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WESTPOL
Sendung vom 26. Juni 2011
Unerfahrene Fahranfänger
Nachschulung für junge Fahranfänger: ein Patenrezept, um die hohe Zahl von schweren Verkehrsunfällen in dieser Altersgruppe zu senken? Österreich macht es vor. Allerdings wird dort die Nachprüfung von weiteren Auflagen flankiert. WESTPOL prüft, ob sich dieses Modell auf NRW übertragen lässt.
Zum Glück – nur nachgestellt und doch eine realistische Simulation. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 50 km/h. Die jungen Fahranfänger sind beeindruckt. All das ist freiwillig. 200 Auszubildende von Degussa in Marl werden auf Initiative des Arbeitgebers von der Verkehrswacht für den Ernstfall geschult – es soll aber auch abschrecken, Prävention hautnah. Neben Überschlagsimulator und Gurtschlitten gibt es einen Rauschmittelparcours – eine spezielle Brille simuliert 1,3 Promille Alkohol im Blut. Doch was hier Spaß macht, kann im Straßenverkehr zur Katastrophe führen.
Vor allem junge Autofahrer sind die größte Gefahr für sich und andere. Der Weg zum sicheren Autofahrer ist lang, erklärt Prof. Egon Stephan, Verkehrspsychologe an der Uni Köln: "Man braucht sieben Jahre Praxis, bis man einen guten Ausbildungsstand erreicht hat. Und da ist es klar, wenn das früher stattfindet, wird diese Lernzeit verkürzt und damit mancher Unfall vermieden. Natürlich erreicht man immer nur die Vernünftigen“.
Und die Unvernünftigen? Katja Müller ist heute Mitte
30 – mit 19 hatte sie unverschuldet einen schweren Unfall,
ist seitdem 80 Prozent gehbehindert. Sie auf dem Motorrad, eine
junge Fahranfängerin kommt ihr auf der Landstraße
entgegen, überholt riskant und stößt frontal mit
Katja Müller zusammen: "Ich hatte einen
Trümmerbruch in Hüfte und Becken. Ich hatte
Trümmerbruch im Kniegelenk, offene Unterschenkelfraktur und
einen Trümmerbruch im Fußgelenk“.
Monate liegt sie im Krankenhaus, muss ihren Beruf aufgeben, ihre
Hobbys: "Ich war schon sehr positiv eingestellt, das Leben
muss weitergehen. Aber diese Momente, wo man einfach sehr traurig
ist, sehr depressiv ist, die gibt es natürlich auch. Wo man
sich fragt: warum passiert mir das?".
Pfingsten 2007 dann der nächste Schicksalsschlag: ihr Mann Stephan wird auf der Autobahn getötet, ein anderer Autofahrer hat einfach die Spur gewechselt: "Das ging alles unheimlich schnell. Die Gedanken sind ganz woanders. Man steht da, fällt in ein schwarzes Loch, weil der Anblick an sich war so furchtbar“. Katja Müller hofft, dass ihr Schicksal anderen erspart bleibt.
Risikogruppe Fahranfänger: erste Ansätze der Politik endlich gegenzusteuern. Vorbild Österreich: Hier gibt es seit 8 Jahren den so genannten Phasenführerschein – die Unfallzahlen sind seitdem um 30 Prozent gesunken. Doch das österreichische Modell beschränkt sich nicht nur auf mehr Fahrstunden. Sicherheitstraining UND psychologische Beratung kommen dazu.
Hierzulande müsse wenigstens das Sicherheitstraining Pflicht werden, meint Heinz Hardt, Präsident Verkehrswacht NRW: „Ein vorgeschriebenes Sicherheitstraining ist für den Fahranfänger wesentlich von Vorteil, weil er auf einem gesicherten Übungsplatz sein Fahrzeug austesten kann, als jetzt in der Fahrschule noch mal in ein bis zwei Stunden durch die Stadt zu kutschieren“.
Zur Zeit steht noch die Verkehrserziehung im Vordergrund. Das Land NRW versucht seit einem Jahr mit Schockvideos und Erfahrungsberichten junge Autofahrer zu erreichen. Auch Katja Müller will ihren Beitrag leisten. Für eine Ausstellung der Polizei Bergisch Gladbach unter dem Titel „Jeden kann es treffen“ hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben.
Die Polizei will die Fahranfänger emotional packen, so Uwe Ortmann von der Polizei Bergisch Gladbach „Wir planen mit dieser Ausstellung in die Schulen zu gehen, die weiterführenden Schulen, Berufsschulen. Und in den Vorgesprächen mit den Schulen werden wir auch mit den Lehrern darüber sprechen, dass eine Nachbereitung stattfinden muss, zwingend stattfinden muss. Denn wir halten es für ganz wichtig, dass die jungen Menschen nicht nur die Texte lesen, sondern dass sie auch danach noch begleitet werden und diese Themen aufgearbeitet werden“.
Verkehrserziehung und Beratung allein reichen aber nicht aus. Deshalb der Ruf nach weitergehender Schulung. Nachschulung, Sicherheitstraining - sicher alles lästig und teuer. Doch nichts gegen lebenslanges Leiden oder die Schuld, dafür verantwortlich zu sein.
Stand: 26.06.2011
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