemüse reduziert Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Cholesterinsenker: sinnvoll bei hohem Herzinfarktrisiko
Das sieht bei Patienten mit Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht schon anders aus. Anhand bestimmter statistischer Tabellen (zum Beispiel PROCAM-Scores) kann der Arzt das individuelle Risiko berechnen, innerhalb der nächsten zehn Jahre einen Herzinfarkt zu erleiden. Der Cholesterinwert ist dabei nur ein Risikofaktor von vielen.
Bei unserer Protagonistin aus dem Filmbeitrag mit Bluthochdruck, Diabetes, leichtem Übergewicht und einem Cholesterinwert von 294 wurde ein Risiko von rund 13 Prozent errechnet – Grund genug für die Ärztin, ihr zu einem Statin zu raten. So nimmt die Patientin jetzt zusätzlich zu den Medikamenten gegen Bluthochdruck und Diabetes täglich eine Statintablette – allerdings mit ungutem Gefühl: Denn Nebenwirkungen wie Muskelschmerzen bis hin zu Leberschäden sind nicht auszuschließen. Die Leberwerte sollten regelmäßig untersucht werden. Professor Sawicki: „Denn einen Leberschaden merkt man selber erst, wenn es zu spät ist.“
Abnehmen ist immer gut
Zurück zum Essen: Man kann den Cholesterinspiegel zwar kaum durch Verzicht auf cholesterinhaltige Lebensmittel senken, wohl aber durch Abnehmen. Wer Pfunde verliert und Normalgewicht anstrebt, senkt nebenbei den Cholesterinspiegel (wenn es denn nötig ist) und kann vielleicht wieder auf die Statintabletten verzichten. Also sind fettreiche Lebensmittel nicht wegen des darin enthaltenen Cholesterins tabu, sondern weil sie einfach zu viele Kalorien haben.
Und noch ein Aspekt ist interessant: Viele Salate, Gewürze, Obstsorten oder Öle enthalten natürliche Stoffe, die in der Leber die Bildung von Cholesterin hemmen sollen oder die Fettverdauung anregen. Aber letztlich geht es nicht um den Cholesterinspiegel, sondern darum, insgesamt das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall zu senken. Und dafür ist es allemal gut, Übergewicht loszuwerden.
Autorin: Anne Welsing
Stand: 13.12.2012, 14:00 Uhr
- Gesundes Herz (Servicezeit-Reportage vom 7. September 2012)
- Diabetes: Sport statt Medikamente (Servicezeit vom 8. Mai 2012)
- Gesundmacher: Diäten – Richtige Wege zum Wunschgewicht (Servicezeit vom 20. August 2012)
- Leitlinien zur Statintherapie Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e. V. (im PDF-Format, 679 KB)
- Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie von Fettstoffwechselstörungen in der Ärztlichen Praxis Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen DGFF (Lipid-Liga) e. V.
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