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PIP-Implantate - Meldeversagen der Behörden?

  • SendeterminSonntag, 15. Januar 2012, 19.30 - 20.00 Uhr.

Bereits im April 2010 hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte vor Brustimplantaten der Firma PIP gewarnt. Doch diese Information ist bei den Patientinnen nie angekommen. Dafür sah sich niemand zuständig.

Für Irene Pergher ist es traurige Gewissheit: Sie trägt die gefährlichen PIP-Implantate im Körper. Das steht in ihrem Implantats-Ausweis. Über die Gefahr haben sie die Gesundheitsbehörden jedoch nicht informiert: "Ich wurde überhaupt nicht angeschrieben - ich habe bis heute keine Post bekommen. Und ich bin in erster Linie verärgert darüber, dass keiner mit irgendeiner Information raus kommt. Auch heute noch nicht, jetzt noch nicht."

So wie sie erfahren viele Patientinnen nur aus den Medien von der Gefahr. Und auch viele Ärzte haben keine offizielle Warnung erhalten. Matthias Gensior von der "Gesellschaft für ästhetische Chirurgie" sagt: "Soweit ich mich erinnere, sind wir nicht mit Nachdruck von den Behörden darauf hingewiesen wurden, diese Patienten einzubestellen und zu untersuchen seien."

Chirurg hält zwei Brustimplantate der Firma PIP in den
Händen
Implantate der Firma PIP

Warnung bereits vor zwei Jahren

Wie kann das sein? Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat doch schon vor zwei Jahren vor den Billig-Implantaten gewarnt und den Ärzten empfohlen, "die betroffenen Patientinnen zu informieren und Brustimplantate der Firma PIP bis auf weiteres nicht mehr einzusetzen." Aber dafür zu sorgen, dass diese Warnung die Patientinnen und Ärzte auch erreicht: Dafür sei das Institut "nicht zuständig".

Stattdessen geht vom Bundesinstitut eine Warnung an die Bundesländer. In NRW aber nicht an das Gesundheitsministerium, denn das erklärt sich für "nicht zuständig". Die Warnung geht an die fünf Bezirksregierungen. Doch die gehen damit völlig unterschiedlich um.

Brustimplantat der Firma PIP
Gesundheitsgefahr durch Industriesilikon

Wie die Bezirksregierungen mit der Warnung umgehen

Beispiel Düsseldorf: Hier versuchen die Beamten, die Billigimplantate vom Markt zu nehmen. Ärzte und Patienten warnen? "Nicht zuständig!"

Beispiel Köln: Hier fühlen sich die Beamten immerhin verpflichtet, zu Kliniken Kontakt aufzunehmen. Oliver Moritz von der Bezirksregierung Köln sagt: "Wir hatten einfach die Auffassung, dass es hier sinnvoll sein kann, dass wir alle Kunden noch einmal informieren. Das war ein medizinisches Produkt, dass offensichtlich unter einem gewissen Mangel leidet, deshalb wollten wir hier noch einmal informieren."

Beispiel Arnsberg: Vor zwei Jahren, als die Warnung losgeschickt wurde, hat man hier erst Mal nicht gehandelt - erst jetzt sieht man sich in der Pflicht. "Wir sind im Moment dabei zu eruieren, wie viele Implantationen in den vergangen Jahren durchgeführt wurden", sagt Ruth Rentelmann von der Bezirksregierung Arnsberg. Hätte das nicht schon vor zwei Jahren geschehen müssen, geschehen können? "Ich denke, das ist eine Sache, die landesweit zu ermitteln ist, und da ist die Bezirksregierung als eine von fünf nicht der richtige Ansprechpartner." Also: "Nicht zuständig!"

Gebäude der Bezirksregierung Arnsberg
Gebäude der Bezirksregierung Arnsberg

Forderung nach bundesweitem Warnsystem

Offensichtlich war niemand zuständig für Patientinnen wie Irene Pergher, obwohl ein Bundesinstitut auf die Gefahren der Implantate hingewiesen hat. Eine Lücke im System, kritisieren auch Patientenschützer wie Gregor Bornes von der "Unabhängigen Patientenberatung": "Aus unserer Sicht ist das ein Skandal, dass die Information bei Patientinnen nicht angekommen ist. Wenn die Patientinnen früher informiert worden wären, hätten sie sich Gedanken machen können, ob sie die Brustimplantate entfernen lassen oder nicht."

Doch obwohl die Behörden seit fast zwei Jahren von den Pfusch-Implantaten wissen, ist seitdem wenig passiert. Welchen Frauen ein Billig-Implantat eingesetzt wurde, welche Kliniken betroffen sind: Da tappt das deutsche Überwachungssystem noch komplett im Dunkeln. Karl Lauterbach, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD, fordert: "Das jetzige Warnsystem funktioniert so nicht, weil es also nicht durchdacht ist. Wir brauchen bundesweit ein Warnsystem, welches keine Lücken hat und welches basiert auf einem Register, was wir derzeit nicht haben, für die Patienten, die solche Implantate oder ähnliche Medizinprodukte bekommen."

Ein erster Vorschlag, damit Warnungen wie vor den Billig-Implantaten wirklich ankommen. Klar ist: Das heutige Warnsystem ist genauso löchrig wie die Implantate.

Stand: 15.01.2012


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