Prävention gegen Salafismus
- Sonntag, 24. Juni 2012, 19.30 - 20.00 Uhr
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Politiker und Experten sind sich einig: wenn man den Zulauf für die Salafisten wirklich stoppen will, helfen Vereinsverbote und Razzien höchstens kurzfristig. Damit Jugendliche erst gar nicht von den Islamisten verführt werden können, müsste es flächendeckende Präventionsprojekte geben. Doch bisher sind die viel zu rar gesät.
Eine fremde Religion entdecken - Berührungsängste abbauen. Muslimische Jugendliche dürfen in der Düsseldorfer Synagoge die Thora, die Heilige Schrift der Juden, anfassen. Für Cadas Ertas etwas Besonderes. Für ihn ist es ein "komisches Gefühl auf jeden Fall. Weil man einen unschätzbaren Wert in der Hand hat, ich kenn das gar nicht, die Leute brauchen das ja zum Beten - und dann muss man schon aufpassen, was man macht." Ganz praktisch erklärt Shoshanna Rosen den 30 Düsseldorfer Jungen, was das Judentum ausmacht: Sie hüllt sie in jüdische Gebetsmäntel und zeigt ihnen zweihundert Jahre alte Gebetsriemen. Die Jugendlichen sollen ihre Scheu verlieren - und offen werden für die jeweils andere Religion. Rosen sagt: "Es sind kleine Unterschiede, die müssen bleiben, das ist das Schöne."
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Thora-Rolle in der Düsseldorfer Synagoge
"Ibrahim trifft Abraham"
Die Jungen zwischen 16 und 18 Jahren kommen aus verschiedenen Düsseldorfer Schulen – viele von ihnen sind Muslime, manche Christen, einige haben gar keinen Bezug zu Religion. Sie alle sind Teilnehmer am Präventionsprojekt "Ibrahim trifft Abraham". Entwickelt hat es der Islamwissenschaftler Michael Kiefer. Er will Jugendliche aus sozial schwachen Schichten immun machen gegen die einfachen Botschaften extremistischer Gruppen - etwa von Salafisten: "Wir haben durchaus auch Jungen, die Kontakt haben zu salafistischen Netzwerken, aber sie gehören nicht dazu - das ist der wesentliche Unterschied. Unsere Präventionsarbeit setzt deutlich vorher an. Wenn Radikalisierungsprozesse gelaufen sind bei diesen Jugendlichen, dann ist es enorm schwer, sie zu erreichen."
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Pierre Vogel auf einer Kundgebung in Köln
Salafisten in Mönchengladbach
Wie schwer das ist, haben sie in Mönchengladbach erlebt. Hier versuchte 2010 der Verein "Einladung ins Paradies" um den Prediger Pierre Vogel, Fuß zu fassen. Innerhalb kürzester Zeit zog er mit seinen radikalen Thesen massenweise junge Leute an, warb auch um deutsche Jugendliche, missionierte aggressiv. Lehrer und Sozialarbeiter waren zunächst überfordert. Inzwischen bietet die katholische Beratungsstelle Hilfe. Sie schult Lehrer und Erzieher und berät Familien.
Doch die Berater stoßen an Grenzen: Betroffene Jugendliche selbst melden sich nie. Und die Angehörigen kommen oft erst dann, wenn es zu spät ist, wie Herbert Busch von der Beratungsstelle berichtet: "Wenn sich die Abschottung schon vollzogen hat, ist es sehr, sehr schwer, an die jungen Leute heranzukommen. Und wir haben es konkret erlebt, dass dann bei den Jugendlichen und den Gruppen wenig Motivation besteht, mit den alten Bezügen, den Familien und Freunden überhaupt noch Kontakt zu haben. Wir brauchen mehr Prävention, und wir brauchen vor allem koordinierte Prävention."
Zurückhaltung der Islamverbände
Doch wer fühlt sich dafür verantwortlich? Die großen Islamverbände geben sich zurückhaltend. Am Rande eines Treffens mit dem Präses der evangelischen Kirche in der Duisburger Moschee gibt es zu den Salafisten eher schmallippige Kommentare. Das sei nicht allein das Thema der Muslime, heißt es. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland meint: "Die beste Prävention gegenüber Radikalisierung ist die Muslime anzuerkennen, sie in ihren Rechten und Pflichten anzunehmen und vor allem auch die Sorgen der Muslime wahrzunehmen."
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Aiman Mazyek, Zentralrat der Muslime in Deutschland
Staat setzt auf Verbote und Härte
Und der Staat? Der reagiert auf die salafistischen Extremisten vor allem mit Härte – lässt Moscheevereine durchsuchen und verbieten. Dass Druck alleine das Problem nicht lösen wird, weiß man, viel mehr aber auch nicht. Ralf Jäger (SPD), Innenminister in NRW, sagt: "Da hat keiner den ganz großen Wurf im Moment, wie man damit umgeht. Jeder lernt, mit dem, was er macht, ob es erfolgreich ist oder nicht. Das müssen wir miteinander vernetzen, besser kooperieren - über Ländergrenzen hinaus, weil auch die Szene über Ländergrenzen hinaus stark vernetzt ist. Aber Fazit ist: Wir dürfen da nicht einfach zuschauen und uns zurücklehnen, wir müssen da ganz massiv gegen arbeiten, dass diese Szene mit ihrem missionarischen Charakter noch weiter wächst."
Vorbild England
Ein Vorbild könnte England sein. Nach den Terror-Anschlägen 2003 pumpte die Regierung etwa 150 Millionen Euro in flächendeckende Präventionsprogramme. Dass solche Anschläge auch bei uns möglich sind, weiß man spätestens seit dem vereitelten Plan der sogenannten Sauerland-Gruppe. Die in Deutschland aufgewachsenen Islamisten wollten Hunderte in den Tod schicken - doch passiert ist in Sachen Prävention wenig: "Schauen Sie sich um, wie viele Projekte dieser Art haben wir in NRW?", fragt der Islamwissenschaftler Michael Kiefer. "Vielleicht vier oder fünf - und das in einem Land mit 600.000 muslimischen Schülern und was weiß ich wie vielen christlichen Schülern und so weiter und so fort – es ist einfach zu wenig."
Gemeinsamkeiten betonen
Eine einheitliche Strategie, eine flächendeckende Prävention gibt es nicht. Dabei zeigt das Projekt von Michael Kiefer: Andere Religionen kennenzulernen kann sogar Spaß machen. Am Ende ist dem Moslem Cadas die Synagoge mit allen ihren Gegenständen und Ritualen gar nicht mehr so fremd: "Eigentlich sehe ich das alles, was hier ist, in den Augen der anderen Religionen auch wieder. Das trennt sich alles nicht so." Die Gemeinsamkeiten betonen, nicht das, was trennt. Ganz anders als die Extremisten. Projekte wie dieses sind dazu ein erster Schritt. Noch sind sie aber die große Ausnahme.
Stand: 24.06.2012
- Bedrohung durch Salafisten [WESTPOL] (17.06.2012)
- "Verbot löst Probleme nicht" [WDR.de] (14.06.2012)
- Salafisten-Verein verboten [WDR.de] (14.06.2012)
- Bundesweite Razzia gegen Salafisten [Tagesschau] (14.06.2012)
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