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Fleischsteuer für Tier- und Klimaschutz?

  • SendeterminSonntag, 22. Januar 2012, 19.30 - 20.00 Uhr.

Ein Fünftel der klimaschädlichen Treibhausgase verursacht die Viehwirtschaft, zudem ist die Massentierhaltung umstritten. Tier- und Klimaschützer fordern deshalb eine Fleischsteuer.

Die Fleischproduktion in Deutschland ist perfektioniert und industrialisiert. Zum Beispiel bei Hähnchen: eine Million werden bei uns geschlachtet - und zwar täglich. Der Markt braucht Masse. 61 Kilo Fleisch essen wir im Schnitt pro Jahr. Wir lieben Schnitzel und Wurst, und wir lieben es billig: das Kilo Hack für drei Euro und weniger. Die Discounter werben mit unschlagbar günstigen Preisen. "Es ist mittlerweile so, dass Hähnchenfleisch in deutschen Supermärkten billiger verramscht wird als Katzenfutter", sagt Tierschützer Stefan Johnigk. "Und rund 70 Prozent des Schweinefleisches, das in Deutschland verkauft wird, geht in Rabattaktion und Sonderangeboten über den Laden. Fleisch wird in Deutschland verramscht." Und das will der Tierschützer ändern.

Fleisch in einem Supermarkt
Massenware Fleisch

Mit seiner Kollegin bereitet Stefan Johnigk gerade eine Demo in Berlin vor. Sie haben dem Preisdumping und der Massentierhaltung den Kampf angesagt. Johnigk ist kein militanter Vegetarier, trotzdem will der Geschäftsführer vom Verband "Pro Vieh" Fleisch teurer machen. "Was wir fordern, ist eine allgemeine Umlage, die auf alle tierischen Erzeugnisse erhoben wird, und eins zu eins einen Fonds speist, von dem dann wieder Tierschutz- und Umweltschutzmaßnahmen auf Seiten der Bauern refinanziert werden. So dass die Bauern schließlich bei geringerer Produktion ein faireres und besseres Ergebnis erzielen können."

Nahaufnahme eines Rinds
Tierschützer fordern: Fleisch soll teurer werden

Welternährungsorganisation fordert Fleischsteuer

Ein Art Ökosteuer, wie beim Benzin oder beim Strom, auch für Fleisch? Die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen fordert das seit einiger Zeit. Denn die Massentierhaltung bringe massive Probleme für die Umwelt. Mit jedem Kotelett oder Schnitzel, das auf unserem Teller landet, wird das Klima geschädigt. Masttiere, besonders Rinder, erzeugen CO2 und das besonders klimaschädliche Methangas. Beim weltweiten Ausstoß von Klimagasen verursacht die Viehwirtschaft nach neuesten Berechnungen 18 Prozent - genauso viel wie alle Autos, Flugzeuge und Schiffe zusammen. Und die industrialisierte Fleischproduktion bringt noch andere Probleme: Lebensmittelskandale, gefährliche Keime im Hähnchenfleisch, Dioxin und Antibiotika im Tierfutter. Zu viel Fleisch ist ungesund, meint auch die deutsche Gesellschaft für Ernährung und rät, den Fleischkonsum mindestens zu halbieren.

Regierung und Opposition gegen die Abgabe

Was ist ein angemessener Preis fürs Fleisch? Werden Brathähnchen oder Currywurst mit einer Zusatzabgabe zum Luxusgut? Kamerawirksam verspeist Landwirtschaftsminister Johannes Remmel auf der grünen Woche ein kleines Stückchen Salami. In der Vergangenheit hat er häufiger vor zu großem Fleischkonsum gewarnt. Eine Art Ökosteuer auf die Wurst geht ihm dann aber doch zu weit.

Seltene Einigkeit mit der Opposition. Denn auch CDU-Fraktionschef Karl-Josef Laumann lehnt die Fleischsteuer ab: "Als jemand, der lange Jahre Sozialpolitik gemacht hat, weiß ich auch, dass in NRW etwa ein Viertel der Arbeitnehmer, Stundenlöhne von weniger als acht Euro haben. Diese Menschen auch noch beim Fleisch mit einer Ökoabgabe zu drangsalieren, das können diejenigen ja fordern, die die hohen Einkommen haben. Das kann sich der normale Mensch nicht erlauben und ich halte von so einem Schwachsinn überhaupt nichts."

Fleisch in einem Supermarkt
Fleischangebot im Supermarkt

Bauern fürchten weiteren Preisdruck

Doch träfe eine Fleischsteuer am Ende wirklich die Verbraucher? Bauern haben eine ganz andere Befürchtung. Schon jetzt stehen sie in einem brutalen Preiswettbewerb, meint Florian Oymans. Er mästet 1.200 Schweine am Niederrhein. Es gibt eine vollautomatische Fütterungsanlage, jedes Tier hat 0,75 Quadratmeter Platz. Am Ende verdiene er keine zehn Euro pro Schwein. Kommt die Fleischabgabe, wird es noch weniger, fürchtet er: "Für den Verbraucher würde sich der Preis nicht ändern. Der Verbraucher würde das gleiche für das Fleisch bezahlen wie im Moment auch. Die Steuer würde an uns weitergegeben. Der Schlachthof wird weiter sein Geld bekommen, der Weiterverarbeiter wird weiterhin sein Geld bekommen. Eine solche Steuer wird in Letzter Konsequenz an uns Landwirte als letzte in der Lebensmittelkette weitergegeben."

Schweine in einem Stall
Schweine im Stall

Appell: weniger Fleisch essen

Und nun - bleibt einfach alles beim Alten? Preisschlacht ums billige Fleisch. Massenproduktion mit all ihren Folgen für Tiere und Klima. Auch Christof Leiders ist Bauer. Er hat seinen konventionellen Betrieb vor ein paar Jahren auf Bio umgestellt. Bei ihm haben die Schweine Auslauf, werden die Schwänze nicht kupiert und kommt das Futter aus eigenem Ökoanbau. Auch Leiders hält nicht viel von einer Fleischsteuer. Doch so weitermachen wie bisher geht auch nicht, meint er: "Das muss einfach wieder in die Köpfe der Menschen rein, dass Fleisch einen Wert hat und dass dafür ein Tier gestorben ist und dass der Fleischkonsum einen ganz besonderen Stellenwert in der Ernährung hat. Dass dann nur noch ein oder zweimal die Woche Fleisch gegessen wird. Dass dann aber darauf geachtet wird, wo die Tiere herkommen und wie sie gehalten worden sind."

Ob Appelle alleine reichen werden? Wie viel uns Tier- und Klimaschutz wirklich wert sind, wird am Ende am Kühlregal entschieden.

Stand: 19.01.2012


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