
Sie befinden sich hier:
WDR.de
WDR Fernsehen
Information
WESTPOL
Sendung vom 04. Dezember 2011
Hebammen in Not
Ein Beruf zum reich werden war Hebamme noch nie, doch jetzt droht die Geburtshilfe ein Verlustgeschäft zu werden. Die Versicherungsprämie für die Berufshaftpflicht hat sich vom letzten auf dieses Jahr verdoppelt: mehr als 3.500 Euro werden jetzt fällig. Viele Hebammen können das schlicht nicht bezahlen und geben ihren Job auf. Dadurch fehlt werdenden Eltern eine Alternative zur Geburt im Krankenhaus.
In gut drei Wochen ist es bei Stefanie Stettiens soweit, da ist sich Ulla Cremer sicher. Seit 15 Jahren hilft die freiberufliche Hebamme Frauen beim Kinderkriegen. 400 Kinder hat sie schon auf die Welt geholt. Stefanie Stettiens Baby wird das letzte sein, sagt sie. "Es fällt mir eigentlich sehr schwer. Alle, die Geburten erlebt haben, wissen wovon ich spreche. Dass es tragisch ist, wenn man das Herzstück aufgibt." Ulla Cremer weiß: Die Geburtshilfe rechnet sich nicht mehr. Selbst bei mehr als 40 Arbeitsstunden die Woche. "Ich habe einen Stundenlohn keine 7,50 Euro – und das geht nicht."
Stefanie Stettien kann das nachvollziehen. Doch, dass ein ganzer Berufsstand einfach verschwinden könnte, macht die werdende Mutter fassungslos: "Eine Hebamme kann einem viel mehr Selbstvertrauen und Stärkung geben, als wenn man alle sechs Wochen zum Gynäkologen geht. Für mich ist es ganz wichtig, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Zu wissen, ich habe jemanden an meiner Seite, den ich jederzeit anrufen kann."
Hebamme sein, das bedeutet: Rund um die Uhr erreichbar sein und eine enorme Verantwortung bei der Geburt. Das ist für Ulla Cremer selbstverständlich. Reich werden will sie nicht, aber auch nicht drauf zahlen. Doch genau das muss sie, denn die Haftpflichtversicherung für freiberufliche Hebammen wird ständig teurer. Zwar geht bei der Geburt immer weniger schief, aber wenn, dann kosten Schadensfälle heute Millionen. Die Versicherungen erhöhen deshalb die Prämien für die Haftpflichtversicherung: Von 404 Euro im Jahr 2000 auf 3.689 Euro im Jahr 2011. Und im nächsten Jahr geht's um weitere 500 Euro rauf. Für Ulla Cremer und andere Hebammen ist das schlicht nicht zu bezahlen – so viel sie auch arbeiten. Schließlich hat sie auch noch andere Kosten, erzählt sie. "Die Nachsorge, die Geburten, da muss man schon viel fahren. Ich sitze täglich mindestens zwei, drei Stunden im Auto."
Die 52-Jährige will dafür richtig bezahlt werden und kämpft im Verband für das Überleben der freien Hebammen. Zur Protestaktion in Berlin konnte sie diese Woche jedoch nicht. "Wenn ich nach Berlin fahre, kostet mich das Geld. Ich kann nicht umsonst hinfliegen oder hinfahren – und in der Zeit kann ich auch nicht arbeiten." Dafür sind die wenigen Hebammen, die nach Berlin kommen konnten, um so lauter. Doch die Verhandlungen mit den Krankenkassen in Berlin bringen wieder nichts. Knapp zwei Prozent mehr Honorar und keine Entlastung bei der Haftpflichtversicherung, mehr bieten die Kassen nicht. "Wenn die Hebammen mehr Geld haben möchten, dann müssen sie zum Gesetzgeber gehen und zum Gesundheitsminister. Die müssen die Rahmenbedingungen verändern", sagt Florian Lanz vom GKV-Spitzenverband. "Den Krankenkassen sind an der Stelle die Hände gebunden."
Keiner fühlt sich für Ulla Cremer verantwortlich. Denn die Politik spielt auf Zeit. Zunächst soll eine unabhängige Studie die Lage der Hebammen untersuchen. Für Ulla Cremer kommt das zu spät. Sie will sich künftig nur noch um Geburtsvorbereitung und Nachsorge kümmern. Die steht heute auch bei Isabel Gebhardt an. Deren Tochter Lovis hat Ulla Cremer vor neun Wochen auf die Welt geholt. Heute gibt sie der alleinerziehenden Mutter Still- und Ernährungstipps. Isabel Gebhardt ist froh, die Hebamme gefunden zu haben. "Das war schwierig", erzählt sie. "Ich dachte, ich wäre schon sehr früh dran, habe dann aber doch einige Absagen bekommen. Und dann hatte ich das Glück, dass bei Ulla noch eine Frau umgezogen ist und sie deswegen noch Kapazitäten frei hatte. Sonst weiß ich nicht, ob das noch geklappt hätte."
Und künftig wird es noch schwieriger werden. Denn jede vierte Hebamme macht schon jetzt keine Geburten mehr, so die Verbände. Ab Januar macht Ulla Cremer auch Schluss. Schweren Herzens. Wenn nicht bald was passiert, werden viele folgen. "Wir haben zu lange stillgehalten", sagt Ulla Cremer. "Wir haben den Missstand schon bemerkt, aber nicht wahrhaben wollen. Wir haben aber auch eine große Erfahrung im Warten. Warten ist für uns etwas Alltägliches. Wir können gut warten und lange warten, weil wir das so gelernt haben und in der Geburtshilfe so machen müssen. Aber in dem Punkt hätten wir natürlich nicht warten dürfen. Ich glaube, es ist nicht so fünf nach Zwölf, sondern halb Eins ist schon durch."
Stand: 04.12.2011
Seite teilen