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WESTPOL
Sendung vom 22. Januar 2012
Zahnarztmangel auf dem Land
In ersten Regionen in NRW suchen Zahnärzte verzweifelt einen Nachfolger. Schuld ist auch die Politik - denn die hat vor fünf Jahren die Zulassungsbeschränkungen für Zahnärzte in Großstädten gekippt.
Eigentlich könnte Hans Joachim Lintgen längst kürzer treten, doch der 68-Jährige steht noch immer jeden Tag in seiner Remscheider Praxis. Warum tut er sich das an? "Ja, wegen meiner Patienten, die mich jeden Tag fragen, wie lange machen Sie noch? Hoffentlich machen Sie noch lange! Also um die weiter zu betreuen und nicht einfach abzuschließen, wobei das leider auch einige Kollegen hier schon getan haben."
Landflucht bei den Zahnärzten, die auch Lintgen zu spüren bekommt. Seit drei Jahren sucht er schon einen Nachfolger. Dabei geht seine Praxis gut, ein Berufsanfänger könnte sich ins gemachte Nest setzen, meint Zahnarzt Lintgen. Wobei er einräumt, die goldenen Jahre sind vorbei: "Als ich anfing, das war Anfang der 70er Jahre, hieß es noch, als ich zur Bank ging: Was sind Sie? Zahnarzt? Kein Problem Herr Doktor. Die 100.000 für den Porsche können Sie noch mit aufnehmen. Heutzutage gehören wir Zahnärzte, wenn wir 100.000 Euro von der Bank haben wollen, zur Risikogruppe. Also da muss schon einiges geboten werden."
Ein einfacher Landarzt hat da inzwischen schlechte Karten, weiß Burkhard Branding von der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe: "Es werden immer mehr weg von der Einzelpraxis hin zu einer mehrfach besetzten Praxis gehen. Und auch diese Praxen rechnen sich wirtschaftlich eher in Ballungsräumen." Eine solche Gemeinschaftspraxis ist "360-Grad-Zahn" in Düsseldorf - gegründet vor einem Jahr von drei Studienkollegen. Jeder hat sein Fachgebiet. Aufs Land gehen? Für sie undenkbar! Ehsan Andabili, Zahnarzt in Düsseldorf, sagt: "Mein Onkel ist Zahnarzt auf dem Land, der hat richtige Probleme mit dem Personal, und diese Probleme hat man hier in der Großstadt nicht."
Solche Gemeinschaftspraxen finden sich immer mehr. Mit schuld ist eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2007. Um den Wettbewerb zu stärken, dürfen Zahnärzte ihren Praxis-Standort frei wählen, es gibt keine Zuteilung mehr. Und: Ein Zahnarzt kann auch als Angestellter arbeiten. Die Folge: Immer mehr machen das, immer weniger gründen eine eigene Praxis – und wenn überhaupt, dann in der Stadt. So wie Efthimios Giannakoudis. Er hat sich für die Großstadt entschieden, trotz Konkurrenz. Der Patient muss gelockt werden, lange Sprechzeiten, kurze Wege, mehr Komfort: "Es ist schon ein harter Kampf, aber es ist nicht so, dass wir ihn täglich merken. Es ist so, dass es permanent wichtig ist, mit der Zeit zu gehen. Das ist wichtig. Wenn man nicht mit der Zeit geht, hat man halt das Problem, dass man irgendwo wirklich den Anschluss verpasst."
Zahnarzt Lintgen aus Remscheid hat schon viele Makler eingeschaltet, um seine Praxis loszuwerden. Nun soll es Alfred Erbacher von der "Wirtschaftsdienste für Zahnärzte AG" richten. Erbacher berät seit 30 Jahren Zahnärzte. Den jetzigen Trend zur Landflucht hat er in dieser Tragweite noch nicht erlebt: "In all den Jahren war es bisher so: Wir wurden von jungen übernahmewilligen Zahnärzten angerufen. ‚Hallo, ich brauche Hilfe. Ich habe meine Traumpraxis gefunden, will die übernehmen, da sind aber noch andere dran. Können wir vielleicht schnell einen Termin machen.’ Das war so die Zeit. Und jetzt laufen wir uns die Hacken ab."
Und es wird nicht besser werden, glaubt die Zunft der Zahnärzte. In spätestens fünf Jahren sei die Situation gleich schlecht wie bei den Hausärzten. Burkhard Branding von der zahnärztlichen Kassenvereinigung Westfalen-Lippe warnt: "Für die Patienten bedeutet das, dass der Allrounder auf dem Land nicht mehr erreichbar sein wird, oder nur schwer erreichbar sein wird. Das bedeutet letztlich längere Wege oder aber auch verzögerte Behandlungen."
Mehr große Praxen in der Stadt, weniger auf dem Land. Die Wahlfreiheit der Zahnärzte schränkt die Wahlmöglichkeit der Patienten in ländlichen Regionen immer weiter ein. Hans Joachim Lintgen will noch ein bisschen durchhalten – doch auch seine Schmerzgrenze ist irgendwann erreicht.
Stand: 22.01.2012
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