Versicherungen wollen nicht zahlen

  • Sonntag, 20. Januar 2013, 19.30 - 20.00 Uhr

Sturz von einer Leiter

Versicherungen wollen nicht zahlen

(07:43)

Sonntag, 20. Januar 2013, 19.30 - 20.00 Uhr

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Eine Versicherung soll, so sagt es schon der Name, den, der sie bezahlt, vor Lebensrisiken absichern. Was aber, wenn die Versicherungen im Fall der Fälle nicht bezahlen wollen, wenn die Schadensregulierung am Ende zu juristischen Streitigkeiten und gutachterlichen Stellungsschlachten wird?



Es ist der 25. März 2010. Tischlermeister Alexander Dreiseitel war zuvor mit seinem Lehrling auf der A1 bei Köln unterwegs. "Wir waren im Auto am Stauende. Und dann ist ein 40-Tonner im Prinzip ungebremst hinten aufgefahren. Hat uns unter den anderen Lkw druntergeschoben, komplett", berichtet Alexander Dreiseitel. "Und die Motorhaube hat sich im Prinzip um meinen Kopf gewickelt. Das heißt, das Auto war so deformiert, dass man sich überhaupt nicht bewegen konnte. Man war in einem Stahlkorsett gefangen", erinnert sich das Unfallopfer. Die Helfer denken zunächst, dass die zwei Männer in dem Corsa unter dem Lkw bereits tot sind.

Beide überleben - doch Alexander Dreiseitel hat einen Genickbruch. "Mein Kopf ist verdreht worden, fast bis auf den Rücken. Und dadurch sind die Wirbel gebrochen", schildert Dreiseitel. "Und die Bandscheibe wurde im Prinzip zerfetzt durch die Verdrehung. Der Knochen, der um die Halsschlagader ist, ist zerrissen worden und diese kleinen Dornfortsätze, die Facettgelenke, die sind auch zerfetzt."

Hand am Rollstuhlrad

Versicherer spielen auf Zeit

Die Ärzte setzen ihm zwischen dem 6. und 7. Halswirbel eine Titanplatte ein. Den Kopf kann er seitdem nicht mehr so bewegen wie vorher. Bis heute ist er arbeitsunfähig, muss Schmerzmittel nehmen. Alexander Dreiseitel dachte, dass er zumindest finanziell gut abgesichert sei. Zwar zahlten seine private Unfallversicherung und die Haftpflichtversicherung des Lkw-Fahrers einige Leistungen, doch längst nicht alles. Bis heute wartet er auf mehrere Zehntausend Euro für Behandlungskosten und entgangene Aufträge. Und die Versicherer spielen auf Zeit.

Experten beobachten das immer häufiger und vermuten ein System: Je mehr Fälle die Versicherungen ablehnen oder hinauszögern, desto höher ihre Rendite. "Es gibt im Markt unter Insidern den Hinweis, dass im Durchschnitt bei guten Versicherern die Leistungsablehnung bei etwa 30 Prozent liegt. Und bei den schlechten, und bei den schwarzen Schafen angeblich bei 60 Prozent", berichtet Prof. Hans-Peter Schwintowski, Rechtswissenschaftler Humboldt-Universität Berlin. "Und dass bei jeder Ablehnung zwei bis maximal fünf Prozent der betroffenen Versicherten, die eigentlich recht hätten, tatsächlich klagen."



Anwältin wechselte die Seiten

Die Finanzkrise hat den Druck in der Branche noch erhöht. Die Konzerne kämpfen um Kunden, Prämien und Marktanteile, locken mit günstigen Verträgen. Aber am Ende wollen sie oft nicht zahlen und vertrauen darauf, dass ihre Kunden sich nicht wehren.

Opferanwältin Beatrix Hüller kennt die Versicherungsbranche gut. Sie hat selber sechs Jahre lang in der Schadensregulierung einer großen Versicherung gearbeitet. Ihr Job damals: abwimmeln, hinhalten und immer neue Gutachten fordern. "Das war schrecklich gewesen, die weinenden Leute am Telefon zu haben, denen man eigentlich so gerne geholfen hätte", so Beatrix Hüller. "Und dann musste man aber immer noch weiterhin die Versicherungslinie vertreten. Das habe ich einfach irgendwann nicht mehr ertragen", erklärt die Anwältin.

Sturz von einer Leiter

Schwerbehindert oder nicht?

Für Alexander Dreiseitel geht's um die Existenz. In die Werkstatt, die er sich früher mit Kollegen geteilt hat, kommt er nur noch zu Besuch. Seit dem Unfall gilt der Tischlermeister offiziell als schwerbehindert. Aufträge kann er nicht mehr annehmen. Doch die HDI, die Haftpflichtversicherung des Unfallgegners, hat seit über einem Jahr nicht mehr gezahlt. Gegenüber WESTPOL will sich die HDI nicht zu dem Fall äußern - aus Datenschutzgründen, heißt es.

Seine private Unfallversicherung, die Signal Iduna, hat ein Gutachten erstellen lassen. Ergebnis: Dreiseitel habe lediglich eine Invalidität von zehn Prozent. Für eine Unfallrente reicht das nicht. Schriftlich teilt uns die Signal Iduna mit: "Die Regulierung weist keine Auffälligkeiten auf. Es gab auch bisher KEINE Beschwerden von Herrn Dreiseitel oder seinem Rechtsanwalt."

Das ist nachweislich falsch. Denn bereits im November 2011 schrieb Dreiseitels Anwalt: "Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Bemessung der Minderung der körperlichen Leistungsfähigkeit mit zehn Prozent bei weitem zu niedrig angesetzt ist." Und weiter: "Gegenüber dem Ihrerseits (...) in Auftrag gegebenen Gutachten bestehen ganz erhebliche Vorbehalte." Dreiseitel und sein Anwalt halten den Gutachter für voreingenommen, da er fast ausschließlich für Versicherungen arbeite.

Formular mit Schriftzug 'Berufsunfähigkeit'

Das sei häufig ein Problem, meinen Opferschutzverbände. "Bei den medizinischen Gutachtern haben wir hier festgestellt, ist es immer schwierig, wenn sie überwiegend für Versicherungen arbeiten", berichtet Stefanie Jeske vom Verein für Opferhilfe Subvenio e. V. "Das kann man sich an fünf Fingern abzählen, wozu ein solches Gutachten dann führen wird. Also wenn ein Gutachter wirtschaftlich abhängig ist, von wem auch immer, dann ist es klar, in welche Richtung dieses Gutachten ausfallen wird", so Jeske.

Finanzielles und psychisches Problem

Für die Opfer ist der Kampf gegen die Versicherungen nicht nur ein finanzielles Problem. Sie leiden auch psychisch. Alexander Dreiseitel geht regelmäßig zur Therapie. Das Verhalten der Versicherungen behindere den Heilungsprozess, sagt sein Therapeut.

Experten fordern jetzt mehr Unterstützung für die Versicherten, auch von der Politik. "Das Erste wäre, die verzögerte Schadensregulierung mit einer kleinen Sanktion, zum Beispiel einer Buße oder einem Ordnungsgeld zu belegen", fordert Prof. Hans-Peter Schwintowski. "Und das Zweite, was aus meiner Sicht noch vernünftiger wäre, wäre dafür zu sorgen, dass so ein Instrumentarium wie die Prozessfinanzierung in Deutschland gestärkt wird, so dass die Leute, die Ansprüche haben, sie eben auch wirklich durchsetzen können", so der Rechtswissenschaftler.

Alexander Dreiseitel will weiter kämpfen. Notfalls auch vor Gericht: "Ich will nicht überschüttet werden mit Millionen. Ich will fair behandelt werden und angemessen. Und das ist ein Basisrecht eines jeden Bürgers in dieser Gesellschaft."


Stand: 20.01.2013





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