PCB in Schulen

  • Sonntag, 02. September 2012, 19.30 - 20.00 Uhr

Ein renoviertes leeres Klassenzimmer

PCB in Schulen

(06:25)

Sonntag, 02. September 2012, 19.30 - 20.00 Uhr

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Viele Schüler und Lehrer atmen täglich PCB ein, obwohl die Substanz möglicherweise krebserregend ist. Doch in welchen Schulen das Gift in welchen Konzentrationen in der Luft enthalten ist, weiß niemand.



Wo überall steckt es? An der Marienschule in Euskirchen tritt PCB aus Fugen in die Luft. Wo genau, wissen Schulleiter Jürgen Antwerpen und sein Stellvertreter nicht. Erst im Sommer haben sie vom PCB in der Luft des Schulflurs erfahren. "Es besteht Handlungsbedarf. Es muss dringend saniert werden. Und was mir Sorge bereitet und was ich hinterfrage, ist: Ist auch hier an dieser Stelle gemessen worden?" fragt Schulleiter Jürgen Antwerpen.

PCB auch in Fugenmasse

Die Marienschule ist 1972 fertig gebaut worden. Damals wurde PCB häufig der Fugenmasse beigemischt. Die beiden Lehrer haben jetzt zwar von der Stadt erste Messprotokolle bekommen - was diese aber für den Schulbetrieb bedeuten, ist ihnen noch nicht klar. "Das ist sehr schwer zu ertragen, besonders jetzt diese ganz frische Erkenntnis, es könnte auch in den Klassenräumen sein. Die Aufenthaltsdauer auf den Fluren ist kurz, ist von uns gut beeinflussbar, wir schicken alle Schüler raus. Aber hier verbringen die ihre Stunden", erläutert Martin Rittner, stellvertretender Schulleiter der Marienschule. Für die Klasse gilt: Stoßlüften als Sofortmaßnahme. Zu Beginn jeder Stunde, fünf Minuten, um so die PCB-Belastung möglichst gering zu halten. Denn der Unterricht geht erstmal weiter.

Zum Bauen ideal geeignet

PCB (Polychlorierte Biphenyle) ist ein hochgiftiger Chlorcocktail, der so ähnlich wie Öl aussieht. Zum Bauen ist die dickflüssige, leicht klebrige Masse ideal. Sie macht Fugenmittel flexibler, Farbanstriche haltbarer. PCB entweicht nicht nur in die Raumluft, sondern findet sich längst auch in Nahrungsmitteln. Wissenschaftler wie Prof. Thomas Kraus von der Uniklinik Aachen empfehlen deshalb, die Belastung gering zu halten und möglichst viele Quellen auszuschließen. Denn in hoher Konzentration im Körper ist das Gift gesundheitsschädlich. Er warnt vor Beeinträchtigungen des Immunsystems. "Außerdem haben wir bei Erwachsenen dann noch Hinweise auf Leberfunktionsstörungen, hormonelle Veränderungen, die Schilddrüsenfunktion kann beeinträchtigt sein. Und es besteht Krebsverdacht", zählt Prof. Thomas Kraus auf.

PCB-Molekül

PCB-Richtlinie erst seit 1996

Wie gefährlich PCB ist, weiß man in den 60er und 70er Jahren noch nicht. Damals gibt es in NRW einen wahren Bauboom. Von 1964 bis 1979 werden fast 5.000 Schulen gebaut - mit PCB. Und obwohl PCB seit den 80er Jahren verboten ist, werden viele Gebäude weiter genutzt. Erst 1996 reagiert das Land NRW mit einer PCB-Richtlinie. Darin die Empfehlung: bei Raumluftkonzentrationen von mehr als 3.000 Nanogramm je Kubikmeter sollen Sofortmaßnahmen ergriffen werden, weil Gesundheitsgefahren nicht auszuschließen sind. Umsetzen müssen das die Schulträger, also die Kommunen. Verbindlich ist die Richtlinie allerdings nicht. 1999 stellt die Landesregierung dem Landtag gegenüber klar: Die Richtlinie löst keinen Handlungszwang aus.

Das Ergebnis heute ist ein Flickenteppich. Niemand weiß, wie viele Kommunen wie viele Schulen überprüft haben, wo saniert wurde. Also tauchen immer wieder PCB-Fälle auf, auch noch nach 40 Jahren. Für Michael Müller, langjähriger PCB-Sachverständiger, liegt das an den Kosten: "Das Ganze ist ein Fass nahezu ohne Boden. Denn die Sanierung ist eine sehr teure und aufwendige Geschichte, und Kostenträger ist die Kommune", so Müller.

Ein renoviertes leeres Klassenzimmer

Elternproteste in Neuss

Beispiel Neuss. Schon 2001 wird an der Dreikönigenschule PCB entdeckt. Sie soll mittelfristig saniert werden. Weil andere Schulen höher belastet sind, passiert nichts. Erst in diesem Frühjahr erfahren die Eltern davon. Sie protestieren so lange, bis die Schule jetzt geschlossen und das PCB entfernt wird.

Manche Schulen werden saniert, andere nicht. Darf das sein? WESTPOL fragt die Landesregierung. Das zuständige Bauministerium teilt überraschend mit: Die PCB-Richtlinie sei doch keine Empfehlung. Sie (…) muss (…) von den Bauaufsichtsbehörden und allen am Bau Beteiligten (…) beachtet werden. Sie ist daher sehr wohl verbindlich.

Das ist neu, auch für den Städtetag. "Bisher hat es keine kommunale Verpflichtung für eine regelmäßige schadstoffbedingte Überprüfung der Schulen gegeben", erklärt Klaus Hebborn vom Städtetag NRW. "Wenn das Land eine solche Verpflichtung in Kraft setzen würde, müsste es dem Prinzip der Konnexität folgend und auch die entsprechenden Kosten übernehmen."

Eine Chemielaborantin bei einer Dioxinuntersuchung

Bundesweite Initiative gefordert

Wenn das Land jetzt tatsächlich Sofortmaßnahmen gegen PCB vorschreibt, soll es das nach Ansicht der Kommunen auch bezahlen. Zumal Experten es nicht bei PCB-Kontrollen belassen wollen. "Was eigentlich fehlt, ist eine bundesweite Initiative der Kommunen, Schulen auf Schadstoffe untersuchen zu lassen. Das ist natürlich auch ein sehr teurer Prozess" so PCB-Experte Michael Müller. Prof. Thomas Kraus pflichtet ihm bei: "Das halte ich für sehr sinnvoll, dass Begehungen der Schulen stattfinden und ein Gefahrstoffkataster erstellt wird."

Bei regelmäßigen Schadstoff-Untersuchungen wäre die Marienschule in Euskirchen wohl schon längst saniert worden. Stattdessen: Krisensitzung in dieser Woche. Endlich gibt’s Informationen von der Stadt. Die Schule soll nicht dichtgemacht werden. Doch in den Herbstferien kommt das Gift raus aus den Fugen. Für den Schulleiter ist das überfällig. "Als Schulleiter erwarte ich, oder gehe ich einfach davon aus, dass der Schulträger uns Räume zur Verfügung stellt, in denen wir ohne Sorgen um ein mögliches gesundheitliches Risiko arbeiten können", fordert Jürgen Antwerpen. "Das ist eine Selbstverständlichkeit."


Stand: 02.09.2012




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