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Das "Sonderprogramm Prof. Speer" in Auschwitz-Birkenau


Als Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt hatte Albert Speer zur Durchsetzung seiner "Neugestaltungs"-Pläne die Massendeportation aller Juden aus Berlin betrieben. Als er Anfang 1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition wurde, lag ihm daran, seinen Rüstungsbetrieben die dort zwangsbeschäftigten jüdischen Arbeitskräfte vorläufig zu erhalten. Diese beiden einander widersprechenden Interessen verband er nun in einem abermals größerem Verbrechen: im Ausbau von Auschwitz zur Drehscheibe in einem Segment seines europäischen Sklavenarbeitssystems. Hier trieb die SS die als arbeitsfähig selektierten Deportierten der Rüstungsindustrie zu und ermordete die als nicht arbeitsfähig ausgesonderten Alten, Kranken und Kinder in den Gaskammern. Die Existenz des Lagers Auschwitz-Birkenau kostete mindestens 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen das Leben, und wer dem in Auschwitz vorgesehenen Mord entkam, blieb lebenslang durch den SS-Terror der Lager, durch die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen und durch die Zeugenschaft für unsagbares Verbrechen gezeichnet.

Die Bewilligung

In politischer Entscheidung machte Speer sich den Ausbau des KZ Auschwitz zum Vernichtungslager am 15. September 1942 [Pohl an Himmler, Bericht v. 16.9.42] zu eigen. In Anwesenheit seiner leitenden Mitarbeiter für Rüstung, Arbeitskräfte und Bauen genehmigte er da dem Chef des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamts Oswald Pohl und dessen Bau-Chef Hans Kammler die "Vergrößerung des Barackenlagers Auschwitz". Damit adoptierte er als Rüstungsminister das SS-Bauvorhaben, erkannte es als Generalbevollmächtigter für die Regelung der Bauwirtschaft (GB Bau) grundsätzlich als "kriegsentscheidend" an und verpflichtete dadurch seine regionalen Baubevollmächtigten, die Bezugsrechte für die kontingentierten Baustoffe vor Ort zuzuteilen. Erst Speer erkannte dem "Reichsführer SS" den Status eines eigenständigen Kontingentträgers zu, so dass Himmler nach dem 1. Oktober 1942 für seine Bauvorhaben keine interessierten Paten aus Reichsregierung, Wehrmacht und Industrie mehr benötigte. Der Reichsminister Speer aber blieb als GB Bau weiter entscheidend am Ausbau von Auschwitz zur Todesfabrik beteiligt.

"Nur" Kenntnis - oder Initiative?

Mehrere deutsche und österreichische Historikerinnen und Historiker gehen nicht nur von Speers Kenntnis von und Verantwortlichkeit für den Ausbau von Auschwitz-Birkenau zum Zwangsarbeits- und Vernichtungslager aus, wie sie seine Funktion als Minister und GB Bau mit sich brachte, sondern halten darüber hinaus seine politische Initiatorenschaft für möglich, wahrscheinlich oder erwiesen. Diese Lesart ist bisher weder in der wissenschaftlichen noch in der öffentlichen Diskussion akzeptiert. Mehrere jetzt in Akten der SS-Zentralbauleitung Auschwitz aufgefundene Dokumente erlauben nunmehr eine eindeutige Einordnung der seit den 80er Jahren in der historischen Fachliteratur zur Geschichte der Konzentrationslager zusammengetragenen Indizien und Belege für Speers Beteiligung am Völkermord an den europäischen Juden. Drei dieser Dokumente sollen hier vorgestellt werden, unmittelbar vom Tisch noch nicht abgeschlossener Recherche.

Vom Kriegsgefangenen- zum Vernichtungslager

Begonnen hatte die SS den Aufbau des Lagers Auschwitz im September 1941 als "Kriegsgefangenenlager der Waffen-SS". Kälte, Hunger, einem lebensvernichtenden Arbeitseinsatz und dem Terror der SS ausgesetzt, hatten von den etwa 10.000 sowjetischen Kriegsgefangenen keine tausend den Winter 1941/42 überlebt.

In der Perspektive der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 und aus der Einsicht heraus, dass mit der Übernahme hunderttausender sowjetischer Kriegsgefangener durch die Konzentrationslager nicht mehr zu rechnen war, nachdem bereits 2 Millionen von ihnen in deutscher Hand verreckt waren und der deutsche Vormarsch von der Roten Armee gestoppt war, bestimmte die SS zu Beginn des Jahrs 1942 die Funktion des Lagers Birkenau neu: Auschwitz sollte Zielort von Deportationen arbeitsfähiger Juden werden. Die ersten Deportationszüge trafen im März 1942 aus der Slowakei und aus Frankreich ein. Ab Mai 1942 folgten Massentransporte polnischer Juden aus den Ghettos; fast alle wurden sofort ermordet, in den beiden im März und Ende Juni 1942 provisorisch zu Gaskammern umgebauten Bauernhäusern im Nordwesten des Birkenauer Lagergeländes.

Ein Ende Oktober 1941 ausgearbeitetes Bauprogramm für Birkenau wurde insoweit verändert, als dass das zweite Krematorium, eingruppiert als "Hilfsbetrieb" des Lagers für 125.000 Gefangene und ab November 1941 als Krematorium mit unterirdischem Entkleidungsraum und Gaskammer, bezeichnet als "Leichenkeller", geplant, nicht auf dem Terrain des Stammlagers Auschwitz, sondern ab März 1942 direkt in Birkenau errichtet wurde. Dort waren zwei Vernichtungsstätten in Betrieb, und jenes unterkellerte Krematorium befand sich im Bau, als Himmler das Lager am 17./18. Juli 1942 besichtigte.

Himmlers Ausbauplanungen - und Speer

Die Entscheidung für den Ausbau von Auschwitz zu einem Zentrum der Vernichtung traf Himmler vermutlich nicht vor Ort, sondern erst, nachdem seine Experten für Deportationen und Bauten von ihren jeweiligen Inspektionsreisen im August 1942 berichtet hatten: Himmlers Dienstkalender zufolge erschien Adolf Eichmann am Nachmittag des 11. August 1942 in Himmlers Quartier in Winniza, Hans Kammler am Abend. Mit Speer konferierte der "Reichsführer SS" am nächsten Morgen um 10 Uhr. Es war dies bereits das zweite Treffen mit dem Rüstungsminister und Bau-Gewaltigen des Reichs nach der Inspektion des Lagers Auschwitz, ein erstes verzeichnet Himmlers Kalender für den 25. Juli 1942.

Als Generalbevollmächtigter für die Regelung der Bauwirtschaft musste Speer sich dienstlich für die Ausbauplanungen Himmlers in Auschwitz interessieren, denn seine Behörde genehmigte Bauvorhaben generell und händigte Bauzettel auf Gesamtkontingente aus, seine örtlichen Baubevollmächtigten prüften das Bauvorhaben und teilten die Bezugsscheine für kontingentierte Baustoffe zu. Und als Generalbauinspektor konnte Speer im Ausbau von Auschwitz die Chance sehen, die Blockade zu durchbrechen, in die sein im November 1941 der Gestapo erteilter Auftrag zur Räumung aller von Juden in Berlin noch genutzten Wohnungen geraten war. Im Januar 1942 hatten nämlich die Einsprüche von Berliner Betrieben, die Juden als Zwangsarbeiter beschäftigten, zum Stopp der Massendeportationen im Zuge von Speers dritter Großaktion der Wohnungsräumungen geführt. Als die Gestapo diese ab Juni 1942 wieder aufnahm, waren die Rüstungsarbeiter, soweit die Betriebe sie im Einvernehmen mit den Arbeitsämtern reklamierten, von der Deportation zurückzustellen. Wenn nun in Auschwitz in Kürze und auf Dauer ein kombiniertes Arbeits- und Vernichtungslager entstehen würde, ginge Speer durch die Deportation statistisch kein Rüstungsarbeiter verloren - und die in seiner Person verkörperten aktuell gegenläufigen Interessen als Generalbauinspektor und als Rüstungsminister würden durch die Eskalation des Verbrechens harmonisiert.

"Sonderprogramm Prof. Speer"

Das von Speer am 15. September 1942 genehmigte Ausbauprogramm für Auschwitz-Birkenau, dessen Baubeschreibung vom 28. Oktober 1942 im Militärarchiv Prag [Florian Freund, Bertrand Perz, Karl Stuhlpfarrer: Der Bau des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Zeitgeschichte Jg. 20/1993, H. 5/6] und dessen Prüfungsbericht vom 2. Februar 1943 zur Erlangung der Baufreigabe durch den Breslauer Baubevollmächtigten des Reichsministeriums Speer in den Zentralbauleitungsakten erhalten sind, bezeichnete die SS als "Sonderprogramm Prof. Speer" und "zusätzliches Bauvolumen Reichsminister Prof. Speer". Speers Name war Programm für den Ausbau von Auschwitz.

Möglicherweise garantierte nur die Verknüpfung mit Speers Interesse an der massenhaften Versklavung der als arbeitsfähig selektierten Deportierten in der Rüstungsindustrie dem Himmler'schen Bauvorhaben jene hohe Dringlichkeitsstufe, die erst es ermöglichte, den Aufbau des Lagers Birkenau Ende 1942 überhaupt fortzusetzen.

Ortstermin in Auschwitz

Speer interessierte sich kontinuierlich für den Bau des Zwangsarbeits- und Vernichtungslagers Auschwitz. Am 30. Mai 1943 garantierte er Himmler zu diesem Zweck die Zuteilung von Eisenkontingenten und veranlasste die Auslieferung von Baumaterial. [BArch NS 19 neu/994] Ein Aktenvermerk über den dieser Bewilligung vorausgegangenen Inspektionsbesuch der Speer-Mitarbeiter Desch und Sander in Auschwitz am 21. Mai 1943, das dritte, ausdrucksstärkste der hier vorzustellenden Dokumente, zeigt, auf welch umfassende und detaillierte Kenntnis der Verhältnisse in Auschwitz Speers Entscheidung sich gründete: Wie aus diesem am Tag nach dem Besuch entworfenen, in korrigierter Fassung erhaltenen Bericht der Zentralbauleitung hervorgeht, hatte der Lagerkommandant Höß die beiden Berliner Speer-Beauftragten und zwei Mitarbeiter der Breslauer Dienststelle des GB Bau, Schulz und Janson, über "Entstehung und Zweck" des Lagers unterrichtet. Dabei war ausdrücklich von der "Lösung der Judenfrage" die Rede gewesen. Gesprochen hatte man auch über die Aufgabe des KZ, die von 60 000 auf 100 000 anwachsende Zahl der Gefangenen der in der Nachbarschaft entstehenden Großindustrie - vor allem dem Bunawerk der IG Farbenindustrie AG - zur Verfügung zu stellen. Ziel der Besprechung von Seiten der SS war es, die Zuteilung von Eisenkontingenten für den KZ-Ausbau zu beschleunigen.

Der SS-Standortarzt behauptete, durch Verbesserung der Be- und Entwässerung die akute Seuchengefahr bannen zu können, für die man dem rassistischen Denkmuster folgend die ins Elend gezwungenen Menschen, die Juden aus den Ghettos des Ostens und die deportierten Sinti und Roma, verantwortlich machte. Während ihres fünfstündigen Besuchs besichtigten die Speer-Mitarbeiter die gesamte Anlage, "wobei die Erläuterungen der Besprechung durch die Inaugenscheinnahme bestätigt bezw. bei weitem noch übertroffen wurden". Das Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau verzeichnet für den 21. Mai 1943 die Ankunft eines Transports polnischer Juden aus dem Ghetto Sosnowiec: 65 Frauen wurden als Sklavenarbeiterinnen im Lager registriert und mit den Nummern 45312 bis 45376 für ihr Leben gekennzeichnet. Die anderen mehr als 900 Menschen tötete man in den Gaskammern.

Der Ortstermin mit den Delegierten des Rüstungsministers führte zum Erfolg. Ausgestattet mit anschaulichem Wissen und einer Lichtbildmappe trafen sie Ihren Chef Speer gleich am folgenden Tag. Dass der sich ausführlich unterrichten ließ, geht schon aus ihrer namentlichen Erwähnung und der Bezugnahme auf ihren Bericht in Speers erwähntem Schreiben an Himmler hervor.

Susanne Willems