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WESTPOL
Sendung vom 19. April 2009
Kurzarbeit
Viele Firmen beantragen keine Verlängerung der Kurzarbeit mehr, sondern müssen Personal entlassen. Gewerkschaft und Arbeitgeber in NRW machen sich bereits Gedanken über Transfergesellschaften, die die Entlassenen auffangen können. Die Politik dürfte mitspielen: Schließlich hilft im Wahljahr alles, was die Arbeitslosenstatistik schönt.
Eine ungewohnte Situation für Marcel Paschertz. Statt in der Gießerei steht er heute vor den Kollegen. Paschertz trägt vor, was er in den letzten Weiterbildungsseminaren gelernt hat. Die Arbeiter werden qualifiziert, weil zu wenige Aufträge da sind. Seit Februar hat ihr Arbeitgeber Trimet Kurzarbeit angemeldet. "Das tut im Portemonnaie natürlich weh, Einschnitte sind da, für jeden einzelnen von uns", sagt er. "Aber es gibt natürlich auch Hoffnung, dass es von kurzer Dauer ist."
Auf dem Betriebsgelände sieht es nicht danach aus. Die Produktion der letzten Wochen liegt auf Halde. Um 40 Prozent ist der Umsatz des Essener Aluminiumherstellers Trimet eingebrochen. Autohersteller haben massenhaft Aufträge storniert. 660 Mitarbeiter sind deshalb in Kurzarbeit, vorerst bis Ende des Jahres. Was danach passiert, ist völlig unklar. Betriebsrat Thomas Flesch fürchtet, es könne zu Entlassungen kommen. "Die Angst ist nicht von der Hand zu weisen. Wenn die Situation in der Weltwirtschaft sich nicht verbessert, kann es auch dazu kommen, dass hier Mitarbeiter entlassen werden."
Die Zahl der Kurzarbeiter ist in den letzten Monaten sprunghaft angestiegen. Von 5.000 vor einem Jahr auf jetzt 150.000. Ein Plus von 3.000 Prozent. Unternehmen dürfen bis zu 18 Monate kurzarbeiten, Mitarbeiter und Betriebe erhalten dafür Geld von der Arbeitsagentur. Diese Verlängerung hat die Politik gerade erst beschlossen. Nun denkt sie über eine weitere Ausweitung nach. Ein Vorschlag, der längst von der Realität überholt wurde, sagt der DGB-Vorsitzende Guntram Schneider. "Es ist absehbar, dass spätestens nach der Sommerpause ein Teil dieser Arbeitnehmer nicht mehr in Kurzarbeit sein wird, sondern dann stehen betriebsbedingte Kündigungen an."
Deshalb wollen Gewerkschaften und Arbeitgeber Hand in Hand den entlassenen Mitarbeitern den Gang zur Arbeitsagentur ersparen. Ihr Mittel der Wahl heißt: Transfergesellschaften. Bisher nur bekannt von Firmenpleiten. "Alles geschieht unter der Überschrift: Die Menschen, so weit es irgendwie geht, vor Arbeitslosigkeit zu schützen. Parken und qualifizieren in Transfergesellschaften - und dann in die Betriebe zurück übernehmen", erklärt Guntram Schneider. Luitwin Mallmann vom Arbeitgeberverband Metall fügt hinzu: "Wir wollen erreichen, dass die Mitarbeiter, die abgebaut werden müssen, im Kontakt zum Unternehmen bleiben und dann wieder anfangen können - und nicht verloren gehen in der Zeit der Arbeitslosigkeit."
Arbeitsmarkt-Experte Professor Gerhard Bosch unterstützt den Vorschlag von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden. "Beide haben die Erfahrung gemacht, dass in der letzten Wirtschaftskrise qualifizierte Kräfte entlassen wurden und dann im Aufschwung die Facharbeiter fehlten, nicht mehr da waren. Das will man vermeiden. Vor allen Dingen in der alternden Gesellschaft. Ich halte das für richtig. Das kommt auch den Steuerzahler teuer, wenn auf einmal die Fachkräfte fehlen." Transfergesellschaften - eine Idee aus NRW. Bei der CDU-Bundestagsfraktion will man nichts davon wissen, dort setzt man weiter auf die Kurzarbeit. "Ich glaube, es macht keinen Sinn, wenn Betriebe in schwierigen Zeiten ihre Mitarbeiter auf Kosten der Allgemeinheit in Transfergesellschaften auslagern, um sie dann in besseren Zeiten zurückzuholen. Genau für solche schwierigen Zeiten ist das normale Kurzarbeitergeld gedacht", sagt Ralf Brauksiepe, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der CDU.
Die Verlängerung des Kurzarbeiter-Geldes wird wohl kommen. Auch wenn es an der Realität von Betriebe wie Trimet vorbeigeht. Eins dürfte klar sein: Im Wahljahr wird die Politik alles dafür tun, dass die von der Krise Betroffenen nicht in Arbeitslosen-Statistik auftauchen. Da dürfte im Zweifel jedes Mittel recht sein.
Stand: 07.05.2009