Diagnose Depression für Tausende Kinder
- Sonntag, 18. November 2012, 19.30 - 20.00 Uhr
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Seit 2009 ist die Zahl depressiver Kinder und Jugendlicher in NRW um 50 Prozent gestiegen. Schnelle Hilfe zu finden ist schwierig, denn es fehlen Plätze. Was liegt den Kindern und Jugendlichen "auf der Seele"? WESTPOL hat eine Kinder- und Jugendklinik im Münsterland besucht.
Cinzia fühlt sich nicht gut genug. Ihre Schulnoten, ihr Aussehen - nie ist sie zufrieden. Manchmal hasst sie sich. Mit 11 fing das an. Wie einen Stein schleppt sie ihren Selbstzweifel seit vier Jahren mit sich rum. Jetzt hat sie ihn erst mal hinter Draht gesperrt. Dr. Khalid Murafi: "Also würde es sich vielleicht doch lohnen, den Zweifel über Bord zu schmeißen?" Cinzia: "Wir hatten ja auch darüber gesprochen, dass der Zweifel vielleicht nicht nur von mir, sondern von den Eltern kommt. Ich glaube, alle Eltern wollen, dass aus ihren Kindern was Gescheites wird. Und wenn dann nichts Gescheites wird, ist man bestimmt enttäuscht."
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Symbolbild: Depressives Kind
Selbstverletzung als Hilfeschrei
Zwölf Wochen behandeln Khalid Murafi und sein Team Cinzia jetzt. In wenigen Tagen soll sie entlassen werden. "Guck mal, du hast das so schön verankert.", sagt er zum symbolischen Selbstzweifel hinter Draht. Zum Abschluss der Therapiestunde gibt der Arzt der 15-Jährigen eine Aufgabe mit: Sie soll einen Rucksack mit Steinen vollpacken und den dann mit sich rumschleppen. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, dass ihre Selbstzweifel Ballast sind.
Leistungsdruck, Angst vorm Versagen – zur Schule ist Cinzia nur noch selten gegangen. Um sie herum war plötzlich alles dunkel. Sie hat angefangen, sich zu ritzen. Insgesamt über 1.000 Mal hat sie sich in ihre Unterarme geschnitten, manchmal so tief, dass es im Krankhaus genäht werden musste. Cinzia erklärt: "Manchmal auch einfach nur so, um mich zu spüren. Weil ich oft nicht wirklich davon überzeugt war, dass ich existiere und dann brauchte ich irgendwas, was mir beweist, dass ich noch da bin. Man spürt nicht mehr wirklich, ob man lebt und dann macht man es und dann hat man wieder Atem für eine Weile. Was halt für mich immer das Entscheidende war, wie viel Blut geflossen ist. Je mehr Blut geflossen ist, desto befriedigter war ich eigentlich danach. Aber das Gefühl hat nicht lange angehalten."
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Angst vorm Versagen in der Schule
"Viele Kinder fühlen sich überfordert"
In die Klinik ist Cinzia zunächst nicht freiwillig gegangen. Die Ärzte hatten einen richterlichen Beschluss erwirkt. Mittlerweile hat sie die Diagnose Depression akzeptiert, kann Hilfe annehmen. Die verordneten Steine in ihrem Rucksack schleppt sie immer noch mit sich rum. Am morgen übt die Gymnasiastin mit einer Lehrerin Französisch. Cinzia und die anderen Patienten werden in der Klinik individuell unterrichtet. Viele hier haben Probleme in der Schule, so Kathrin Echelmeyer, Lehrerin der Klinik Walstedde: "Also viele Kinder fühlen sich einfach überfordert. Auch mit dem Umfang an Druck, von den einzelnen Fächern, dem Erwartungsdruck von zu Hause oder von draußen, oder auch die Freizeitinteressen noch mit unter einen Hut zu bringen. Das ist einfach ein riesen Batzen, der vielen Kindern zu viel wird."
Die Lehrerin hat den Eindruck, dass das heute mehr ist, als vielleicht noch vor einigen Jahren: "Also wir haben hier viele Schüler aus der Gymnasialstufe. Und im Zuge von G8 ist der Druck gerade bei diesen Schülern noch mal viel größer geworden."
Jeder dritte Schüler leidet unter Schulstress
Fast jeder dritte Schüler leidet mittlerweile unter Schulstress, so eine Studie im Auftrag der Deutschen Angestellten-Krankenkasse. Mädchen seien besonders häufig betroffen. Doch es wäre zu einfach, das Problem allein auf die Schule zu reduzieren. Klinikleiter Murafi sagt: "Manchmal habe ich hier eine Erstvorstellung, wo das Kind einen Suizidversuch begangen hat, der ein, zwei Tage her ist. Und wir sprechen über die schwierige Entwicklung, die das Kind durchgemacht hat. Und trotzdem ist, obwohl die Eltern natürlich voller Sorge um ihr Kind sind, die entscheidende abschließende Frage: Wann geht das Kind wieder zur Schule? Das heißt, wir haben eine Überbedeutsamkeit dieser Leistungsaspekte in unserer Gesellschaft. Und weder Politik noch Gesellschaft scheinen momentan in der Lage zu sein, diese Überbedeutsamkeit mal zu entlasten, herauszunehmen."
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Stressfaktor Schule
Therapieplätze nur für privat Versicherte
Klinikleiter Khalid Murafi kann sich deshalb vor Anfragen kaum retten. Doch die meisten muss er gleich wieder wegschicken. Nur wer privat versichert ist, bekommt hier, im münsterländischen Drensteinfurt, einen Platz, erklärt er: "Wir haben uns darum bemüht, Betten aus dem sogenannten Krankenhausplan NRW zu erhalten. Das ist die Voraussetzung, dass man mit den gesetzlichen Krankenversicherungen auch abrechnen kann. Das ist uns nicht gelungen. Das gelingt zur Zeit keiner Klinik in NRW, die Betten auszuweiten, weil es das politische Signal gibt, dass das nicht gewollt ist."
Es fehlen Betten in der Kinder- und Jugendpsychatrie
In NRW gibt es 1.160 Betten in Kinder- und Jugendpsychiatrien. Die Anzahl ist in den letzten Jahren kaum gestiegen. Der Bedarf dagegen schon. Die Folge ist, dass viele Kliniken lange Wartelisten haben. Sie sind heillos überbelegt und personell oft völlig unterbesetzt. Cinzia hatte Glück, dass ihre Eltern privat versichert sind.
"Fühle das Fell des Hundes. Achte auf Deine Beine". Entspannnen, Meditieren, während ein Hund auf ihrem Schoß liegt - das hilft ihr. Mittlerweile schmiedet sie wieder Zukunftspläne. Früher hätte ihr das Stress gemacht. "Ich weiß über meine Krankheit Bescheid", sagt Cinzia, "und ich weiß, wenn ein Warnzeichen kommt, dass ich was dagegen machen kann. Weil ich weiß, was es ist." Heute mag sie sich mehr als damals: "Ich bin zwar nicht 100 Prozent zufrieden, aber ich bin so weit zufrieden, dass es mich nicht mehr belastet."
Nach zwei Tagen entscheidet Cinzia sich dann, die Steine aus ihrem Rucksack loszuwerden. Sie wirft sie in einen Graben. "So, leer! Fühlt sich gut an."
Stand: 16.11.2012
- 50 Prozent mehr Schüler mit Depression in Kliniken [WDR.de] (26.10.2012)
- Depression – Wenn die Seele Trauer trägt [Planet Wissen] (07.09.2012)
- Depressive Kinder: Welchen Anteil hat die Schule [Monitor] (08.07.2010) - pdf
- Rätsel Depression [Quarks & Co] (16.10.2007)
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