Geschäft mit der Pflegeversicherung

  • Sonntag, 10. Juni 2012, 19.30 - 20.00 Uhr

Pflegeversicherung

Geschäft mit der Pflegeversicherung

(06:47)

Sonntag, 10. Juni 2012, 19.30 - 20.00 Uhr

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Nach der Riester-Rente jetzt die Bahr-Pflege: Fünf Euro Förderung im Monat soll jeder bekommen, der eine private Pflegezusatzversicherung abschließt. Doch wer profitiert wirklich? Die Versicherten oder doch die Versicherungswirtschaft?



Wir gehen mit zwei Interessentinnen zu einem unabhängigen Versicherungsmakler. Sie fragen nach konkreten Angeboten für eine private Pflegezusatzversicherung. "Ich hab jetzt ein Alter erreicht, wo man das vielleicht Mal in Betracht ziehen sollte." Marit Jensen ist 50 Jahre alt und Verwaltungsangestellte. Anja Hauser, 25 Jahre, ist Berufseinsteigerin. Beide wollen im Pflegefall gut versorgt sein. Doch beide wissen: Die staatliche Vorsorge reicht nicht. Ein Platz im Pflegeheim kostet heute 3.000 Euro im Schnitt, aus der gesetzlichen Pflegeversicherung kommen maximal 1.550 Euro – das macht eine Versorgungslücke von 1.450 Euro.

Und diese Versorgungslücke muss jeder im Pflegefall selbst schließen. Wie bei der Rente. Da hatte die Bundesregierung versucht, mit einem Zuschuss und Steuervorteilen, die Bürger für die private Riester-Rente zu begeistern. Jetzt gibt es fünf Euro im Monat für eine private Pflegeversicherung. Doch wie schon bei Riester fragen viele Kritiker nun: Verdient am Ende nicht vor allem die Versicherungswirtschaft?



Pflegeversicherung

Bahr verteidigt seinen Vorstoß

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) meint: "Wir haben klar die Verwaltungs- und Abschlusskosten begrenzt bei diesen Verträgen, sodass auch hier die Versicherungen klar in Grenzen gesetzt sind, sodass man nicht sagen kann, dass hier einseitig Subventionen an die Versicherungen gezahlt werden. Im Gegenteil: Wir begrenzen insofern die Möglichkeiten der Versicherungen, damit es sich für die Versicherten lohnt und für die lohnt es sich. Ihre Beträge stehen nachher für ihre Pflege zur Verfügung. Sie können sich darauf verlassen.



Daniel Bahr (FDP)

So funktioniert die Zusatz-Versicherung

Und so soll es funktionieren: Wer vom Zuschuss profitieren will, muss eine sogenannte Pflegetagegeldversicherung abschließen. Im Pflegefall gibt es dann je nach Tarif maximal 50 Euro Tagegeld - also 1.500 Euro im Monat. In der Theorie ist damit die Pflegelücke geschlossen. Das wollen auch unsere Testerinnen. Der monatliche Beitrag für Marit Jensen wäre 57 Euro. Für die 25jährige Anja Hauser ist es viel billiger – etwa 15 Euro. In beiden Prämien sind die Kosten für Makler und Versicherung einkalkuliert.

Die SPD-Opposition hält das Ganze für ein Lobbygeschenk. So kritisiert der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Lauterbach: "Der ganze Vorschlag ist aus meiner Sicht Murks. Die Verwaltungskosten sind hier höher als der Zins, der erwirtschaftet werden kann. Also man kann davon ausgehen, das bringt vielleicht zwei Prozent Verzinsung pro Jahr. Die Verwaltungskosten dürften hier aber mehr in der Größenordnung von 20 Prozent liegen. Somit macht der Bürger mit diesem Geschäft Verlust."



Reicht der Bundesetat für die Nachfrage?

Verlust für den Bürger und die Kosten für den Staat? Die Bundesregierung rechnet mit zunächst 1,5 Millionen Verträgen und Kosten von 90 Millionen Euro. Bei 15 Millionen Verträgen - wie sie inzwischen die Riester-Rente zählt - wären es 900 Millionen Euro. Das würde der Bundesetat gar nicht hergeben. Doch der Versicherungsmakler glaubt ohnehin nicht an den großen Boom. Er rechnet mit steigenden Prämien, da die Versicherungen sich ihre Kunden nicht mehr aussuchen dürfen. Und je teurer es wird, desto weniger dürften mitmachen: "Wenn es tatsächlich Tarife geben sollte ohne jede Gesundheitsprüfung, dann holt sich auch jeder Versicherer ungesunde Risiken ins Haus und das kann zu einer großen Kostenspirale führen. Insofern birgt das nicht nur Vorteile für die Versicherungswirtschaft", sagt der Versicherungsmakler Dominic Kootz.



Hände einer älteren Frau klammern sich an einen Griff über dem Bett

Falsche Anreize durch den Staat

Wenn die Versicherungswirtschaft nicht so stark profitiert, nützt es dann den Versicherten? Versicherungsmathematiker Jürgen Strobel von derFH Köln hat unsere Beispiel-Angebote geprüft: "Ich habe einmal auf der Basis der bestehenden Tarife geschaut, was kostet das monatlich für eine junge Frau und eine, naja, schon etwas ältere Frau." Danach bekommt die junge Frau ein Drittel ihrer Pflegezusatzversicherung vom Staat, bei der älteren ist es nur ein Elftel. "Damit ist natürlich die Anreizwirkung, die der Staat beabsichtigt, verfehlt." Denn eigentlich sollen gerade Ältere motiviert werden, selbst für die Pflege vorzusorgen. Doch für die lohnt sich der fünf-Euro-Zuschuss nicht. Deshalb schlägt Strobel vor: "Sicherlich wäre es auch nicht verkehrt, nach dem Alter zu staffeln, fünf Euro eben für Jüngere und dann zehn oder 15 Euro für andere Altersgruppen vorzusehen. Das kostet natürlich mehr Geld."



Testpersonen sind am Ende unschlüssig

Unsere Tester sind unschlüssig. Marit Jensen findet die Versicherung zu teuer, Anja Hauser zu riskant, weil nur im Pflegefall gezahlt wird. Wenn viele so denken, hat die Versicherungswirtschaft nichts davon. Noch verspricht die staatlich geförderte Pflegezusatzversicherung also, für niemanden ein gutes Geschäft zu werden.




Stand: 10.06.2012, 14:19 Uhr





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