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Doku am Freitag
Interview mit dem Genealogen Markus Weidenbach
"Fragt man einen Schatzsucher, was für ihn die entscheidende Motivation ist, wird er weniger das finanzielle Endergebnis sehen als vielmehr die Suche an sich, das Aufspüren und Jagen. Genauso geht es vielen Familienforschern: Die kriminalistische Seite bei der Aufklärung eines "Falles", das kribbelige Gefühl beim Eintauchen in die Familiengeschichte ist ein starker Beweggrund. Eine Original-Urkunde, die von einem Vorfahren eigenhändig geschrieben wurde oder sein Schicksal erhellt, kann einen unglaublichen Zauber und Reiz ausüben.
Außerdem sind die familiären Gegebenheiten immer vor dem Hintergrund der Landesgeschichte zu sehen: Krieg und Frieden, Aufschwung und Krise, konfessionelle und territoriale Zersplitterung (vor 1806 gab es im Deutschen Reich über 300 unabhängige Staaten!). Man trifft auf ganz unterschiedliche Herausforderungen: alte Schriften, Fremdsprachen (im Rheinland v.a. Französisch und Latein), Namenkunde, Zeitrechnung. Die Genealogie ist eine bunte Mischung verschiedenster Fachgebiete.
Daneben gibt es aber gerade in Deutschland einen dritten, wichtigen Faktor: Nachdem bereits vor 1933 viele familiengeschichtliche Quellen erschlossen worden waren, hat die NS-Ideologie (Stichworte: Reichssippenamt, Ariernachweis, Judenverfolgung) einen tiefen Bruch verursacht. Noch in den 1970er Jahren war die Familienforschung nicht von diesem üblen Nachgeschmack befreit und lag am Boden. So gibt es hierzulande eine Menge aufzuholen, während z.B. die Forscher in Benelux deutlich besser aufgestellt sind. In den kommenden Jahren werden wir noch viel genealogisches Neuland betreten."
"Mit der eigenen Forschung habe ich 1987/88 angefangen. Dazu gab es wohl mehrere Auslöser: Meine mütterlichen Großeltern haben einen nicht geringen Anteil an meiner Erziehung. Beide waren sehr traditionsbewusst und haben mir als dem ältesten Enkel viel erzählen können. Nach dem Tod meines Großvaters habe ich die Verwandten am Niederrhein "interviewt". Meine Oma hat mir auch das Lesen der alten Schriften beigebracht.
Meine väterliche Großmutter war sehr alt (geboren 1901). Sie kannte ihr Dorf so gut wie auswendig, die familiären Zusammenhänge bis weit ins 19. Jahundert zurück waren ihr geläufig. Sie starb erst 1991 und war natürlich ein äußerst interessanter Gesprächspartner. Zu der Zeit sind auch zwei Ortsfamilienbücher erschienen, worin große Teile meiner mütterlichen Vorfahren zu finden waren. Darin war auch der Zusammenhang unserer Familie mit Ludwig van Beethoven beschrieben. Es ist wohl überflüssig zu erklären, warum ich viele Stunden im Koblenzer Stadtarchiv verbracht habe..."
"Die Familienforschung verlangt ein systematisches Vorgehen, d.h. man darf keine Generation auslassen, sondern man muss Schritt für Schritt vorgehen. Wenn man eine Geburtsurkunde hat, fragt man als nächstes nach der Heirat der Eltern. In dieser Heiratsurkunde sollten die Herkunftsorte von Braut und Bräutigam stehen. Dort sucht man wiederum nach den Geburtseinträgen, welche die Eltern enthalten. So hangelt man sich durch die Generationen.
Zuerst befragt man lebende Verwandte und legt eine grobe Skizze der Vorfahrentafel an. Irgendwann kommt man aber nur noch mit urkundlichen Einträgen weiter. Hier sollte man vorzugsweise die Standesämter benutzen, da die Einträge in den Kirchenbüchern meist weniger informativ sind. Wichtig: Quellentext kopieren, übersetzen und Fundstelle vollständig zitieren!
In dem Zusammenhang ist ein Begriff sehr wichtig: Zuständigkeit. Die Archive, Pfarrämter und Standesämter sortieren ihr Material nicht nach Zunamen. Vielmehr lautet die Frage, die man sich bei jeder Suche stellen muss: An welchem Ort hat zu welcher Zeit welches Ereignis stattgefunden? Welches Amt war zu der fraglichen Zeit für die Aufzeichnung dieses Ereignisses zuständig? Ein Ereignis, das kann eine Geburt/Taufe, Heirat/Trauung oder Sterbefall/Begräbnis sein, aber auch ein Testament, ein Kaufvertrag, ein Gerichtsprozess, ein Grundbucheintrag oder eine Steuererhebung.
Bei einem Toten Punkt soll man nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. In Vereinen und Mailinglisten trifft man Mitforscher, die einem viele nützliche Ratschläge geben können. Im Internet findet man manchmal den entscheidenden Hinweis, woher ein Vorfahr gekommen ist. Aber es ist Geduld gefragt; bei einer Forscherkollegin hat es viele Jahre gedauert, bis sie einen Toten Punkt um 1720 überwinden konnte (mittlerweile geht der Mannesstamm bis um 1400 zurück!)."
"Wenn das zuständige Archiv weit entfernt liegt, muss man sich natürlich fragen, ob man bereit ist, Fahrtkosten und Fahrtzeit in Kauf zu nehmen. Außerdem rentiert sich ein Archivbesuch auch nur dann, wenn man mit den Archivbeständen wenigstens grob vertraut ist. Wenn man zudem mit den alten Schriften und Sprachen Probleme hat, kommt man mit einem Archivtag nicht besonders weit; jedenfalls nicht so weit wie ein professioneller Genealoge.
Die Durchführung einer Recherche durch einen Berufsgenealogen berechnet sich meistens nach Arbeitszeit, Auslagen und Fahrtkosten. Die Gesamtkosten richten sich natürlich nach dem Arbeitsaufwand. Die Übersetzung eines lateinischen Kirchenbuch-Eintrages ist bei den meisten Kollegen für wenig Geld zu bekommen, eine komplette Familienchronik wird zu einem wesentlich höheren Betrag führen. Wer einen Spezialisten beauftragt, sollte ihm möglichst konkret mitteilen, was er haben möchte und bis zu welchem Höchstbetrag. Bei der Kontaktaufnahme sollte der Genealoge natürlich seinen Stundensatz angeben und auch Auskunft über Forschungsmöglichkeiten geben können. Zudem wäre eine Einschätzung der Erfolgschancen hilfreich."
"Man muss ausdrücklich vor Verlagen warnen, die so genannte "Familien-Weltbücher" anbieten. Hier wird unter anderem vorgegaukelt, alle Träger eines Namens seien miteinander verwandt (was tatsächlich nur in wenigen Fällen zutrifft). Der Inhalt ist oft aus fremden, nicht selbst recherchierten Quellen zusammengestellt und bringt für die eigene Familienforschung so gut wie nichts.
Auch ist Vorsicht geboten bei Pauschal-Angeboten ("20 Namen für 50 EUR") und "Geld-zurück-Garantie". Jede Forschung ist individuell, und oft kann man nicht vorausschauen, wohin sie führt. Weiterhin sollte man nicht auf Abonnement-Fallen ("Zwei-Jahres-Vertrag") hereinfallen. Das OLG Frankfurt hat die Betreiber solcher Internetseiten bereits verurteilt (nachzulesen unter Az. 6 U 187/07 und 6 U 186/07).
Gerade im Bereich Heraldik wird nicht wenig Schindluder getrieben. Auch hier muss man sicherstellen, dass eine echte Forschung stattfindet, dass der Bezug zur wappenführenden Familie urkundlich nachweisbar ist. Wenn jemand ein Wappen anbietet, ohne den Mannesstamm zu prüfen: Finger weg, egal wie billig es ist!
Letztlich ist die Beauftragung eines professionellen Forschers Vertrauenssache. Vertrauensfördernd ist z.B. eine eingehende Beratung beim Erstkontakt. Auch die Spezialisierung des Genealogen auf ein geographisches Gebiet verspricht einen gewissen Erfolg; denn niemand kann sich quer durch Europa überall auskennen. Nicht zuletzt kann man sich im Voraus über die Arbeitsweise von Genealogen informieren; manche haben eine Homepage, manche tragen zu Diskussionsforen bei oder haben neben ihrer Arbeit an Veröffentlichungen mitgewirkt. Wer mehr über die Grundsätze des Berufsverbandes Deutschsprachiger Genealogen erfahren will, kann das im Internet tun unter: www.berufsgenealogie.net."
"`Wenn das Leben Dir Zitronen reicht, mache eine Limonade daraus.` Nach dieser Weisheit sollte man sich über einen Schafhirten oder Straßenräuber (z.B. Schinderhannes) unter den Vorfahren genauso freuen wie über einen Professor oder Patrizier. In meiner eigenen Familiengeschichte habe ich fast alles gefunden, von einem Würzburger Münzmeister im 13. Jahrhundert bis zu vagabundierenden Kleinkrämern in der Eifel. Ein Hunsrücker Ahne war sogar zwölf Jahre in Festungshaft. Ich denke, wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen, unabhängig von deren Geldbeutel oder Kerbholz."
Stand: 17.01.2012
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