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"Der Leisetreter"
So richtig aus sich raus zu gehen gestattet er sich nur ganz selten.
Lucien Favre, ein Leisetreter zwar an der Linie, doch auch ein Besessener dieses Spiels.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Total ohne Fußball ist schwer... schwer...
ja."
Mönchengladbach liegt ganz ruhig da, trotz des erstaunlichen Höhenflugs seiner Borussia auf Platz drei.
Jahrelang sah man nur Abstiegskampf am Niederrhein bis am 14. Februar dieses Jahres Lucien Favre kommt.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Als ich gekommen bin, war viel Druck da, weil wir am
Wochenende immer drei Punkte erreichen sollten. Ich habe mit vielen
gesprochen: Wir müssen unbedingt drei Punkte erreichen. Wir
haben viele Gespräche geführt, das ist klar, viele
Trainingseinheiten und hier war es sehr wichtig, dass die Spieler
Persönlichkeit und Charakter gezeigt haben."
Mönchengladbach, und das ist ungewöhnlich, hält die Klasse mit spielerischen Mitteln. Mit 1,7 statt vorher 0,7 Punkten pro Spiel rettet sich das Team in die Relegation gegen Bochum und bleibt erstklassig. Fußballexperten sprechen von einem Wunder. Dabei hat Favres Fußball System.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Sie haben sehr, sehr schnell verstanden, was ich genau
wollte. Wir haben hart trainiert, aber immer 95 Minuten mit dem
Ball. Taktisch, technisch und Lauf zusammen und die Spieler haben
sehr, sehr schnell kapiert. Das war sehr, sehr wichtig für
mich. Das hat mir sehr, sehr viel geholfen."
Im Nacken des 53jährigen Schweizer Trainers: die Angst.
Der Abstieg ist real, ein Vierteljahr lang: nur noch Endspiele.
Und Lucien Favre, der ohne Co-Trainer und ohne Gefolge kommt, hält dem enormen Druck stand. Fast allein und immer ruhig.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Das war ein, wie sagt man, ein Abenteuer, ein totales
Abenteuer. Und am Anfang mit zehn Punkten, 16 Punkten, das war
sehr, sehr schwer, die Spieler zu überzeugen. Aber sie haben
immer geglaubt, dass es möglich war, die Mannschaft zu retten
und die Zusammenarbeit war sehr, sehr gut, sehr gut, sehr intensiv,
sehr hart. Es war am Limit manchmal."
Der Mann der leisen Töne. Schweizer Meister als Spieler und Trainer. Spieler des Jahres, Trainer des Jahres bei Servette Genf, beim FC Zürich.
Lucien Favre, der in Gladbach ankommt und der angekommen ist.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Ich fühle mich sehr, sehr wohl hier. Mein Umfeld ist gut
und wir werden eine schwere Saison haben. Das ist klar für
mich, weil wir mit der gleichen Mannschaft spielen, die am Ende
gegen Bochum gespielt hat. Und deshalb kann ich bestätigen,
das wird eine schwere Saison. Aber trotzdem bin ich mittelfristig
sehr, sehr optimistisch."
Spannende Aussichten also für einen, der zuvor 17 Monate lang pausiert hatte. Sprachkurse, Führungsseminare, Favre arbeitet gewissenhaft an sich vor seinem Engagement in Gladbach.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Diese Pause hat mir sehr gut getan. Ich hatte damals 13 Jahre
kontinuierlich als Trainer gearbeitet und ich wollte mich
weiterentwickeln. Deshalb habe ich viele Kurse gemacht,
verschiedene Kurse, auch Sprachkurse. Ich habe an meinem Deutsch
gearbeitet."
Rückblende 2007: Mit gewohntem Tamtam präsentiert Dieter Hoeneß in Berlin den Schweizer Trainer, der die Hertha schon im zweiten Jahr an die Bundesligaspitze und zurück nach Europa führt.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Über Hertha zu sprechen: Das waren zweieinhalb
fantastische Jahre. Das ist schon lang, zweieinhalb Jahre in
Deutschland, wie Sie sagen, und für mich. Wir haben um den
Titel gespielt mit dem Etat Nr.13 und das war fantastisch und ich
erinnere mich mein ganzes Leben an Hertha und Berlin."
Doch als Folge des finanziellen Kollapses, sieht sich Favre im dritten Herthajahr plötzlich ganz unten wieder. Die Stimmung kippt.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Am Anfang als ich gekommen bin, habe ich auch zu viele
Kompromisse gemacht und es war klar eine Frage von Zeit, dass ich
gegen eine Mauer fahre. Das wusste ich schon."
Im Herbst 2009 verlässt Favre Berlin.
In Gladbach wird seine Verpflichtung Anfang des Jahres von nicht wenigen mit Skepsis aufgenommen.
Doch mit akribischer Detailarbeit feilt Favre an seinem Ideal vom modernen Fußball.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Was kann ich sagen, um zu resümieren? Wir
brauchen Zeit darüber zu sprechen. 1954 sind die Spieler vier
Kilometer gelaufen pro Spiel. Heute laufen sie zwischen
neuneinhalb, zehn und dreizehn, vierzehn - vielleicht
mehr."
Marco Reus profitiert am spektakulärsten vom blitzschnellen Pressing und Umschalten Marke Favre.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Die Schnelligkeit ist sehr, sehr wichtig, aber Schnelligkeit
meint für mich nicht nur laufen. Die Ballannahme ist sehr,
sehr wichtig, die richtige Bewegung und ja, das ist schon eine
große Änderung für mich und das wird noch schneller
in Zukunft sein für mich."
Tempofußball, die Orientierung am von ihm geschätzten Arsenal-Coach Wenger: unübersehbar.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Die Balleroberung ist auch sehr, sehr wichtig. So hoch wie
möglich, nachher der Ballbesitz ist sehr, sehr wichtig und den
richtigen Moment zu finden, um zu beschleunigen. Das ist eine
andere Phase, vielleicht im Zentralmittelfeld, wo du 20 Spieler
hast und du musst hier den Ball zirkulieren lassen und
plötzlich nach vorne spielen, um deinen Gegner zu
überraschen."
Die Konsequenz: Der Borussia-Park füllt sich mehr und mehr.
Nie zuvor in der gut 43 Jahre währenden Bundesligahistorie holt Gladbach mehr Punkte pro Spiel als unter Lucien Favre, der damit Trainerlegenden wie Udo Lattek hinter sich lässt, oder, man traut es sich fast nicht zu sagen, Hennes Weisweiler.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Ja, das ist sehr, sehr gut. Ich habe Hennes Weisweiler
persönlich kennen gelernt als er Trainer war bei Grasshopper
Zürich, hatte guten Kontakt mit ihm. In der Zeit von Udo
Lattek, von Hennes Weisweiler, das war schon vor 30 Jahren, als
Gladbach einer der besten Vereine in Europa war. Und das ist sehr,
sehr schwer zu vergleichen."
52.000 Zuschauer gegen Kaiserlautern, das gab’s noch nie hier. Und noch nie stand eine Gladbacher Abwehr so sicher wie unter Favre. Dritter hinter Bayern und Werder. Doch Lucien Favre bremst.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Diese Saison wird sehr schwer, weil ich sehe keinen Grund,
dass es anders wird. Weil noch einmal: Wir haben die gleiche
Mannschaft, die am Ende gegen Bochum gespielt hat. Aber mal sehen
was passiert auf Kontinuität."
Ein Romantiker des Fußballs? Vielleicht. In jedem Fall aber einer, der manche in Gladbach von einer Renaissance träumen lässt.
Lucien Favre, Trainer Borussia
Mönchengladbach:
"Total ohne Fußball ist schwer... schwer... ja. Aber
schwer zu planen in zehn Jahren, in fünfzehn
Jahren..."
Bis dahin bleiben solche Momente rar. Lucien Favre taugt nicht zum Lautsprecher oder zum Phrasenclown, auch damit passt er derzeit ganz gut an den Niederrhein.
Ein Film von Klaus Fiedler
Stand: 19.09.2011
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