Halbherzige Inklusion
- Sonntag, 13. Januar 2013, 19.30 - 20.00 Uhr
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Jedes Kind darf eine Regelschule besuchen, auch dann, wenn es behindert ist. Das ist in einer UN-Konvention klar festgelegt. Aber wann kommt die Inklusion endlich - und woran hakt es?
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Das Lernen fällt ihr nicht immer leicht, aber in Englisch - ihrer zweiten Muttersprache - macht ihr keiner etwas vor: Die neunjährige Henrietta Vu hat das Down-Syndrom und geht auf eine normale Grundschule. Dafür hat ihre Mutter lange gekämpft. Doch ob sie auch ab der 5. Klasse mit nicht-behinderten Kindern lernen kann, ist unsicher. Michaela Vu hatte deshalb auf den Rechtsanspruch im nächsten Schuljahr gehofft. Doch daraus wird nun nichts. "Ich fühle mich im Stich gelassen, ich bin enttäuscht", berichtet Michaela Vu. "Also ich hätte mir erhofft, dass ich endlich mal aufhören kann für etwas zu kämpfen, das eigentlich normal sein sollte. Ich finde, dass meine, also unsere Tochter dazugehört, und dass sie einfach ein Teil vom Ganzen ist und dass sie ein Recht darauf hat, mit ihren Freundinnen in die Schule um die Ecke zu gehen", so Vu.
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Jedes Kind darf eine Regelschule besuchen - eigentlich
Gesetzentwurf immer noch nicht fertig
Das findet Schulministerin Sylvia Löhrmann auch - das Problem nur: Ihr Gesetzentwurf zur Inklusion ist immer noch nicht fertig: "Wir haben ganz viele Rückmeldungen bekommen zu diesem Referentenentwurf. Mehr als sonst und auch mit viel, viel ausführlicheren Stellungnahmen", berichtet Sylvia Löhrmann (Grüne). "Und die Sorgfalt, die ich für diesen Prozess immer versprochen habe, die gebietet es, dass wir diese widerstreitenden Interessen, dass wir die gründlich auswerten, um jetzt so viel Streit wie möglich im Vorfeld des Gesetzgebungsverfahrens auch abzuräumen", so Löhrmann. Heißt im Klartext: Es gibt heftige Kritik am neuen Gesetzentwurf. Manchen geht es mit der Inklusion nicht schnell genug, anderen viel zu schnell. Und die Ministerin will es allen recht machen.
Vier Kritikpunkte von Lehrern und Eltern
Das ist der falsche Weg - davon ist Bildungsexpertin Brigitte Schumann überzeugt: "Eine Konsenspolitik wie Frau Löhrmann sie versucht, halte ich für nicht zielführend", kritisiert Schumann. "Erstens zeigt sich ja, dass die Geister sich bezogen auf Inklusion in Nordrhein-Westfalen sehr scheiden. Zweitens ist die UN-Menschenrechtskonvention ein Dokument, was radikales Umsteuern und Umdenken der Schulverhältnisse verlangt. Und im allerhöchsten Fall können in einer Konsenspolitik untaugliche, halbherzige Kompromisse erzeugt werden", so die Bildungsexpertin.
Halbherzigkeit - genau die werfen viele Lehrer und Eltern behinderter Kinder der Schulministerin vor. Sie haben vier Kritikpunkte:
1. Der Rechtsanspruch
De facto gibt es den Rechtsanspruch auf einen Platz in der Regelschule nicht, so die Kritiker. Im Gesetzentwurf ist er nur vage formuliert. Darin steht: Gemeinsames Lernen soll es geben "(...) es sei denn, die Schule ist dafür personell und sächlich nicht ausgestattet und kann auch nicht mit vertretbarem Aufwand dafür ausgestattet werden." Bernd Kochanek, Vorsitzender "Gemeinsam Leben" in Dortmund, kritisiert: "Er lässt Schulaufsicht, den Schulen selber und anderen Beteiligten viele Hintertüren offen, um wiederum zu sagen: Wir haben die Mittel nicht. Wir sind nicht ausgebildet, wir brauchen noch mehr Vorbereitungszeit."
2. Die Lehrerstellen
Gemeinsames Lernen in der Gesamtschule Kaiserplatz in Krefeld. Hier unterrichten ein Lehrer und eine Sonderpädagogin - optimal, aber leider die Ausnahme. Wenn jedoch mehr behinderte Kinder kommen, fürchtet der Schuldirektor Jochen Adrian, reichen die Sonderpädagogen nicht. Deshalb haben er und andere Schulleiter jetzt einen Brandbrief an die Ministerin geschrieben: "Lehrerinnen und Lehrer an Regelschulen sind eben als Lehrerinnen und Lehrer an Regelschulen ausgebildet worden und nicht für Sonderpädagogik. Das können wir nicht, da brauchen wir weitere Unterstützung, da brauchen wir Fortbildung", so Adrian.
3. Die Finanzierung
Ohne Umbau keine Inklusion. Rollstuhlfahrer brauchen Rampen, Rückzugsräume müssen eingerichtet, Therapie- und Fördermaterial angeschafft werden. Das alles sollen die Städte allein bezahlen, das Schulministerium will nichts dazusteuern. In Zeiten klammer Kassen ist das schwierig. "Für die Kommune Krefeld ist das sicherlich ein Aufwand, der in die Millionen geht. Das kann man sagen. Es gibt eine Planung für unsere Schule: Zweimal zwei Nebenräume - erste Schätzungen 500.000 Euro", rechnet Schuldirektor Jochen Adrian vor.
4. Die Förderschulen
Trotz Inklusion sollen viele Förderschulen, also die Schulen, an denen ausschließlich behinderte Kinder unterrichtet werden, erhalten bleiben, denn die Ministerin will den Eltern die Wahlfreiheit lassen. Unsinn, meinen die Behindertenverbände: "Wenn Sie ein Parallelsystem fahren, das heißt, das Förderschulsystem parallel weiterführen, dann fehlen Ihnen die Ressourcen für allgemeine Schulen, um die Kinder da zu fördern", kritisiert Bernd Kochanek. "Und dann wird es immer ein Tauziehen geben, was letztlich auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird. Und da ist die Politik einfach halbherzig."
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Wann kommt denn nun die Inklusion?
Löhrmann will Zeitplan nicht garantieren
Wahlfreiheit für jeden, wenig Steuerung von oben - diese Politik verzögert die Inklusion. Einen Rechtsanspruch will die Ministerin nicht mal für das übernächste Schuljahr garantieren: "Entscheiden wird hier der Gesetzgeber, so ist das in Nordrhein-Westfalen und in allen anderen Bundesländern auch. Ich kann ja immer nur meine Zielsetzung definieren und habe allein nicht in der Hand, sie zu bestimmen", erklärt Schulministerin Löhrmann.
Doch das sollte mit einer rot-grünen Mehrheit eigentlich nicht so schwer sein. Henriettas Mutter will endlich konkrete Ergebnisse: "Ich würde mir wünschen, dass mein Kind nicht weiter von der Willkür der Institutionen abhängig ist, sondern dass es einfach Menschenrecht auf Teilhabe leben kann, einfach dabei sein kann, im gemeinsamen Unterricht in der Regelschule, auf dem Spielplatz. Mein Kind soll einfach ein Teil vom Ganzen sein", wünscht sich Michaela Vu.
Stand: 13.01.2013
- Schulministerin bricht Inklusions-Versprechen [WDR] (21.12.2012)
- Inklusion an Schulen nimmt Gestalt an [WDR] (20.09.2012)
- Schwerpunkt: Inklusion [WDR]
- Audios und Videos zum Thema Inklusion [Mediathek]
- Schulministerium NRW zum Thema "Inklusion, Gemeinsames Lernen"
- Verband Bildung und Erziehung e. V.
- Landesarbeitsgemeinschaft "Gemeinsam Leben, Gemeinsame Lernen" NRW e.V.
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