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WESTPOL
Sendung vom 26. Juni 2011
Quo vadis RWE?
Der Energiekoloss RWE wurde von der "Energiewende" scheinbar kalt erwischt. Eine überzeugende Zukunftsstrategie fehlt - noch. Doch die Anteilseigner fordern Antworten ein. RWE muss daher agieren und sich gleichzeitig arrangieren, z.B. mit den Kommunen, die Aktionäre sind und zugleich eigene wirtschaftliche Interessen verfolgen.
In der aktuellen Atomdebatte, da haben sich die Energiekonzerne in der öffentlichen Wahrnehmung nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Besonders die Essener RWE hat vor allem durch die wortgewaltigen Äußerungen ihres Vorstandschefs Jürgen Großmann auf sich aufmerksam gemacht.
Dabei hat sich die Führungsspitze intern schon seit Wochen damit abgefunden, dass die Politik und die Mehrheit der Bevölkerung „raus“ will aus der Atomstromproduktion. Jetzt muss der „Riesentanker“ RWE umsteuern. Eine schwierige Aufgabe, die ohne Schrammen und Beulen nicht zu schaffen ist.
Es braut sich etwas zusammen über dem RWE-Turm. Ein großer Umbruch steht bevor bei der mächtigen Nummer 1 im deutschen Strommarkt. Kritik hat RWE in den vergangenen Wochen viel bekommen. Nicht nur bei der letzten Hauptversammlung. Vor allem Vorstandschef Jürgen Großmann, weil er den Atomausstieg kritisiert und sich mit Klagen dagegen wehrt.
Kenner des Unternehmens fordern dagegen vom Top-Management, dass es die politische Entscheidung akzeptiert – und darauf reagiert. So wie Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz: „Das Allerwichtigste ist, dass RWE jetzt ganz schnell eine neue Strategie entwickelt und viel wichtiger als das, dass sie wieder Vertrauen herstellen, indem sie diese Strategie auch kommunizieren. Das ist bisher noch nicht passiert. Das muss jetzt ganz schnell passieren“.
Die Ausgangslage für die „Energiewende“ ist bei RWE besonders heikel. 63 Prozent des produzierten Stroms stammten 2010 aus den Stein- und Braunkohlekraftwerken. 27 Prozent kamen aus den ursprünglich fünf Kernkraftwerken; zwei wurden jetzt abgeschaltet. Gaskraftwerke machten sechs Prozent der RWE-Produktion aus. Und nur ein Prozent stammte aus regenerativen Quellen.
Die Differenz zwischen Atomstrom und Ökostrom ist also besonders groß. So groß, dass RWE diese Stromlücke nur zu einem Teil selbst schließen kann, erläutert RWE-Vorstand Leonhard Birnbaum: „Ein Beispiel kann ich Ihnen geben. Um Biblis in seiner Stromproduktion zu ersetzen, bräuchten wir 3.500 Windturbinen. 3.500 Windturbinen bauen wir nicht eben so. Das ist ungefähr 40 Prozent der komplett installierten Leitung in Deutschland zur Zeit“.
Weil es mit der Windkraft nicht geht, sucht RWE nach anderen Möglichkeiten, um die Kernkraft zu ersetzen. Doch dabei stößt das Unternehmen auf Widerstand. Wie in Südlohn im Kreis Borken, wo viele Gemeinden und Privatleute die Kraft von Wind und Sonne längst nutzen. RWE wollte an dieser Stelle eine Biogas-Anlage bauen, um aus der Gülle der Landwirte Strom zu machen.
Eine Anlage im großen Maßstab, typisch für das Denken bei RWE. Aber: die Menschen hat der Gedanke an Gülle-Transporte Tag und Nacht aufgeschreckt.
Experten sind sich einig: nur bei den teuren Offshore-Windparks in der Nordsee wird RWE ohne Konkurrenz und Widerstand sein. Bei den anderen Ökoenergie-Arten droht der Marktführer ins Hintertreffen zu geraten. Und das hat Folgen für das Gesamtunternehmen, warnt Prof. Christoph Weber von der Universität Duisburg-Essen: „Ich denke, der Marktanteil wird zurückgehen. Nicht zuletzt deshalb weil kommunale Unternehmen verstärkt investieren; weil beim Ausbau der Erneuerbaren RWE und die anderen Großen einen geringeren Marktanteil haben und weil auch ein gewisser politischer Wille dahinter steckt“.
Durch den Atomausstieg ist RWE noch stärker von seinem alten Kerngeschäft abhängig: der Braun- und Steinkohlenverstromung. Trotz der CO2-Belastung wird dieser Energieträger für eine Übergangszeit benötigt. Zwei moderne Kraftwerke werden gerade in Neurath und Hamm gebaut. Nur: wie lange diese Anlagen gebraucht werden, ist umstritten – auch in der rot-grünen Landesregierung.
Dieses Zeitfenster muss RWE nutzen, um andere Geschäftsfelder zu entwickeln. Auch internationale Kooperationen, etwa mit der russischen Gazprom, gehören zu den Plänen der Manager für die „RWE der Zukunft“. Dazu RWE-Vorstand Leonhard Birnbaum: „Sie wird einen erheblich größeren Anteil an Erneuerbaren haben, an konventioneller, moderner Erzeugung, die wir brauchen. Aber auch noch erhebliches Netzgeschäft, Gasgeschäft und auch Geschäft in sonstigen Aktivitäten wie zum Beispiel dem Vertrieb“.
Mit dem „Vertrieb“ ist das Geschäft mit den privaten und gewerblichen Endkunden gemeint. Das findet häufig mit den örtlichen Versorgern gemeinsam statt. Viele dieser Stadtwerke sind nicht nur Partner, sondern auch Aktionäre von RWE. Und als solche formulieren sie ihre Unzufriedenheit mit dem bisherigen Kurs.
So wie Guntram Pehlke vom Verband der kommunalen Aktionäre: „Ich glaube, dass RWE flexibler werden muss, gerade was die Frage Erzeugung, was die Frage Erzeugungsformen, Kooperationsformen angeht. Bisher neigt RWE wie alle Großkonzerne dazu, Partnerschaften auf einer Position der Mehrheit wahrzunehmen. Das wird sich ändern müssen“.
Die "Energiewende" hat RWE plötzlich und unvorbereitet getroffen. Ein überzeugendes Zukunftskonzept fehlt noch. RWE wird weiter gebraucht. Doch die alte Vormachtstellung dürfte verloren gehen.
Stand: 26.06.2011
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