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Ratgeber
Tiere suchen ein Zuhause
Sendung vom 20. November 2011
Tierhaarallergien bei Menschen
Etwa zehn Prozent der Haustierhalter leiden an einer Tierhaarallergie. Welche Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Und: Können Allergiker mit ihrem Tier weiter zusammenleben oder sich gar eines anschaffen?
1906 prägte der österreichische Kinderarzt und Universitätsprofessor Clemens von Pirquet den Begriff „Allergie“, definiert als „andersartige Reaktionsweise des Organismus als die erwartete, und zwar nach einer im Körper vorgegangenen Immunreaktion“. Eine Allergie ist also eine unangemessene Reaktion auf einen an sich harmlosen Stoff. Das unterscheidet sie – bei gleichen Symptomen – von der Unverträglichkeit, bei der eine Substanz für den Organismus eben nicht oder nicht mehr harmlos ist.
Seit etwa 50 Jahren sind Allergien ein Thema auf deutschen Ärztekongressen. Wie bei vielen Krankheiten mit ungeklärter Entstehungsgeschichte wird vermutet, dass es einen genetischen Auslöser für allergische Reaktionen gibt. Doch eine molekulare Grundstörung ist bis heute nicht gefunden. Man geht von einer erblich bedingten Neigung aus, die unter Umständen zur Allergie führt. Vermutet wird, dass das Immunsystem einerseits durch die moderne Hygiene und den ausbleibenden Kontakt mit Parasiten unterfordert wird und sich harmlose Gegner sucht und andererseits durch die Konfrontation mit täglich bis zu 80.000 bekannten Chemikalien sowie mit denaturierten Nahrungsmitteln überfordert wird.
Allergene heißen die Stoffe, auf die Allergiker reagieren. Es sind meist Eiweiße. Diese kommen im Urin oder Kot, in den Talgdrüsen und/oder im Speichel vor. Allergiker reagieren also nicht auf die Haare, sondern auf Allergene, die zum Beispiel bei der Fellpflege dort haften bleiben. Manches Allergen ist nicht tierischen Ursprungs, sondern wird von draußen mitgebracht – etwa Gräserpollen im Fell.
Ein Tier setzt verschiedene Allergene frei, vermutlich sind viele unentdeckt. Bei Katze, Hund und Pferd sind jeweils um die 20 Allergene sowie je ein Hauptallergen bekannt. Das Hauptallergen trägt seinen Namen, weil bei Tests über die Hälfte der Betroffenen auf dieses eine Allergen reagiert.
Auf den Verdacht einer Tierhaarallergie folgt meist ein Hauttest. Dabei wird ein Allergenextrakt in die angestochene Haut injiziert oder gerieben. Kommt es zu einer starken Schwellung, wird im Blut des Patienten weiter nach Antikörpern gesucht, die das Immunsystem gegen Allergene gebildet hat. Es wird nach Immunglobulinen, auch IgE-Antikörper genannt, gesucht, die als Indikator die Typ-1-Allergien anzeigen, zu denen auch die Tierhaarallergie gehört.
Mediziner stellen sich dies so vor: Die Antikörper werden nach dem ersten Kontakt mit dem Allergen gebildet und schlummern dann im Körper, bis das Allergen erneut auftaucht. Diese bringen dann Mastzellen zum Platzen, die eine Stickstoffverbindung (Histamin) ausschütten. Diese soll den vermeintlichen Feind unschädlich machen.
Die Hitliste der stark allergenen Tiere – ermittelt durch viele Tests bei Tierhaltern – wird von Meerschweinchen angeführt. 60 Prozent der Halter haben Antikörper gebildet. Sie sind, so der Fachausdruck, sensibilisiert. Dicht darauf folgen Katzen und Pferde als Auslöser für Allergien. Jeder zweite Besitzer ist sensibilisiert. Unter Hundehaltern ist es fast jeder dritte und unter Vogelhaltern jeder neunte Halter.
Testergebnisse alleine sind kein Beweis dafür, dass Symptome von einer Allergie herrühren. Ein Mensch kann Antikörper gebildet haben und sich trotzdem pudelwohl fühlen. Umgekehrt kann er allergisch reagieren, ohne Antikörper gebildet zu haben. Man spricht dann von einer „Pseudoallergie“, die nicht durch IgE-Antikörper vermittelt wird. Der Test wäre dann negativ, obwohl die Symptome vom Kontakt mit dem Tier ausgelöst werden. Es kommt auch vor, dass ein Allergiker auf Allergene reagiert, die in den kommerziellen Test-Kits verwendet werden, nicht aber auf Allergene vom eigenen Tier. Allergiker sollten also testen lassen, wie sie auf Substanzen vom eigenen Tier reagieren. Auch eine Trennung auf Probe kann Klarheit bringen, denn Tierhaarallergiker haben häufig mehrere Allergien.
Ein positiver Haut- oder Antikörpertest ersetzt keine Diagnose. Diese besteht aus der Anamnese (Krankengeschichte, Symptome) und dem Provokationstest (bewusst herbeigeführter Kontakt mit dem vermuteten Allergen).
Eine unbehandelte Tierhaarallergie kann zu chronischen Schäden führen, doch eine Unterdrückung der Symptome mithilfe von Medikamenten ebenfalls. Medikamente wie Kortison und Antihistaminika, die auch bei Inhalationsallergien eingesetzt werden, sind möglichst zu vermeiden. Die beste Therapie ist die Meidung des Allergens, bei Tierhaarallergikern also die Abschaffung des Haustiers.
Die einzige anerkannte, kurative Therapie ist die subkutane, spezifische Immuntherapie (SCIT). Dabei werden Allergene in aufsteigender Dosis gespritzt. Diese Impfung soll die Allergiker desensibilisieren. Allergene für Test- und Therapiezwecke, darunter auch das Katzenhauptallergen Feld 1, werden heute rekombinant, also mithilfe gentechnisch veränderter Mikroorganismen hergestellt. Sie werden, ebenso wie die Wirkstoffe in Vakzinen, beispielsweise durch den Zusatz von Formaldehyd und Aluminiumhydroxid chemisch verändert, haltbar gemacht und in ihrer Wirkung verstärkt.
Eine Desensibilisierungsmethode SCIT dauert drei Jahre und erfordert circa 50 Arztbesuche. Leichte Nebenwirkungen sind üblich, schwere selten. Manchmal entstehen durch die Immuntherapie neue Allergien. Laut Therapierichtlinie der allergologischen Ärzteverbände ist die Wirksamkeit der SCIT nur für Katzenhaarallergien durch wenige Studien belegt. Die SCIT wurde Tierhaarallergikern selten verschrieben, und zwar nur dann, wenn sie beruflich mit Tieren in Kontakt kommen. Die Indikation ist eingeschränkt, weil Tierhaarallergiker ganzjährig Kontakt zu Allergenen haben, Katzen und Hunde sind schließlich überall. Nicht umsonst beginnt eine Immuntherapie bei Pollenallergikern in der pollenarmen Zeit, so können Nebenwirkungen minimiert werden.
Weniger Nebenwirkungen soll die sublinguale, spezifische Immuntherapie (SLIT) haben. Dabei werden die Allergene in Form von Tropfen oder Tabletten unter die Zunge gelegt. Das spart Zeit und Kosten beim Arzt. In Frankreich und Italien, wo mehr Patienten Selbstzahler sind, ist die SLIT nach Angaben von zwei Herstellern (Stallergenes, Lofarma GmbH) eine Standardtherapie bei Tierhaarallergien. In Deutschland wird die SLIT nur zögerlich verschrieben, weil bislang wenige Studien zur Wirksamkeit vorliegen und sie für den Arzt im Vergleich zur SCIT weniger lukrativ ist.
Weil die Allergie eine Krankheit mit vielen Unbekannten ist, gibt es viele Schlüssel zum Erfolg. Zahlreiche Tierhaarallergiker berichten von guten Erfolgen mit Akupunktur, Homöopathie und Ernährungsumstellung oder einem allmählichen Verschwinden der Symptome aus unbekannter Ursache.
Vor fast 20 Jahren entwickelte Mechthild Hellermann des Schwelmer Modell zur psychoneuroimmunologischen Therapie von Allergikern. Sie und ihre Kollegen machten unter ärztlicher Kontrolle mit Allergikern das, wofür Ärzte keine Zeit haben – Entspannungsübungen und Ernährungsberatung – und tauschten Erfahrungen aus. Einige gesetzliche Krankenkassen bezahlen dieses Vorgehen, andere nicht. Hellermann hat im Laufe der Jahre Tausende Allergiker kennengelernt, darunter auch viele Tierhaarallergiker. Oft wollten die Betroffenen ihre Tiere nicht abschaffen oder hätten zwangsläufig Kontakt, weil die Tiere ihnen nicht gehörten, berichtet Hellermann. In diesen Fällen habe sie gute Erfahrungen mit einem Nasenspray gemacht, das den Wirkstoff Cromoglicinsäure enthält. Manchmal würden auch Tricks helfen, so Hellermann: „Ein Pferdehaarallergiker hat mir erzählt, dass er sich ein parfümiertes Tuch um den Hals gebunden und daran gerochen hat, bevor er Kontakt mit Pferden hatte. So hat er seine Allergie in den Griff bekommen. Ich habe diesen Tipp schon oft weitergegeben, und immer hat er funktioniert. Es scheint möglich zu sein, das Gehirn zu überlisten.
Was die Symptome noch lindern kann: häufiges Putzen, räumliche Trennung von Tier und Allergiker in der Wohnung, das Tier draußen unterbringen, ein Spray, das auf das Fell aufgetragen wird und das Riechen an fein gewürfelten Zwiebeln. Wer sich ein Tier wünscht, aber eine Allergie hatte oder hat, darf hoffen. In der Kindheit erworbene Allergien verschwinden oft von selbst. Zudem reagieren Tierhaarallergiker nicht unbedingt auf alle Tiere, sondern nur auf einzelne Individuen. Tiere produzieren eben verschiedene Allergene in unterschiedlicher Menge. Für Allergiker mit Tierwunsch gilt aber: Sie sollten die Reaktion auf das gewünschte Tier vorher testen. Am besten nicht nur beim Arzt, denn das wäre nur eine Momentaufnahme. Sicherer ist es, über mehrere Wochen Kontakt zum gewünschten Tier zu haben, etwa im Tierheim.
Und dann gibt es da noch die „Curly Horses“ oder die „Labradoodles“ und weitere Pferderassen, die speziell für Allergiker gezüchtet wurden. Die Züchter raten Allergikern, die Reaktion mit den Haaren eines Jungtiers zu prüfen. Doch junge Tiere bilden weniger und vielleicht auch andere Allergene als erwachsene Tiere. Es ist nicht einmal bewiesen, dass es wirklich allergenfreie Rassen gibt. Auch bei speziell für Allergiker gezüchteten Hundrassen wurden Allergene gefunden, noch dazu verschiedene (Lesen Sie zu diesem Thema im Fachartikel „Aktuelles zur Diagnose und Therapie der Hundeallergie“, s. u.). Durch mehrere Studien ist die Behauptung widerlegt, der in diese Hunderassen eingekreuzte Pudel sei besonders allergenarm, weil er sich nicht haare. Das Gegenteil ist der Fall: Der Pudel produziert besonders viel Can f1, das Hauptallergen beim Hund.
Katinka Schröder
Stand: 20.11.2011
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