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Meisterwerke
Sendung vom 23. März 2010
Christian Rohlfs: „Der verlorene Sohn“
Ein Tanz auf offener Bühne, ein flotter Dreier vor illusionistisch abstraktem Hintergrund: zwei leicht bekleidete Damen und im Zentrum ein melancholisch verträumter Jüngling, „Der verlorene Sohn“. Die Szenerie ist in leuchtendem Gelb gehalten. Eine zwiespältige Farbe, die für Sonne, Licht und Lebensfreude steht. Aber auch ein Symbol für Neid, Diskriminierung, Schande. Die rhythmisch strukturierte Bewegung des Bildes erstarrt hinter einem milchigen Schleier. Es ist ein schwungvoller Auftritt, und doch scheint das Amüsement gebremst.
Der Titel des Gemäldes verweist auf eine Erzählung in
der Bibel. Aber in seiner Sinnlichkeit zielt es über
moralische Verwerflichkeit hinaus. Lust und Frustration im Bordell.
Wird der Träger des Unterrocks gerade noch festgehalten oder
soll er mit Absicht von der Schulter gleiten? Freizügigkeit
und nackte Haut. Der Körper bis über die Hüften
entblößt. Das Gewand so gerafft, dass nichts verborgen
bleibt. Die Farben sind mit dem Borstenpinsel zerkratzt, die
Konturen verwischt. Das Rouge der Damen wirkt wie eine
flüchtige Tätowierung.
Den verlorenen Sohn bei den Dirnen malt der fast 70-jährige
Christian Rohlfs (1849-1938) während des Ersten Weltkriegs.
Alt und behindert, nimmt er die Katastrophe aus der Distanz wahr,
sucht weiter seinen Weg in schmerzlich leuchtenden Farben, in
Nachtstimmungen. „Ich bin mit dem Naturalismus zu Ende und
stilisiere, dass sich die Balken biegen. Deshalb will ich von der
Natur auch gar keine Bilder malen, sondern mir bloß Material
verschaffen.“
1901 hatte der Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus den damals
52-jährigen Maler überzeugt, von Weimar nach Hagen zu
übersiedeln und im Museum Folkwang Quartier zu beziehen. Hier,
in einem Haus der Kunst, in einer Heimstatt der europäischen
Avantgarde, lebt und arbeitet Christian Rohlfs fortan. Eine
einzigartige Situation. 1938 stirbt der Künstler - im
Lehnstuhl seines Hagener Ateliers.
Martina Müller
Stand: 08.03.2010
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