Neue Erkenntnisse zur Keupstraße

  • Sonntag, 25. November 2012, 19.30 - 20.00 Uhr

 Ein Polizist betrachtet in der Kölner Keupstraße die Trümmer einer Bombenexplosion (Foto vom am 09.06.2004)

Neue Erkenntnisse zur Keupstraße

(06:09)

Sonntag, 25. November 2012, 19.30 - 20.00 Uhr

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Warum sind die Behörden nach dem Anschlag in der Kölner Keupstraße Hinweisen auf einen rechtsextremistischen Hintergrund nicht nachgegangen? Sicher scheint: So nah dran an der NSU waren die Fahnder selten.



Der Anschlag in der Keupstraße - bis heute sind viele Opfer traumatisiert. Ein Mann hat sich inzwischen das Leben genommen. Die Wucht der Explosion hat auch den Haushaltswarenladen von Arif Sagdic verwüstet. Heute ist von den Schäden nichts mehr zu sehen. Geblieben sind aber Erinnerungen an Angst und Einschüchterung. Vier Tage nach der Explosion der Nagelbombe bekam Arif Sagdic nämlich Besuch von der Kriminalpolizei. "Ich hab die Beamten gefragt, was sie von mir wollten. Das war doch klar, das war ein Terror-Anschlag von Neonazis, habe ich gesagt", so Sagdic. "Die Polizisten haben mir geantwortet: Schweig darüber, kein Wort zu niemandem. Die haben mir richtig Angst gemacht. Ich habe dann auch niemals wieder mit jemanden über Neo-Nazis und einen Terroranschlag geredet."

Glasscherben und ein Fahrrad liegen vor einem durch eine Explosion zerstörten Haus in der Kölner Keupstraße (Foto vom 09.06.2004)

Kein terroristischer Anschlag?

Schweigen, vertuschen, leugnen - das hatte im Fall des Nagelbombenanschlags offenbar System bei den Sicherheitsbehörden. Geheime Protokolle, die WESTPOL vorliegen, zeigen dies deutlich. WESTPOL hat vertrauliche Protokolle aus dem Lagezentrum des Innenministeriums vom Tag des Anschlags ausgewertet. Sie dokumentieren einen erstaunlichen Vorgang. Bereits eineinhalb Stunden nach der Explosion entscheidet das Ministerium, dass es kein terroristischer Anschlag sei.

Um 17 Uhr 9 Minuten meldet das Landeskriminalamt an das Düsseldorfer Innenministerium: Der Anschlag sei als "Terroristische Gewaltkriminalität" einzustufen. Um 17 Uhr 25 Minuten erreicht das Lagezentrum NRW Innenminister Fritz Behrens. Nur 11 Minuten später, um 17 Uhr 36 Minuten, weist das Innenministerium das Landeskriminalamt plötzlich an, aus dem Schriftverkehr: den Begriff "terroristischer Anschlag" zu streichen.

Der ehemalige NRW-Innenminister Fritz Behrens (SPD) wartet auf den Beginn einer Sitzung des Untersuchungsausschusses zum Nationalsozialistischen Untergrund (Foto vom 22.11.2012)

Hinweise auf ausländerfeindlichen Hintergrund

Jetzt sucht die Polizei unter den Opfern nach Verdächtigen, hört in der Keupstraße Telefone ab. Unterlagen belegen jedoch, dass die Sicherheitsbehörden schon wenige Wochen nach dem Anschlag Hinweise auf einen ausländerfeindlichen Hintergrund hatten. Profiler des Landeskriminalamtes haben diese sogenannte operative Fallanalyse erarbeitet. Ergebnis: Die Täter sind wahrscheinlich Deutsche, mit einer Abneigung gegen Ausländer. Weiter heißt es: Die Bombenleger sind mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits wegen Waffendelikten, Brandstiftung oder ausländerfeindlichen Aktivitäten in Computern der Sicherheitsbehörden gespeichert.

Auch Profiler des Bundeskriminalamtes haben den Fall untersucht. Sie kommen zu einem ähnlichen Ergebnis: Motiv Ausländerfeindlichkeit, Hass gegen Türken. Diese Informationen hätten dazu führen müssen, auf die Spur der Terrorzelle NSU zu kommen, meinen Experten: "Der Sprengstoffanschlag in der Keupstraße war das Delikt in der Verbrechensserie der NSU, wo es die meisten Chancen gegeben hätte, das Trio zu ermitteln und dann vielleicht auch ausfindig zu machen, weil es eben das Dossier gab", so Clemens Binninger (CDU), Mitglied des NSU-Untersuchungsausschusses. "Es gab ein Video der Täter und es gab eine Sprengstoffdatei beim Bundeskriminalamt, die abgefragt wurde von den Ermittlern, aber eben nur hinsichtlich der Zusammensetzung des Sprengstoffes und der Sprengvorrichtung. Hätte man dort die Begriffe eingegeben in dieser Datei: männlich, rechtsradikal, Koffer - alles Merkmale, die in Köln ja offensichtlich vorlagen - wäre als Treffer herausgekommen: Mundlos und Bönhard", ist Binninger sicher.

Fahndungsbilder der Mitglieder der rechtsextremistischen Terrorzelle 'Nationalsozialistischer Untergrund' (NSU), Uwe Mundlos (Foto aus dem Jahr 2009), Beate Zschäpe (Foto aus dem Jahr 2011) und Uwe Böhnhardt (Foto aus dem Jahr 2011)

Parallelen zu Anschlägen in London

Vier Wochen nach der Tat schickt das Bundesamt für Verfassungsschutz den Sicherheitsbehörden in NRW ein geheimes Papier. Eine rechtsextremistische Motivation sei für die Tat in Köln nicht auszuschließen. Die Verfassungsschützer ziehen in Parallelen zu einer Serie von Nagelbombenanschlägen in London. 1999 hatte ein Neonazi dort drei Menschen mit Nagelbomben getötet und mehr als 140 verletzt. Die Anschläge richteten sich gegen Ausländer und Homosexuelle. Die Taten könnten als Vorbild für den Anschlag in Köln gedient haben.

Innenminister Behrens verwarf Besuch in Köln

Dem nordrhein-westfälischen Innenministerium lagen all diese Hinweise vor. Doch der Minister äußert sich damals nicht, taucht ab, keine Interviews. Hat er die Opfer getroffen? Hat er die Opfer getroffen? "Nein, ich habe keine Opfer getroffen", erklärt der damalige Innenminister Fritz Behrens (SPD). "Ich habe das damals überlegt, aber verworfen, nach Köln zu fahren, aus grundsätzlichen Erwägungen, weil ich von dieser Art von Sensations- und Betroffenheitstourismus im Prinzip nichts gehalten habe."



"Offenkundig ist: Sowohl der Innenminister und der damalige Ministerpräsident haben sich für diesen Fall in der Öffentlichkeit nicht interessiert", stellt NSU-Untersuchungsausschuss-Mitglied Binninger (CDU) fest. "Man war nie am Tatort, man hat sich nicht mit den Opfern getroffen und es ist auch keine Verlautbarung zu finden in der Pressedokumentation, von der man sagen kann, hier hat sich ein Minister, der zuständige Minister, Ministerpräsident noch mal zu diesem Fall geäußert. Es war eher ein Desinteresse, das sich auch nicht positiv auf die Ermittlungsrichtung ausgewirkt hat", so Binninger.



Fatal aus heutiger Sicht. Die Attentäter konnten nach dem Anschlag in der Keupstraße weiter unbehelligt durch Deutschland ziehen und Menschen ermorden.


Stand: 25.11.2012





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