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Kaninchenmast: Neues aus der Forschung

  • SendeterminSonntag, 05. Februar 2012, 18.15 - 19.10 Uhr.

Das Leben eines Mastkaninchens könnte tatsächlich wie im Paradies sein: Mit vielen Artgenossen in einem großen Stall herumhoppeln, den ganzen Tag Stroh oder Gemüse fressen und sich irgendwann ein ruhiges Eckchen zum Schlafen suchen. Auf einem Biobauernhof ist das möglich. Doch nur wenige Mastkaninchen erleben dieses Glück. Für die meisten sieht die Wirklichkeit anders aus.

Weiße Kaninchen in einem mit Streu ausgelegten Gehege
Das Leben eines Mastkaninchen zusammen mit vielen Artgenossen könnte schön sein. Doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus.

Ein qualvolles Leben in Drahtgitterkäfigen

Etwa 80 Prozent der deutschen Mastkaninchen leben in Käfighaltung – eingepfercht in winzige Drahtgitterboxen, die weder Rückzugs- noch Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Die Folge: Die Tiere leiden häufig unter Verletzungen und Verhaltensstörungen. Und oft werden sie mit Antibiotika vollgepumpt. Ein qualvolles, kurzes Leben, das – man mag es kaum glauben – nicht gegen das geltende Recht verstößt. Denn in Deutschland gibt es keine gesetzlich-verbindlichen Haltungsvorschriften für Mastkaninchen.

Kaninchen zusammengepfercht in Käfighaltung
Etwa 80 Prozent der deutschen Mastkaninchen leben in Käfighaltung.

Forscher entwickeln neues Haltungssystem für Mastkaninchen

Dass sich dies bald ändern könnte, hängt auch mit dem Forschungsprojekt von Julia Woodrow zusammen. Die Agraringenieurin gehört einem unabhängigen Team von Wissenschaftlern an, die im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit die Haltungsbedingungen für Mastkaninchen untersuchen soll. „Es geht hier primär darum, zunächst eine tiergerechte Alternative zur konventionellen Käfighaltung zu entwickeln und dann im weiteren Verlauf zu optimieren“, erklärt Julia Woodrow von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft.

2006 startete das Forschungsprojekt. Zunächst war das Ziel, eine strukturierte Bodenhaltung für Mastkaninchen zu entwickeln. Drei Jahre dauerte dieser Projektabschnitt, in welchem insgesamt 1.350 Tiere eingesetzt wurden. Statt der konventionellen Drahtgitterböden aus der Käfighaltung setzten die Forscher auf einen vollperforierten Kunststoffboden. Dieser wirkt sich zum einen positiv auf die Läufe der Kaninchen aus, zum anderen bietet er auch deutliche hygienische Vorteile, da die Tiere von ihrem Kot getrennt werden.

Anstelle eines kleinen Drahtgitterkäfigs entwickelten die Forscher ein geräumiges Haltungssystem, in dem bis zu 24 Tiere untergebracht werden können. „Die Kaninchen haben erhöhte Ebenen in dieser Bodenhaltung und auch die Möglichkeit, auf den Ebenen zu ruhen. Außerdem benutzen sie die Ebenen für das Beschäftigungsverhalten oder als Rückzugsmöglichkeit“, erklärt Julia Woodrow. Zusätzliches Beschäftigungsmaterial etwa in Form von Knabberhölzern wurde von Tieren ebenfalls ausgiebig genutzt.

Neues Gehege in der Kaninchenhaltung mit verschiedenen Etagen und
Kunststoffboden
Im Forschungsprojekt leben die Kaninchen in geräumigen Käfigen mit verschiedenen Ebenen und Möglichkeiten zur Beschäftigung.

Das Modellsystem wirkt sich positiv auf das Verhalten der Tiere aus

2009 begann der zweite Teil des Forschungsprojekts. Ziel war es nun, für jeweils 24 Tiere pro Gruppe einen zusätzlichen Auslauf mit eingestreutem Heu zu schaffen. „Wir haben den Tieren einen Außenklimabereich neben dieser Bodenhaltung zur Verfügung gestellt, der in einem überdachten Wintergarten untergebracht war. Die Tiere hatten Außenklimareize, waren aber vor direkter Witterung geschützt“, erklärt Julia Woodrow.

Als Verbindung zwischen dem Innen- und Außenbereich diente eine 80 Zentimeter lange Röhre – eine für die Kaninchen willkommene Abwechslung. Sie nutzten den zusätzlichen Auslauf etwa zwei Stunden am Tag. Der erweiterte Raum wirkte sich deutlich positiv auf das Verhalten der Kaninchen aus. Die Tiere bewegten sich sogar noch mehr als in der Bodenhaltung und zeigten auch häufiger Beschäftigungsverhalten.

Landwirte und Verbraucher müssen mitziehen

Die Forscher haben also eine tiergerechte Lösung für Mastkaninchen gefunden. Doch ein solches Modell muss sich auch auf dem Markt als praktikabel erweisen. Denn eine Bodenhaltung mit Beschäftigungsmaterial und zusätzlichem Außenraum bedeutet für den Landwirt einen höheren Arbeitsaufwand, der nur durch einen höheren Preis für das Endprodukt Kaninchenfleisch zu realisieren ist. Sowohl der Landwirt als auch der Verbraucher müssen also das Konzept unterstützen und mitziehen.

Dass dies durchaus funktionieren kann, beweist ein Modellprojekt in Baden-Württemberg. In einer großen Mastanlage leben rund 1.500 Kaninchen in Bodenhaltung, mit Heu, Beschäftigungsmaterial und ausreichend Platz. Das Projekt wird von einer großen Handelskette unterstützt, die das Kaninchenfleisch zu einem erhöhten Preis vom Produzenten kauft und zu einem ebenfalls erhöhten Preis den Kunden anbietet. Das Konzept geht bislang auf.

Siegel für Kaninchenfleisch aus Bodenhaltung
Die neue Haltungsform ist aufwendiger und damit teurer. Sie kann nur funktionieren, wenn Handel und Verbraucher das Konzept unterstützen.

Die Politiker müssen entscheiden

Es gibt also Alternativen. Nun sind die Politiker am Zug, um die Bodenhaltung für Kaninchen endlich verbindlich vorzuschreiben. Unterlagen mit den erforderlichen Eckdaten zu den veränderten Haltungsvorschriften liegen bereits vor. Angeblich soll im Sommer 2012 im Bundesrat die Entscheidung darüber fallen.

Autor:

Jörg E. Mayer

Stand: 03.02.2012


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