"Der gläserne Profi"

Ein Film von Frank Diederichs


Verschiedenfarbige Strahlen

Für Statistikfreunde vorweg: Dieser Beitrag besteht aus 89 Sätzen, 1511 Wörtern - davon sind 149 Verben, 28 Adjektive und 72 Präpositionen.

Die Fußball-Arena in München. Samstagnachmittag.

Noch genau zweiunddreißig Minuten bis zum Spiel vom FC Bayern gegen Hannover 96. Es wird um Fußball gehen – und um Zahlen. Viele Zahlen. Überwachungskameras hängen seit Beginn der Saison in allen Stadien für die Statistikerhebungen.



Holger Rahlfs, Impire AG:
"Neben dem Scouting, was man auch bisher gekannt hat, also sprich, dass Spielbeobachter Ereignisse wie Zweikämpfe, wie Torschüsse, wie Pässe beobachten und erfassen, ist hinzugekommen, dass wir jetzt bei allen Spielen der Bundesliga ein Tracking durchführen, sprich: die Laufwege der Spieler, aller Spieler, von vorne bis hinten verfolgen und immer ihre Positionen auf dem Platz messen."

Nichts bleibt ihnen verborgen. Die Kameras zeichnen auf, wer wann wo wie schnell läuft. Es ist 15 Uhr 31. Das Spiel läuft seit 30 Sekunden. Die drei Männer von der Tribüne überwachen ab jetzt die Überwachungskameras.

Neben ihnen: Robert Klinger. Er beschreibt das, was Computer noch nicht bewerten können: Aktionen mit dem Ball. Zweikämpfe, Pässe, Ballbesitz.

Was der Scout im Stadion in sein Mikrofon spricht, wird hier verarbeitet: in der Firmen-Zentrale von "impire". Ein gigantisches Zahlenspiel, das für sich isoliert betrachtet aber keinen großen Wert hat – so die Kritiker.



Prof. Dr. Martin Lames, Sportwissenschaftler TU München:
"Die Impire-Daten liefern ja nicht diesen qualitativen Aspekt. Und man muss deutlich sagen, zumindest diese globalen Statistiken, die werden in der Praxis – aus meiner Sicht auch zurecht – weniger zur Kenntnis genommen, ja sind weniger Ausgangspunkt der Überlegungen, weil das einfach nicht die relevanten Informationen für die Trainingsgestaltung beispielsweise beinhaltet. Ich würde solchen Statistiken nicht so ganz trauen."

Doch solche Statistiken sorgen für Ärger – zwischen den Vereinen und den Medien. Lukas Podolski steht am Anfang der Saison am Pranger. Er läuft viel zu wenig und viel zu selten – so sagt es die Statistik, so berichten die Journalisten.



Prof. Dr. Martin Lames, Sportwissenschaftler TU München:
"Es gibt bei der Interpretation dieser Daten, dieser Laufstrecken, gibt es zwei Missverständnisse. Und das erste Missverständnis ist, dass es ein direktes Maß für die Leistungsfähigkeit des Spielers ist. Das stimmt nicht. Und das zweite Missverständnis ist, diese Relation 'Je-mehr-desto-besser': Je mehr Kilometer zurückgelegt werden desto besser ist gespielt."

Eine heikle Sache. Die Medien, die die Daten von Impire kaufen, und ungefiltert veröffentlichen, schaffen Daten-Sündenböcke.



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Horst Heldt, Manager FC Schalke 04:
"Wir müssen damit leben, aber es ist halt immer nur eine halbe Wahrheit – und wie gesagt – die Aufgaben, die ein Spieler gestellt bekommt, oder die Situation, das ist immer eine Betrachtungsweise, die von uns ausgeht und die wir natürlich festlegen müssen. Das heißt: Es ist ja nicht das alles entscheidende Kriterium wie viel einer läuft, oder wie viele Zweikämpfe einer gewinnt. Er muss die entscheidenden Zweikämpfe gewinnen."

Widerstand ist zwecklos. Die Profis müssen sich messen lassen, denn im Stadion gibt es keinen Datenschutz.

Und so sieht er dann aus, der gläserne Profi: Laufwege, Sprints, Beschleunigungswerte, Geschwindigkeit, Zweikampfwerte, Torschüsse, Paraden – alles wird von jedem erfasst – nur nicht die Vorgaben des Trainers, die taktische Ausrichtung und die Bewertung, ob eine Aktion spielentscheidend war.

Die Trainer machen sich aus der Statistik dann lieber ihren eigenen Reim.



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Horst Heldt, Manager FC Schalke 04:
"Wir haben auch einen Trainer, der eine Menge Erfahrung hat, der schon sein Bauchgefühl entscheiden lässt, oder seine Trainingseindrücke, die er da mit einfließen lässt, dass die eine größere Komponente darstellen, als der tatsächliche Wert, der am Spieltag abgegeben wird, oder nach dem Spiel bewertet wird."

Zurück in München. Der FC Bayern führt mit 1:0 gegen Hannover. Pause. Zeit für die Spieler, sich zu erholen, Zeit für die Trainer, ihre Mannschaften neu einzustellen – wenn sie wollen, mit Hilfe der Statistiken aus der 1. Halbzeit.



Holger Rahlfs, Impire AG:
"Das passiert alles in Echtzeit, das Tracking ist ein Live-System. Um als Trainer vielleicht noch den ein oder anderen Aspekt in die Spielsteuerung einzubringen, muss man auch Live-Daten haben."

Alles eine Frage der Geschwindigkeit: In 90 Minuten finden bis zu 2000 Aktionen mit dem Ball statt, dazu all die Bewegungsdaten. Alles wird in Echtzeit erfasst und verwertet – und die nächsten Innovationen werden bereits getestet.



Prof. Dr. Martin Lames, Sportwissenschaftler TU München:
"Biosensoren werden in Kleidung eingearbeitet, sodass also Atemfrequenz, Pulsrhythmus, Körpertemperatur natürlich übermittelt werden. Und wenn wir dann einen Ermüdungsindikator haben aus diesen Bewegungsdaten liegen die also in Echtzeit vor."

Horst Heldt, Manager FC Schalke 04:
"Klar ist eine Weiterentwicklung immer hilfreich, aber wir wollen den Fußball dann doch immer noch Fußball sein lassen und nicht zu einer Fließbandarbeit, wo nur am Computer entschieden wird, wie es weiter geht."

Prof. Dr. Martin Lames, Sportwissenschaftler TU München:
"Es ist auch überhaupt nicht abwegig, dass dem Trainer auch diese Ermüdungsdaten auch von der gegnerischen Mannschaft vorliegen und dass er da seine Planungen, oder Spiel-Steuerungsmaßnahmen darauf auch abstimmen kann."

Horst Heldt, Manager FC Schalke 04:
"Ich bin immer noch ein Fan davon, sein eigenes Urteil zu machen indem man einfach nur hinschaut, ist ein Spieler gut drauf, macht er einen guten Job, oder macht er keinen guten Job."

Die zweite Halbzeit in München. Früher hätte man einfach gesagt: Hannover muss jetzt kommen. Heute kann man das messen. Die Mannschaft, die zurück liegt, hat – rein statistisch gesehen – meistens mehr Ballbesitz.



Holger Rahlfs, Impire AG:
"Es gibt viele Begriffe, die im Fußball in den letzten Jahren ja auch sehr viel an Gewicht gewonnen haben: Hoch stehen, Abstand der Viererkette zur eigenen Torauslinie, kompakt stehen, doppeln. Das sind Begriffe, die werden plötzlich auch messbar, wir können die Abstände der Spieler in der Viererkette in bestimmten Situationen messen. Wir wissen wie das Positionsspiel bei eigenem Ballbesitz, bei gegnerischem Ballbesitz ist. Das sind alles Schlussfolgerungen, die man aus den Tracking-Daten gewinnen kann."

Die Vermessung des Fußballspiels – eine Wissenschaft für sich, die so kompliziert ist, wie das Spiel selbst. Aber manchmal haben statistische Erkenntnisse auch einen echten Erkenntnisgewinn für den Laien.



Prof. Dr. Martin Lames, Sportwissenschaftler TU München:
"Die beiden Mannschaften bewegen sich äußerst synchronisiert über den Platz. Die sind schon sehr stark gekoppelt. Und in höherklassigen Begegnungen ist diese Kopplung sehr viel enger innerhalb der Mannschaft und auch zwischen den Teams, als bei nicht so hochklassigen Begegnungen. Da macht mal jeder so, was er gerade möchte, bleibt also mal stehen, wenn die anderen laufen und das würde die Kopplung dann auflösen."

Die 68. Minute. Die Kopplung der Viererkette von Hannover löst sich auf. Christian Pander - rein statistisch gesehen der zweikampfstärkste Spieler dieser Partie - verliert nur drei Zweikämpfe – einen davon hier gegen Mario Gomez...



Prof. Dr. Martin Lames, Sportwissenschaftler TU München:
"Wenn es jetzt tatsächlich um die Identifikation von Stärken und Schwächen geht, nehmen wir an beispielsweise, wir haben eine Zweikampfstatistik: 55 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Erstens wissen wir, dass dieser Wert sehr stark fluktuierend ist, also in einem Spiel sehr hoch ist und im anderen Spiel sehr niedrig sein kann – und das ist ja immer der selbe Spieler. Das heißt, das ist nicht unbedingt eine präzise Messung der Zweikampfstärke des Spielers."

Horst Heldt, Manager FC Schalke 04:
"Wo man aufpassen sollte, das sind natürlich Vergleiche zu ziehen mit Spielern aus anderen Vereinen, weil das dann sicherlich nicht immer repräsentativ ist. Weil man dann die Aufgaben, die ein Trainer seiner Mannschaft oder einem Spieler stellt, gar nicht erfährt, sondern nur anhand der Daten urteilt – und das ist natürlich das Gefährliche."

Also was sagt es aus, wenn ein Spieler nur zehn Prozent seiner Zweikämpfe verliert, die aber zu Gegentoren führen? Und was ist mit den Zweikämpfen, denen er aus dem Weg geht? Sind 13 sinnlos gelaufene Kilometer besser als acht klug eingeteilte? Und wer sagt überhaupt, was klug ist?

Fragen für Fachleute, doch am Ende erklären Journalisten oder Fußball-Experten, warum ein Spiel so ausgehen musste, wie es ausgegangen ist.



Prof. Dr. Martin Lames, Sportwissenschaftler TU München:
"Oh ja, das ist, was mich wirklich ärgert. Das sind die so genannten Post-hoc-Erklärungen, also 'im Nachhinein' erklärt man Sachverhalte und die sind wissenschaftlich zurecht sehr sehr diskreditiert. Das geht also gar nicht. Das ist absolut uninteressant und entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage."

Das Spiel ist aus. Hannover hat verloren. Spiel- und Spieler-Analysen warten schon. Ewig viele Daten und Berechnungen, bei denen eine große Unbekannte fehlt: der Zufall.



Prof. Dr. Martin Lames, Sportwissenschaftler TU München:
"Wenn man zum Beispiel unter Zufallseinfluss versteht, dass ein Eigentor geschossen wird, oder der Spieler vom Gegner den Ball erhält, dass ein Abpraller verwandelt wird, wenn man die Merkmale aufaddiert, kommt man in der Regel zu einer Größenordnung von 40 bis 59 Prozent aller Tore, wo mindestens eins dieser Zufallsmerkmale beteiligt ist."

Holger Rahlfs, Impire AG:
"Und das ist ja das Schöne am Fußball, dass mit allen Datensätzen, die wir erfassen, er immer ein Stück unberechenbar bleibt und dass man nie vorhersagen kann, was im nächsten Spiel passiert."

Horst Heldt, Manager FC Schalke 04:
"Wir müssen immer wieder feststellen, dass tatsächlich das Spiel, das entscheidende Spiel, der entscheidende Moment, dass man den nicht vorbereiten kann, dass man den auch nicht absichern kann – und das ist auch das Schöne am Fußball, dass es meistens anders kommt, als man sich denkt."

Dem Zufall sei Dank. Die Zahlen können die Faszination des Fußballs nicht erklären - so wie das Zählen von Sätzen, Wörtern und Verben nichts darüber verrät, ob ein Film gut oder schlecht ist. Dieser hier dauerte übrigens genau neun Minuten und 28 Sekunden.

 

Ein Film von Frank Diederichs




Stand: 16.04.2012, 20:07 Uhr





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