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WESTPOL
Sendung vom 11. September 2011
Speisereste als Tierfutter
Fast die Hälfte der Nahrungsmittel landet auf dem Müll. Dabei könnte man vieles noch nutzen, als Tierfutter. Was in Ländern wie Japan erlaubt ist, ist in der EU verboten, aus Angst vor Tierseuchen. Stattdessen werden europaweit Tonnen an Getreide zusätzlich für Tierfutter angebaut.
Siegfried Wißbrock ist Speiserestesammler. Täglich macht er seine Tour durch Bielefeld. Seine Route: Schulen, Altenheime, Krankenhäuser, Caterer und Gaststätten. Dort sammelt er alles, was vom Essen übrig bleibt. Siebzig bis achtzig Tonnen sind das in einer Woche. In Deutschland landen jedes Jahr zirka zwei Millionen Tonnen Speisereste aus der Gastronomie und der Gemeinschaftsverpflegung im Schweineeimer.
Siegfried Wißbrock sagt, dass diese Reste ein optimales Schweinefutter darstellen, man könne es bis zu 30-40% in der Schweinemast einsetzen. Siegfried Wißbrock ist auch Landwirt und Schweinemäster. Gerne würde er den hochwertigen Brei seinen Schweinen geben, aber das darf er nicht. In der EU dürfen keine Speisereste mehr an Tiere verfüttert werden. Das Verbot gilt seit November 2006 in Deutschland.
Man habe jahrelang gegen das Verfütterungsverbot angekämpft, so Siefried Wißbrock, aber letztendlich sei es dann doch durchgesetzt worden. Wenn das Verfütterungsverbot nicht gekommen wäre, dann hätte man jetzt seit über vierzig Jahren schon Speisereste im Einsatz.
Was hier in seinem Stall aus dem Rohr fließt, ist eine Getreidemischung. Zusätzlich bekommen die Schweine noch ein Ergänzungsfutter mit Sojaschrot, damit ihr Eiweiß- und Vitaminbedarf gedeckt wird. Das wäre bei der Fütterung mit Speiseresten nicht nötig. Siegfried Wißbrock bedauert, dass die kostbaren Proteine heute einfach in die Biogasanlage wandern.
Dabei könnte man, wenn man Speisereste ordnungsgemäß erhitzt, ein hervorragendes Schweinefutter daraus erzeugen und somit große Mengen an Getreide oder auch Sojaschrot einsparen, so Wißbrock. Es sei schon wichtig, dass diese Vorgänge ordnungsgemäß durchgeführt und kontrolliert werden, wenn Speisereste verfüttert werden. Aber bisher sei noch kein Fall bekannt, dass in einem Schweinemastbetrieb eine Krankheit durch Speisereste ausgebrochen ist, wenn denn vorher ordnungsgemäß erhitzt wurde.
Das ist wissenschaftlich bestätigt. Werden die Speisereste eine Stunde lang auf neunzig Grad erhitzt, besteht keine Gefahr. So wird es beispielsweise auch in Japan praktiziert, das sehr stolz ist auf sein einzigartiges Lebensmittelrecycling. Die EU reagierte mit ihrem strikten Verfütterungsverbot auf den BSE-Skandal. Manche Politiker für Verbraucherschutz halten das heute für übertrieben.
So auch der Bundestagsabgeordnete Hans-Michael Goldmann (FDP). Er findet, dass die zu BSE-Zeiten aufgebauten Hürden zwar damals richtig waren aber heute nicht mehr notwendig sind. Es war falsch, an Pflanzenfressern Fleischreste zu verfüttern. Das Problem von damals sei nicht mehr existent und darum sollte man die die Methoden überdenken.
In Japan begegnet man dem BSE-Risiko, indem man Rinder- und Schweinefutter getrennt herstellt. Rinder dürfen keine Fleischreste bekommen, Schweine schon – sie sind Allesfresser. Das Verbraucherschutzministerium in Deutschland will sich nicht dafür einsetzen, dass das Verfütterungsverbot gelockert wird. Dabei hat es weitreichende ökologische Folgen.
Uwe Kohl vom Bundesverband Nahrungsmittel- und Speiseresteverwertung, sagt, dass wir ungefähr 400 000 t Getreide mehr brauchen, um diese Menge an Speiseresten, die verfüttert wurden, zu ersetzen. Das sind etwa 80 000 ha Anbaufläche, die notwendig sind, um für diese Schweine Futter anzubauen.
Hochgerechnet auf die EU sind es fünf Millionen Tonnen Getreide, die zusätzlich als Tierfutter gebraucht werden. Die Menge entspricht der Ernte von Österreich. Der zusätzliche Bedarf der Europäer treibt die Getreidepreise weltweit noch weiter in die Höhe als ohnehin schon. Für Siegfried Wißbrock ist die EU-Politik ein Zeugnis der Hilflosigkeit. Dennoch geht er wieder auf Tour. Seine Speisereste fährt er nun in die Biogasanlage.
Stand: 11.09.2011
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