Am Abgrund

Anatomie der Kubakrise

  • Freitag, 12. Oktober 2012, 23.15 - 00.40 Uhr

Filmrolle abgewickelt

Zu keinem Zeitpunkt des Kalten Krieges war die Welt einer nuklearen Katastrophe näher als während der Kuba-Krise im Oktober 1962. Die übliche Version des Geschehens: Die Sowjets stationierten auf Kuba überraschend Mittelstreckenraketen, überrumpelten damit die nichtsahnende US-Regierung. Deren Verhandlungsgeschick verhindert den 3. Weltkrieg. Doch Historiker erzwangen ab 1987 die Freigabe von Geheim-Dokumenten der US-Regierung und förderten nach und nach eine völlig andere Version der Kuba-Krise zu Tage.



Luftaufnahme von sowjetischen Raketenabschußrampen, Raketentranportern und Tanklagern auf Kuba im Oktober 1962.

Wahlkampflüge: "Russische Raketenüberlegenheit"

Die Aufstellung sowjetischer Mittelstrecken-Raketen auf der Zuckerinsel war die Reaktion auf eine Kette politischer Provokationen seitens der USA, die sich die UdSSR nicht länger gefallen lassen wollte: Bereits drei Jahre zuvor (1959) hatten die Amerikaner atomare Jupiter-Raketen in der Türkei stationiert - unakzeptabel für die Sowjets: "In sechs Minuten konnten diese Raketen Kiew zerstören oder Charkow!", so der damalige Assistent Nikita Chruschtschows, Fjodor Burlatsky. 1961, ein Jahr vor der Krise, startete die US-Regierung ein groß angelegtes Rüstungsprogramm, ausdrücklich tauglich für den Erstschlag. Eine Bedrohung für die Sowjetunion, deren angebliche Raketen-Überlegenheit für den Wahlkampf des US-Präsidenten J. F. Kennedy erfunden wurde.

Der sowjetische Ministerpräsident Nikita Chruschtschow (l) kam am 28. Oktober 1962 der Forderung des amerikanischen Präsidenten J.F. Kennedy nach und veranlasste die Rückführung der auf Kuba stationierten sowjetischen Raketen.

Im gleichen Jahr scheiterte die mit Exilkubanern ausgeführte US-Invasion Kubas in der Schweinebucht - "Ein absolutes Debakel, eine der größten Dummheiten, die wir je begehen konnten", musste der damalige US-Verteidigungsminister Robert McNamara später zugeben. 1962 werden Pläne ausgearbeitet, nach denen im Oktober 1962 eine weitere US-Invasion der Revolution in Kuba ein Ende bereiten sollte. Die Kubaner wissen davon: "Wir rechneten fest mit einer neuen Aggression gegen Kuba und hatten deshalb einen Vertrag über Waffenlieferungen mit der Sowjetunion geschlossen," erzählt Jorge Risquet, ein Kampfgefährte Fidel Castros, der zunächst um ein gutes Verhältnis zu den USA bemüht war, von dieser aber entschieden zurückgewiesen wurde.

Atomare Sprengköpfe im Hinterhof der USA

Diese Karte zeigt die Reichweite der russ. Atomraketen auf Kuba: 1020 NM (1900 km) entspricht der SS-4, 2200 NM (4000 km) der SS-5-Raketen.

Die Stationierung der sowjetischen Raketen war auch eine Reaktion auf die ständige Bedrohung Kubas durch die USA. Was die Kubaner allerdings nicht wollten und was in den USA lange unbekannt war: Bei den im Spätsommer 1962 auf Kuba stationierten sowjetischen Raketen handelte es sich nicht nur um konventionelle, sondern auch um atomare Waffen: "Chruschtschow wusste mehr als wir", musste McNamara später zugeben. "Er wusste, dass es nukleare Sprengköpfe gab." - "Es war für die Amerikaner eine psychologische Krise", urteilt der Sohn Nikita Chruschtschows Sergej in dieser Dokumentation. "Sie mussten akzeptieren, dass sie nun wie andere auch verwundbar waren."

Menschheit am Rand des Abgrunds

"Am Abgrund" - eine Dokumentation, die Vorgeschichte und Ablauf der Kuba-Krise exakt nachzeichnet und dabei erstmals nicht vorwiegend die US-Sicht, sondern auch die sowjetische und kubanische Perspektive offen legt. Amerikanische, russische und kubanische Zeitzeugen erzählen die Geschichte aus ihrem Blickwinkel. Der Autor entschlüsselt so Stück für Stück Hintergründe der Kuba-Krise, die die Menschheit an den Rand des Abgrunds führte. "Man kann nicht behaupten, dass wir den Atomkrieg wegen geschickter Führung abwenden konnten", muss McNamara zugeben. "Es war nichts anderes als unverschämtes Glück. Denn die Entscheidungen beider Seiten waren beeinflusst von Fehlinformationen und falschen Einschätzungen."

Film von Werner Biermann
Redaktion: Gudrun Wolter, Sabine Rollberg




Stand: 04.10.2012