Riskante Wärmedämmung
- Sonntag, 28. Oktober 2012, 19.30 - 20.00 Uhr
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Ab 2050 soll es in Deutschland nur noch klimaneutrale Häuser geben. Der Staat fördert deshalb die Fassaden-Dämmung nach Kräften. Meist werden Wärmedämm-Verbundsysteme aus Styropor eingesetzt - doch Experten warnen dabei vor gleich mehreren Risiken.
Deutschland verpackt sich. Fertig zugeschnittene Platten werden an die Wand geklebt – gefördert vom Staat. 800 Millionen Quadratmeter sind bereits zugepflastert mit sogenannten Wärmedämmverbund-Systemen aus Styropor. Das ist die billigste und häufigste Variante. 800 Millionen Quadratmeter, das entspricht der Fläche Berlins. Doch was neu ist, sieht schnell alt aus: Nach der Fassaden-Dämmung kommen die Algen – so wie hier in Düsseldorf. Die Schadensaufnahme ist für die Mitarbeiter der Beamten-Wohnungs-Genossenschaft längst Routine, denn das Problem tritt flächendeckend auf. "Wir wissen um die Problematik schon seit über zehn Jahren und sind auch, wie man so schön sagt, in einem ständigen Dialog mit der Industrie. Auch die Industrie kennt diese Problematik", so Helmut Dippold von der Genossenschaft.
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Wie sinnvoll ist die Dämmung?
Gift gegen Algen
Die Lösung der Dämmstoff-Industrie gegen die Algen heißt Gift. Gift, das vorbeugend direkt in den Putz und die Farben gemischt wird. Wer das nicht will, dem verweigern die Hersteller die Garantie. Dauerhaft ist diese Lösung nicht. Der Regen wäscht das Gift aus der Fassade aus. Reimund Stewen ist Bausachverständiger und kennt die Folgen. Wer den Anstrich nicht regelmäßig erneuert, dessen Haus ist bald voller Algen. Das sind die sichtbaren Folgen. Doch schlimmer sind die Unsichtbaren: "Die Gifte waschen sich aus, landen im Sockelbereich des Hauses und da werden sie ins Erdreich abgegeben. Im Erdreich landen sie im Grundwasser und dort können sie nicht abgebaut oder aufgearbeitet werden", erklärt Stewen. "Für unseren Kreislauf und für die Trinkwassergewinnung ist das schon sehr bedenklich und hochgefährlich."
Umweltbundesamt erforscht die Gefahren
Eine Gefahr, die das Umweltbundesamt ernst nimmt. Die staatliche Behörde hat jetzt eigene Forschungsprojekte gestartet. Denn einige der Fassadengifte sind in der Landwirtschaft seit 15 Jahren verboten, weil sie die Umwelt schädigen. Silke Müller-Knoche vom Umweltbundesamt weiß: "Zudem haben einige biozide Stoffe andere Eigenschaften, dass sie sehr langlebig sind, kaum abgebaut werden und sich dadurch auszeichen, dass sie in der Nahrungskette angereichert werden, was ihr Gefährdungspotenzial sehr deutlich macht." Von solchen Bedenken ist von Industrie und Politik nichts zu hören. Der Boom der Wärmeverbundsysteme geht ungehindert weiter. Es ist eine mächtige Branche, die mehr als 75 Prozent des Dämm-Marktes abdeckt. Dabei drohen weitere Gefahren.
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Wärmedämmung - aber richtig!
Feuerwehr ist besorgt
Frankfurt, Ende Mai: Ein leer stehendes Gebäude, das gerade mit Styropor gedämmt wird, steht in Flammen. Die Fassade hat Feuer gefangen - rasend schnell fressen sich die Flammen durch die Stockwerke. Selbst sogenannte Brandriegel nutzen nichts. Ein Horror-Szenario für die Feuerwehren. Sie zweifeln, ob die Dämmplatten ausreichend geprüft sind. Nicht auszudenken, wenn das Haus in Frankfurt bewohnt gewesen wäre! Jochen Stein, Amtsleiter der Feuerwehr Bonn, sagt: "Wir machen uns natürlich Sorgen darum, wenn solche Wärmedämmverbundsysteme abbrennen an Gebäuden, die noch bewohnt sind. Das ist ja ganz oft der Fall, dass Sanierungen nur an der Fassade durchgeführt werden, dann können die Bewohner in der Regel im Haus bleiben. Und dann stellt sich für uns natürlich eine ganz andere Situation dar, als wenn, wie in Frankfurt, das Gebäude während der Sanierung leer ist und es sich somit,in Anführungsstrichen, 'nur' um den Brand an einer Baustelle handelt."
Entsorgung ist problematisch
Brandgefahr – giftige Chemikalien - und noch ein Problem: die Entsorgung. Denn Wärmeverbund-Systeme aus Styropor halten bei Weitem nicht so lange wie ein Haus. Platten, Kleber und Putz sind dann Sondermüll. Der muss aufwendig und teuer beseitigt werden. Trotz aller Schwächen: Alternativen haben es schwer. So wie in diesem Fall wird nur selten gebaut: Zwischen einer Isolationsschicht auf der Wand und der Verkleidung bleibt Luft, durch die das Haus atmen kann. Das ist teurer, aber es hält auch länger. Außerdem kann die Fassade nicht brennen und das Haus bleibt auch ohne Gift algenfrei. Wer so baut, wird allerdings nicht belohnt. Helmut Dippold von der Beamten-Wohnungsbau-Genossenschaft: "Die Fördermittel sind nach oben begrenzt. Es ist nicht so, wenn sie entsprechend andere Systeme einsetzen, bekommen sie mehr Geld, das ist nicht der Fall." Von der Förderung profitieren also die Hersteller der billigeren Wärme-Verbund-Systeme aus Styropor - trotz der Nachteile.
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Sondermüll Wärmedämmplatten
Nutzen geringer als gedacht
Dabei halten die Platten nicht mal das, was sich die Politik davon verspricht. Reimund Stewen, Diplom-Ingenieur und Architekt: "Die Industrie verspricht bei Wärmeverbundsystemen auf der Fassade eine Energieersparnis von 60 Prozent. Das kann aber gar nicht sein, weil wir nur 18 Prozent Energieverluste über die Fassade haben – im Schnitt eines Gebäudes. Es handelt sich da eindeutig um eine Milchmädchenrechnung." Die Politik aber fördert diese Art der Dämmung weiter – und die Industrie verdient daran mit preiswerten und alles andere als unproblematischen Systemen.
Stand: 28.10.2012
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