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Die Bildungslüge: Hochschulen in Not

  • SendeterminSonntag, 23. Oktober 2011, 19.30 - 20.00 Uhr.

Deutschland soll Bildungsrepublik werden hatten Kanzlerin Merkel und andere Spitzenpolitiker in der Vergangenheit lautstark verkündet. Die Realität sieht anders aus. In NRW platzen die Hörsäle aus allen Nähten - in diesem Wintersemester haben so viele neue Studenten angefangen wie nie zuvor. Jetzt fehlen den Hochschulen Räume und Personal. Das Land hat die wegfallenden Studiengebühren nur zum Teil kompensiert und der Bund hat seine Zuschüsse auf viel zu niedrigen Studentenzahlen kalkuliert.

Studenten
Studenten in Hörsaal

Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin: "Wir nehmen den Begriff von der Bildungsrepublik Deutschland ernst."
Christian Wulff, Bundespräsident: "Sie werden gebraucht. Auf Sie kommt es an."
Hannelore Kraft, SPD, NRW-Ministerpräsidentin: "Wir setzen deshalb darauf, die Studienbedingungen weiter zu verbessern." -
Verheißungen treffen auf Wirklichkeit.

Seminar im Baumarkt

Bianca Laue studiert an der Uni Paderborn Theologie. Sie ist unterwegs zum Baumarkt. Hier findet heute ihr Seminar statt, weil die Uni ausweichen musste: "Die ganzen Hörsäle sind voll, teilweise sitzen welche auch auf den Treppen, also das merkt man schon. Oder wenn man sich für Veranstaltungen anmeldet, dann merkt man schnell, dass ganz viele schon weg sind."

Verantwortungsvoller Unterricht ist fast unmöglich

Die ersten Räume im umgebauten Baumarkt sind fertig, nur mit der Akustik, da hapert es noch etwas. Nach einigen Minuten geht's dann endlich. Die Professorin Helga Kuhlmann ist dennoch vom Semesterstart ziemlich genervt: "Das ist jetzt schon ein riesiges Problem. Wir hatten Veranstaltungen, wo wir gedacht hätten, dass 60 Personen kommen, es sind 120 gekommen. Und es ist fast unmöglich, überhaupt noch verantwortlich da zu unterrichten."

Die Unis platzen aus allen Nähten

Volle Seminare, Gedränge auf den Fluren: Die Unis in NRW platzen aus allen Nähten:
Paderborn hat 37 % mehr Studienanfänger als vor einem Jahr,
FH Dortmund - 45 %
Uni Duisburg-Essen - 23 %
Uni Köln - 33 %
Aachen - 23 %.
Mehr Studenten heißt jedoch nicht mehr Geld. Dabei wollten Bund und Land eigentlich 20.000 Euro pro Studienanfänger zahlen.

Hörsäle reichen nicht mehr aus für die
Studentenflut.
Hörsäle reichen nicht mehr aus für die Studentenflut.

360 Millionen Euro fehlen

Ausgegangen sind sie dabei von 97.000 Studienanfängern in NRW in diesem Jahr. Das macht 1,94 Mrd. Euro. Gekommen sind jedoch 115.000 Studenten. Notwendig wären 2,3 Mrd. Euro. Rein rechnerisch fehlen damit in diesem Jahr 360 Millionen Euro. Und 2013, wenn der doppelte Abi-Jahrgang kommt, wird noch mehr Geld fehlen, erläutert Professor Aloys Krieg, Prorektor für Lehre, RWTH Aachen: "Dann muss man die klare Forderung an die Politik richten: Wenn wir mehr Studierende bekommen, müssen auch die entsprechenden Kompensationsmittel an die Hochschulen zur Verfügung gestellt werden. Ansonsten haben wir 2013 einen Jahrgang, der nicht annähernd die gleichen Chancen hat wie der Jahrgang 2010."

Taten statt Worte

Die Unis fordern Taten statt Worte. Anspruch trifft auf Wirklichkeit. Doch bislang können sich Bund und Land nicht auf eine Ausweitung des Hochschulpaktes einigen. Bundesministerin Schavan sieht das Land in der Verantwortung. Schriftlich heißt es: "Die Länder dürfen ihren Hochschulen nicht finanzielle Mittel entziehen, die für gute Studienbedingungen gebraucht werden." Damit zielt die Ministerin auf die abgeschafften Studiengebühren. Den Ausfall wollte die Landesregierung den Unis bezahlen. Dabei kalkuliert jedoch auch die Landesministerin mit alten, viel zu niedrigen Studentenzahlen. Svenja Schulze, SPD, Wissenschaftsministerin NRW: "Wir haben versprochen, dass wir die Gebühren kompensieren mit 249 Mio. Euro. Und das tun wir auch genau so."

Überzeugende Ideen fehlen

Mehr gibt es also nicht, trotz mehr Studenten. Dadurch fehlen den Unis weitere 39 Millionen Euro. Wissenschaftler könnten entlassen werden, Seminare ausfallen und der Zugang zu immer mehr Fächern beschränkt werden. Bianca Laue ist mittlerweile desillusioniert und kann sich sogar vorstellen, wieder Studiengebühren zu zahlen, "eenn man dafür dann auch die Sachen verlangen kann, dass alles so ausgestattet ist wie man sich das wünscht." Doch Studiengebühren will die Landesregierung nicht. Gleichzeitig fehlen überzeugende Ideen, wie die Menge an Studenten finanziert werden soll. Bianca Laue und ihre Mitstudenten können an das hehre Versprechen von der "Bildungsrepublik" nicht mehr so recht glauben.

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Stand: 23.10.2011


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