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WESTPOL
Sendung vom 29. Januar 2012
Fluch und Segen der Leiharbeit
Deutschland verdankt das neue Jobwunder auch der Leiharbeit. Doch diese verdränge reguläre Stammbeschäftigte, fürchten die Gewerkschaften. Wir berichten über Fluch und Segen der Leiharbeit.
Die letzten zwei Kilometer zur Arbeit muss Michael Diederich laufen. Ein Auto hat der Familienvater nicht. Schon für den Führerschein fehlt das Geld. Der 32-Jährige ist seit zehn Jahren Leiharbeiter - immer in anderen Firmen. Seit eineinhalb Jahren steht er jetzt bei Johnson Controls in Bochum am Band und fertigt Autositze für Opel. "Der Arbeitgeber kann sich angucken, wie derjenige arbeitet, aber Einstellung gibt’s nicht, warum auch immer", beklagt sich Diederich. "Das ist eigentlich für mich moderne Sklaverei, nur dass ich ein bisschen Lohn dafür kriege."
Michael Diederich bekommt den Mindestlohn für Leiharbeiter: 7,89 Euro die Stunde. Die fest angestellten Kollegen, mit denen Diederich zusammen am Band steht, verdienen deutlich mehr. Der niedrigste Tariflohn in der Metallindustrie liegt immerhin bei 12,84 Euro pro Stunde - also rund 5 Euro höher. "Man ist enttäuscht", so Diederich. "Enttäuscht darüber, dass ich an einem Band stehe mit einem fest angestellten Kollegen und die gleiche Arbeit mache fürs Werk. Das ist ungerecht." Seine Firma Johnson Controls redet nicht gern darüber - ein Interview lehnt sie ab. Dabei macht das Unternehmen nur das, was die Politik ausdrücklich erlaubt. Leiharbeiter müssen in Deutschland nicht genauso bezahlt werden wie das feste Stammpersonal - ein Grund, warum die Leiharbeit seit Jahren zunimmt.
Im Jahr 2009 gab es bundesweit 580.000 Leiharbeiter. 2011 waren es bereits 910.000 Leiharbeiter, Tendenz steigend. "Was wir wollen, ist diesen Trend stoppen", erklärt Oliver Burkhardt von der IG Metall NRW. "Dass es aufhört mit immer mehr prekären Arbeitsverhältnissen. Leiharbeit hat ein Ausmaß angenommen, das so nicht im Sinne des Erfinders war. Natürlich ist das für die Flexibilisierung bei Krankheit und Urlaubsvertretung meist notwendig. Aber was wir jetzt erleben, ist einfach viel zu viel."
Doch die Betriebsräte sind meist machtlos. So auch beim Wuppertaler Automobilzulieferer Hako. Die Firma verleiht Mitarbeiter an sich selbst. Dazu hat Hako vor drei Jahren eine eigene Verleihfirma gegründet, um Personalkosten zu sparen. "Seitdem ist es also so, dass hier Leiharbeiter nur noch - ich sag's mal vorsichtig - nur noch selten übernommen werden. In den unteren Lohngruppen eigentlich gar nicht mehr", berichtet der Betriebsratschef Dirk Senftleben. "Stammbeschäftigte, die hier aus dem Unternehmen ausscheiden, in Rente gehen oder sonst ausscheiden, werden dann durch Leiharbeitnehmer ersetzt." 40 Prozent der Belegschaft bei Hako sind mittlerweile Leiharbeiter. Wie viel das Unternehmen damit spart, ist unbekannt. Die Firmenleitung verweigerte WESTPOL ein Interview vor der Kamera. Billige Leiharbeiter statt teurem Stammpersonal – das ist ein Wettbewerbsvorteil für viele Unternehmen.
Auch der Düsseldorfer Kranbauer Demag Cranes setzt auf Leiharbeit. Mike Berger ist seit Mai 2011 als Schweißer dort tätig. Der Job gefällt ihm, er strengt sich an, um aus der Leiharbeit endlich raus zu kommen. "Ich möchte ja gern eine Festanstellung haben, deshalb gebe ich hier mein bestes", erklärt Berger. Vielen Kollegen geht's genauso. Doch übernehmen möchte das Unternehmen sie nicht. Früher mussten Leiharbeiter spätestens nach einem Jahr fest eingestellt werden. Doch diese Regelung hat die rot-grüne Bundesregierung 2003 abgeschafft - ganz im Interesse der Unternehmen. Bei Demag Cranes verteidigt ein Firmensprecher, auch vor der Kamera, die Praxis ganz offen: "Wir müssen atmen, die Produktion muss atmen, wir müssen flexibel auf die Weltwirtschaft auch reagieren können. Und die Zyklen der Aufs und Abs sind kürzer geworden. Da können Sie gar nicht so schnell mit eigenen Mitarbeitern reagieren", erklärt Personalleiter Peter Pohlner. "Wenn ein Auftrag kommt, müssen sie liefern. Und dann haben sie ein Beschäftigungsproblem.
Die Leiharbeiter kann das Unternehmen dagegen von einem Tag auf den anderen wieder loswerden. Flexibilität hat ihren Preis: einerseits für die schlecht bezahlten Arbeiter, aber andererseits auch für den Staat, der am Ende noch drauf zahlen muss, wenn die Leiharbeiter von ihrem Lohn nicht leben können.
"Im Leiharbeitsbereich haben wir besonders viele Beschäftigte, die schlecht verdienen und deshalb zum Arbeitsamt gehen müssen, um ein angemessenes Einkommen zu bekommen. Das kostet uns pro Jahr etwas 500 Millionen Euro", rechnet Gerhard Bosch, Arbeitsmarktforscher von der Uni Duisburg, vor. Auch Michael Diederich müsste zum Amt gehen, wenn seine Frau nicht dazu verdienen würde. Dass die Unternehmen künftig den gleichen Lohn für gleiche Arbeit zahlen, wie es die Gewerkschaften fordern, daran glaubt er nicht.
Längst ist die flexible und billige Leiharbeit in Deutschland zu einem entscheidenden Standortfaktor geworden. "Die Kostenfrage spielt hier und da auch ne Rolle und die muss man auch im Auge behalten", erklärt Luitwin Mallmann, Hauptgeschäftsführer Arbeitgeberverband Metall NRW. "Viele Unternehmen haben darauf verzichtet, Arbeit in Billiglohnländer zu geben, weil sie hier eine Chance haben, zu einigermaßen vernünftigen Konditionen diese Arbeiten verrichten zu lassen. Was passiert, wenn da ein Kostenschub entsteht, kann man sich leicht ausrechnen", so Mallmann weiter.
Die Wirtschaft will mit aller Macht verhindern, dass die Politik
eingreift. Für Michael Diederich sehen die Aussichten deshalb
trübe aus. Trotzdem will er weiter um einen festen Job
kämpfen: "Wie sagt man so schön, die Hoffnung stirbt
zum Schluss, ich geb die Hoffnung nicht auf. Vielleicht klappt das
ja irgendwann."
Stand: 29.01.2012
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