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WESTPOL
Sendung vom 03. Juli 2011
Rauer Wind in Fitness-Branche
Jung, schlank, schön und - natürlich - topfit. Der Zeitgeist beschert der Fitness-Branche mit ihren zahlreichen Studios in Deutschland einen echten Boom. Doch was für die Kunden möglicherweise gesund ist und Spaß macht, ist für die Beschäftigten mitunter alles andere als ein Vergnügen. Denn die Beschäftigungsverhältnisse vieler Trainer sind prekär. Betriebsräte sind ungewollt, das Salär bescheiden, der Erfolgsdruck enorm. Es herrscht ein rauer Wind zwischen Crosstrainer und Laufband.
Fitness überall. Fitness-Center auch überall. Trainieren rund um die Uhr, für 16.90 Euro. Billiger gehts kaum. Mehr als 1 Million Mitglieder hat zum Beispiel Marktführer McFit inzwischen. "Einfach gut aussehen" – für die Beschäftigten in der Branche sieht es nicht so gut aus. Feste Jobs sind die Ausnahme, die meisten sind Minijobber, Freiberufler oder arbeiten in Teilzeit.
Simon Gilljohann hat Sport- und Fitness-Kaufmann gelernt und kennt die schlechten Arbeitsbedingungen für Trainer vor allem in den großen Ketten: "Die bekommen viel zu wenig Geld natürlich, müssen oftmals in mehreren Studios arbeiten, sind sehr, sehr schnell ausgebrannt aufgrund dieses Stress des immer Hin- und Herfahrens. In jedem Studio dann 120 Prozent lächelnd, freudestrahlend über die Fläche zu huschen oder Kurse zu geben."
Das Problem - Es gibt keinen Tarifvertrag. Nur Gehaltsempfehlungen des Arbeitgeberverbandes. Beispiel: Freiberufliche Trainer bekommen danach nur zwischen 8,50 Euro und 11 Euro pro Unterrichtsstunde. Simon Gilljohann will von den Ketten nichts mehr wissen. Beim Sportpark Landwehr in Solingen verdient er als Trainer jetzt so viel, dass er davon leben kann. In den kleinen Betrieben geht es, in den großen Ketten aber eben nicht. Der schlechte Verdienst ist das eine, der große Druck, unter dem die Verkaufsmitarbeiter stehen das andere.
Götz Ebinger war bei Fitness-First Vertriebsmitarbeiter. Sein einziger Auftrag: neue Mitglieder zu gewinnen. Stimmten die Zahlen, war alles O.K. Wenn nicht, musste er Überstunden schieben, eine 70 Stunden Woche war ganz normal. Genau wie die Beschimpfungen: "Enormer Druck. Ansprachen von meinem Chef: "Du bist ein Geschwür, du bist Scheiße". Das war an der Tagesordnung, eigentlich der normale Umgangston in Anführungszeichen, wenn die Zahlen nicht gestimmt haben. Und die Zahlen haben eigentlich nie gestimmt."
Und wenn die Zahlen nicht stimmen, stimmt auch das Einkommen nicht. Fitness First zahlt nur ein geringes Grundgehalt und dann für jedes neu angeworbene Mitglied eine Provision. Götz Ebinger fing deshalb an zu tricksen und flog raus: "Man betrügt, man fälscht Unterschriften, man erfindet Kunden, die es nicht gibt. Man schanzt günstigere Verträge zu, die einem Kunden nicht zustehen, z.B. Firmenkooperationen. Wir haben Leuten gesagt, hey, du arbeitest doch bestimmt bei der Deutschen Post, einfach, weil wir wussten, dann kriegt er’s günstiger und so würden wir ihn kriegen. Ja, es fällt offiziell unter Betrug am Unternehmen, aber andere Möglichkeiten gab es nicht, um die Zahlen zu erfüllen. Das machen viele, ich will nicht sagen alle, das wäre gelogen. Aber es haben sehr viele gemacht. Und ich bin erwischt worden."
Miese Bezahlung, Überstunden, ständiger Druck. Doch die wenigsten in der Branche wehren sich dagegen. Manche schon. Christian Ausmeier aus Hannover zum Beispiel. Leicht hatte er es aber nicht. Denn Betriebratsgründungen kommen beim Unternehmen schlecht an: "Ich nenne es immer das so genannte Wegloben. Man zieht die Mitarbeiter zur Seite und sagt, pass mal auf, du kriegst eine höhere Stelle als Filialleiter, da verdienst du ein bißchen mehr Geld, aber du musst aus dem Betriebsrat raus. Das haben wir auch oft. Das ist auf eine freundliche Art der Versuch, den Betriebsrat zu zerstören oder kaputt zu machen."
Behinderung von Betriebsräten? Wir fragen beim Unternehmen nach. Für ein Interview hat man keine Zeit. Schriftlich teilt man uns aber mit: "Wir stehen der Gründung von Betriebsräten offen gegenüber." Fakt ist: In NRW gibt es in der Fitness-Branche überhaupt noch keine Betriebsräte. Die Gewerkschaften haben bislang keinen Fuß in die Tür bekommen, erklärt Gabriele Schmidt, Landesleiterin Verdi NRW: "Wenn die Beschäftigten gerade in solchen Dienstleistungsbereichen, in denen es viele befristete oder Minijobs gibt, wenn die sich organisieren und Betriebsräte gründen wollen, ist es immer ein Problem, wenn die Arbeitgeber das sehr früh erfahren. Denn dann wird versucht diese Beschäftigten so schnell wie möglich aus dem Betrieb zu drängen."
In der Fitnessbranche kämpfen die meisten noch für sich allein, oder gar nicht. Götz Ebinger ist über seinen Rauswurf nicht wirklich traurig. Seiner neuer Job in einer Autovermietung ist besser bezahlt. Und: "Ich bin froh, dass ich diesen Druck nicht mehr habe. Und den muss ich nie wieder haben, das war unmenschlich."
Stand: 03.07.2011
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