Flüchtlingswelle überrascht Politik

  • Sonntag, 21. Oktober 2012, 19.30 - 20.00 Uhr

Feldbetten für Asylbewerber in einer Mehrzweckhalle in Köln-Deutz (Foto vom 11.10.2012)

Flüchtlingswelle überrascht Politik

(06:10)

Sonntag, 21. Oktober 2012, 19.30 - 20.00 Uhr

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Immer wieder im Herbst steigt die Zahl derer, die in Deutschland Asyl suchen. Vor allem Flüchtlinge aus Serbien und Mazedonien haben den deutschen Behörden zuletzt viel Arbeit beschert. WESTPOL hat sich die Situation vor Ort angesehen.



Familie Redzep ist aus Mazedonien nach Deutschland gekommen – müde, abgekämpft, heimatlos. Vier Quadratmeter pro Person, Feldbetten, Decken und ein paar Dinge des täglichen Bedarfs - das ist ihr neues Leben. Seit Anfang der Woche ist die Roma-Familie in der Notunterkunft in Unna-Massen untergebracht. "Ich musste meine Heimat verlassen. Überall werden wir Roma in Mazedonien diskriminiert, ob ich auf der einen oder auf der anderen Seite des Landes lebe", berichtet Mustafa Redzep. "Ich habe dort keine Arbeit bekommen. Wir haben keine Chance dort."

Feldbetten für Asylbewerber in einer Mehrzweckhalle in Köln-Deutz (Foto vom 11.10.2012)

Leben in unmenschlichen Verhältnissen

Ortswechsel: Wir sind in Sutka, im Nordwesten der mazedonischen Hauptstadt Skopje. In der Heimat von Familie Redzep. Das Dorf gilt als größte Roma-Siedlung in Europa. Schnell wird klar, warum Menschen hier weg wollen. Leben in unmenschlichen Verhältnissen: überall Müll, überall Gestank, kein fließend Wasser. Armut, wie man sie in Deutschland nicht kennt. Die Menschen klagen über mangelnde Hygiene, sind ohne Perspektive. "Wir haben nichts. Wir bekommen gerade mal 2.000 Denar Sozialhilfe für neun Familienmitglieder. Das sind umgerechnet 35 Euro. Mein Mann ist krank und kann nicht arbeiten, wir haben kein Geld für den Arzt und kein Geld für Medikamente", erklärt eine Bewohnerin. "Jeder verspricht uns Hilfe. Wir helfen euch, heißt es dann - aber es passiert nichts. Sie können sehen, wie mein Haus aussieht, mein Dach hat Löcher, sie sehen die Stromkabel – doch Hilfe bekomme ich keine. Das ist schlimm hier", so ein anderer Bewohner.

Mazedonien ist ein EU-Beitrittskandidat. 2009 wurde der Visumzwang für Reisen innerhalb Europas aufgehoben. Seitdem locken Menschenhändler mit falschen Versprechen. Auch hat sich herumgesprochen, dass seit diesem Juli die Leistungen für Asylbewerber in Deutschland um 130 Euro angehoben worden sind. Jeder, mit dem wir hier sprechen, glaubt zu wissen, wie viel Geld ihm zustehen würde. "Diejenigen, die Asyl beantragen, erhalten rund 340 Euro pro Person. Wenn sie also zu fünft sind, bekommen sie in Deutschland rund 1.500 Euro", rechnet ein Bewohner vor. "Warum sollen sie nicht dorthin gehen? Wie würden Sie sich entscheiden?"



Flüchtling in einem Flughafen-Terminal (Foto vom 11.09.2012)

Aufnahmestellen platzen aus den Nähten

Zurück in Nordrhein-Westfalen, in der Notunterkunft in Unna-Massen: Rund 230 Flüchtlinge aus 20 Nationen leben hier. Die Kapazität soll auf 400 Plätze erweitert werden. Überall im Land platzen die Aufnahmestellen aus den Nähten. Denn immer mehr Menschen kommen nach Europa und nach Deutschland. Vor allem die Zahl der Asylsuchenden aus Mazedonien ist stark angestiegen: Wurden im September 2011 bundesweit gerade mal 71 Erstanträge aus Mazedonien gestellt, waren es im September dieses Jahres 1.040.

Für Heinz Drucks vom Flüchtlingsrat NRW eine absehbare Entwicklung. Er wundert sich, warum die Politik nicht vorbereitet war. "Jeder in der Politik, der sich mit dem Thema beschäftigt, weiß ganz genau, wie die Bedingungen in Serbien und Mazedonien sind. Überwiegend für Roma noch schlimmer als für alle anderen", berichtet Heinz Drucks vom Flüchtlingsrat NRW. "Und dann weiß man aus der Erfahrung der letzten Jahre, dass die Menschen im Winter gucken, dass sie überleben können und das können sie nicht in selbstgeschusterten Unterkünften aus Plastikfolie", so Drucks weiter.

Zahl der Asylbewerber deutlich geringer

Auch warnt der Flüchtlingsrat vor Hysterie: Anfang der neunziger Jahre, der großen Welle der Asylbewerber in Deutschland, gab es rund 440.000 Flüchtlinge. Heute ist die Zahl deutlich geringer. Es sind gerade mal 40.000 Asylsuchende. Doch viele unterstellen den Flüchtlingen Asylmissbrauch. Mazedonien gilt als "sicherer Staat", in dem es offiziell keine politische Verfolgung gibt. "Das ist eine Definitionsfrage", erklärt Heinz Drucks. "Wenn ich im Elend leben muss, aufgrund meiner ethnischen Zugehörigkeit, dann halte ich das für ne Verfolgung. Kein Mensch kommt hierher, nur weil es 130 Euro im Monat mehr gibt. Das mag ein zusätzliches Argument sein, aber auslösender Faktor sind die Bedingungen in den Ländern, aus denen die Menschen kommen."

Mazedonien will in die EU

Deutschland versucht, die Situation aufzufangen, will die Asylanträge der Roma schneller bearbeiten. Lösen aber muss das Problem die mazedonische Regierung. Doch die ist offenbar nur begrenzt willens. Geld scheint zwar vorhanden. Während die Roma im Slum leben, entsteht gerade für rund 200 Millionen Euro das Projekt "Skopje 2014": monumentale Bauwerke, die die Größe des Landes unter Alexander des Großen zeigen sollen. Die Regierung will in die EU. Eine Flüchtlingswelle aus Ihrem Land kann sie dabei gar nicht gebrauchen. Sie setzt auf Ausreisekontrollen statt auf Hilfe für die Roma. "Unsere Grundlage für die Entscheidung, ob jemand visafrei reisen darf, sind Dokumente über den Anlass und Organisation der Reise sowie die Unterbringung während der Reise und über die Möglichkeit die Reisekosten selbst tragen zu können", erklärt Mazedoniens Innenministerin Gordana Jankuloska.



Statue von Alexander dem Großen in Skopje

Wieder zurück in der Notunterkunft in Unna-Massen: Ein Arzt untersucht Mustafa Redzep. Er hat starke Schmerzen im Brustkorb, leidet unter Atemnot. Seit vier Jahren schon. Doch in der Heimat wurde er nicht behandelt. Jetzt hofft er auf einen Neuanfang. "Ich habe große gesundheitliche Probleme, wenn ich die in den Griff bekomme, dann möchte ich gerne hier bleiben, hier arbeiten und hier leben", so Redzep.

Doch Mustafa Redzep und seine Familie haben kaum eine Chance, hier zu bleiben. Die Anerkennungsquote für Roma liegt in Deutschland bei 0,5 Prozent.


Stand: 21.10.2012




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