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Dauerproblem Krankenhauskeime

  • SendeterminSonntag, 25. September 2011, 19.30 - 20.00 Uhr.

MRSA-Keime
Tödliche Gefahr.

In vielen Krankenhäusern lauert auf die Patienten eine tödliche Gefahr: so genannte multi-resistente Keime. Der Grund: mangelnde Hygiene. Eigentlich harmlose Routineoperationen können so innerhalb weniger Tage tödlich enden. Gegenmaßnahmen wie grundsätzliche Kontrollen bei der Patientenaufnahme - sogenannte Eingangs-Screenings - liegen seit Jahren auf dem Tisch und sind im Ausland erprobt. Doch den deutschen Krankenhäusern ist das offenbar zu teuer. Und die Politik belässt es weiter bei Appellen.

Das letzte gemeinsame Foto von Jutta und Günter Steinbrink. Vor einem Jahr wurde der Rentner Witwer. In einem Mülheimer Krankenhaus wurde seine Frau mit einem Keim infiziert – nach einer Bandscheibenoperation: "Das war ein Routineeingriff und die OP ist auch gut verlaufen. Da kann man gar nichts gegen sagen. Nur dass sie sich diesen Keim eingefangen hat... dann ging natürlich alles abwärts."

Todesursache Gefährliche Keime – 15.000 mal pro Jahr

Die Ärzte konnten der 68jährigen nicht mehr helfen - ein halbes Jahr später war sie tot. "Bei der siebten OP ist alles zusammengebrochen. Herzversagen, Nierenversagen, Leberversagen und dann ist sie auch noch an die Blutwäsche angeschlossen worden bei vollem Bewusstsein. Ein Schlauch kam in die Seite rein, damit das Wasser abfließt. Die Frau hat so geschrien." Todesursache Gefährliche Keime – 15.000 mal pro Jahr. Und immer haben sich die Opfer im Krankenhaus angesteckt. Bessere Hygiene könnte Leben retten, erklärt Klaus-Dieter Zastrow von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene: "Dafür haben wir Hygieneregeln, die eben auch das Herausfinden dieser multiresistenten Erreger ermöglichen, um andere Patienten dann davor zu schützen. Das ist nicht gottgegeben, das ist auch nicht schicksalhaft. In der Regel sind es dann leider Hygienemängel, die auftreten."

Wichtig: Hände desinfizieren

Hände werden im Krankenhaus desinfiziert
Banal aber oft vergessen.

Banal aber oft vergessen: Hände desinfizieren. Über sie werden die meisten Keime übertragen. Roland Schulze-Röbbecke erklärt es Schwestern und Ärzten immer und immer wieder. Er ist Chefhygieniker der Uniklinik Düsseldorf und hat Hunderte solcher Desinfektionsautomaten aufhängen lassen. Ob sie auch benutzt werden registrieren extra angebrachte Zähler. Ebenso wichtig: genau hingucken. Schulze-Röbbeke und seine Mitarbeiterinnen kontrollieren täglich die Blutbilder von Patienten, suchen Hinweise auf mögliche Infektionen mit gefährlichen Keimen: "Wenn wir nicht hier wären, dann würde sich niemand systematisch um die Infektionen kümmern, dann würde man wahrscheinlich sagen: Wir haben keine Infektionen und man hätte keine Möglichkeit zu sehen, wo wir ansetzen. Nur wenn wir sehen, wo unsere Schwachstellen sind, können wir uns verbessern."

MRSA-Screening

Während Roland Schulze-Röbbeke weiter nach Schwachstellen sucht, passiert in anderen Häusern zu wenig. Mehr als 90 Prozent der Kliniken haben keine eigenen Hygieneärzte, weil es nicht vorgeschrieben ist. Und sparen so Kosten. Auch bei der Aufnahme neue Patienten. Die können gefährliche Keime ins Krankenhaus einschleppen. Die Uniklinik untersucht deshalb jeden Neuzugang vorab auf resistente Krankheitserreger. In Holland ist das Standard, in NRW die große Ausnahme – das sogenannte MRSA-Screening ist hier freiwillig.

Hoffen auf die Einsicht der Krankenhäuser

Und das soll auch so bleiben: im Kampf gegen tödliche Keime setzt die Landesregierung weiter auf Aufklärung und hofft auf die Einsicht der Krankenhäuser. Der mit einer Million Euro ausgestatte Aktionsplan Hygiene des Gesundheitsministeriums enthält viele Apelle - aber macht den Kliniken keine verbindlichen Vorgaben. Dabei gilt seit diesem Sommer ein neues Bundesgesetz. Es erlaubt den Ländern, weitreichende Vorschriften zu machen - doch dazu müsste das Land die Krankenhäuser auch strenger regulieren wollen. NRW's Gesundheitsministerin Barbara Steffens, B ́90/Grüne dazu: "Wir können nicht alles als Land zwingend umsetzen. Das sind ja auch Wirtschaftsunternehmen. Da gibt es eine gewisse Organisationsfreiheit im Rahmen der unterschiedlichen Trägerschaften. Es wäre zu leicht, wenn man sagt, die Länder können es problemlos regeln." Klaus-Dieter Zastrow Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene: "Das Infektionsschutzgesetz in der jetzt vorliegenden Fassung vom 4. August bietet die Möglichkeit, Zwangsgelder und Bußgelder zu verhängen und dann auf diese Art und Weise die erforderlichen Maßnahmen durchzusetzen."

Patienten bleiben auf sich alleine gestellt

Not-Op
Notfallpatienten müssen sich auf Krankenhäuser verlassen können.

Simple Maßnahmen wie diese. Ein Schild erinnert die Mitarbeiter der Intensivstation: Hier müssen sie sich selbst und damit die Patienten besonders vor Ansteckung schützen. Doch welches Krankenhaus arbeitet so vorbildlich? Und wo wird Hygiene eher vernachlässigt? Das Landesgesundheitsministerium hat dazu keine Daten. Demnächst soll es einen Erfahrungsaustausch mit Kliniken und Verbänden geben. Bis dahin bleiben Patienten bei der Krankenhauswahl auf sich allein gestellt: "Die Patienten sind gut beraten," denkt Barbara Steffens "wenn sie einfach die Augen aufhalten und selber gucken, was an Desinfektion in dem Krankenhaus passiert." Klaus-Dieter Zastrow findet es grotesk, "zu sagen, der Patient soll sich selber darum kümmern. Denken Sie nur an den Notfallpatienten, der halb bewusstlos und in blutendem Zustand ins Krankenhaus gebracht wird. Der muss sich darauf verlassen können, dass im Krankenhaus alles sachgerecht gemacht wird."

Vertrauen verloren

Günter Steinbrink hat das Vertrauen in Krankenhäuser verloren. Er will nicht so sterben wie seine eigene Frau - und sieht deshalb nur einen Ausweg: "Ich persönlich, wenn ich nicht unbedingt rein muß ins Krankenhaus, geh ich nicht mehr rein jetzt. Ich müsste auch rein, müsste eine OP vorziehen lassen. Aber ich geh nicht. Ich habe Angst. Ich müsste genau wissen, welches Krankenhaus sauber ist. Das weiß ich nicht."

Stand: 25.09.2011


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