Klassenfahrten vor dem Aus?

  • Sonntag, 27. Januar 2013, 19.30 - 20.00 Uhr

Ankunft einer Schulklasse in einer Jugendherberge (Foto vom 27.05.2009)

Debatte um Klassenfahrten

(06:32)

Sonntag, 27. Januar 2013, 19.30 - 20.00 Uhr

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Nach zwei Gerichtsurteilen ist klar: Reisekosten von Lehrern, die an Klassenfahrten teilnehmen, müssen von der Schule erstattet werden. Sind Klassenfahrten zukünftig überhaupt noch möglich?



Klassenfahrten - auf den Schulbauernhof, in die Berge zum Wintersport, nach Berlin, Paris, London oder Rom. Gemeinsam was erleben, entdecken, Spaß haben und vor Ort lernen. An die Klassenfahrten erinnert sich jeder gern. Doch all das ist in Gefahr.

Wir sind bei einem Krisentreffen am Bertha-von-Suttner Gymnasium in Oberhausen. Der Schulleiter berät sich mit Schülern, Eltern und Lehrern. Schon jetzt ist klar: Das Budget der Schule für Klassenfahrten reicht hinten und vorne nicht. "Schon die 9er Fahrten sind finanziell nicht mehr abgesichert, alles andere aber wird nicht stattfinden. Und das, was sich die Schüler für die Oberstufe ausgedacht haben, geht überhaupt nicht", führt Schulleiter Michael von Tettau aus. "Man kann doch nicht einfach sagen, die Fahrt ist weniger wichtig als andere", entgegnet die Schülerin Marlene Stiller. Und der Lehrer Stefan Schubert ergänzt: "Grad für unsere Schüler hier im Ruhrgebiet finde ich das unheimlich wichtig, dass die rauskommen, dass die solche Fahrten erleben dürfen. Das find' ich ganz, ganz wichtig." Und der Vater Thomas Weber fragt: "Warum sollen wir an den Schulen schon das akzeptieren, dass das gestrichen wird? Würden wir als Eltern nicht einsehen."

Ankunft einer Schulklasse in einer Jugendherberge (Foto vom 27.05.2009)

Bisherige Regelung unzulässig

Die Aufregung ist groß. Was ist passiert? Jahrzehntelang hatten die nordrhein-westfälischen Lehrer im Schnitt zwei Drittel der Reisekosten bei Klassenfahrten selbst bezahlt. Nach der sogenannten Wanderrichtlinie durften Fahrten nur genehmigt werden, wenn "die teilnehmenden Lehrer […] zuvor schriftlich auf die Zahlung der Reisekostenvergütung verzichten." Doch das ist unzulässig, haben im Herbst sowohl das Bundesarbeitsgericht als auch das Oberverwaltungsgericht in Münster festgestellt. "Das ist `ne Dienstreise", stellt Ulrich Lau vom Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster klar. "Das ist Dienst, genauso und möglicherweise gar anstrengenderer Dienst, als vor einer Klasse zu stehen. Wenn man eben dann Verantwortung für 24 Stunden am Tag für die Teilnehmer auf solch einer Klassenfahrt hat."

Selber zahlen können die Schulen nicht mehr verlangen, sie müssen den Lehrern die Reisen bezahlen. Die Mehrkosten für 2012 will das Land erstatten. Doch was ist in diesem Jahr? NRW-Schulministerin Löhrmann wollte dazu kein Interview vor der Kamera geben. Schriftlich teilt uns das Schulministerium mit: "Im Haushaltsentwurf 2013 sind für Klassenfahrten wie in 2012 rund 6 Millionen Euro vorgesehen. […] Nach der Verabschiedung des Haushaltes 2013 durch den Landtag werden die Schulen über ihr tatsächliches Reisekostenbudget informiert. Damit haben die Schulen jetzt Planungssicherheit."

Opposition kritisiert Schulministerium

Planungssicherheit? Mit einem Etat, der nur für ein Drittel der Klassenfahrten reicht? Der vielleicht höher wird, vielleicht aber auch nicht? Die CDU kritisiert, dass das Schulministerium nicht durch Umschichtung im Haushalt mehr Geld für Klassenfahrten bereitstellt. "Wenn man gewollt hätte, hätte man bei einer doch überschaubaren Summe durchaus diesen Ansatz einstellen können. Und ich glaube, um auch Rechtssicherheit zu schaffen, man hätte es auch tun müssen", so Petra Vogt, schulpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion.



Symbolbild: fast leerer Geldbeutel

Stattdessen müssen die Schulen selbst sehen, wie sie klarkommen. Am Oberhausener Gymnasium informiert der Schulleiter gerade eine Klasse. Ihre für Herbst geplante Fahrt steht in den Sternen, weil das Fahrtenbudget zu klein ist. "Der Betrag reicht aus, um den Lehrern in der 6 zu bezahlen. Dann hab ich mal bei euch geguckt in der 9. Dann sag ich jetzt schon, das geht nicht", so Schulleiter Michael von Tettau. Schüler wie Jan-Niklas Görtz zeigen sich enttäuscht: "Da freuen wir uns auch schon richtig drauf. Und dann kommt halt direkt, gut gesagt, ein Schlag ins Gesicht ja halt. Es gibt keine Klassenfahrten in der 9. Klasse mehr, weil das Geld zu knapp wird. Das ist dann auch schon ein bisschen traurig." Die Schülerin Mara Köhne ergänzt: "Die Klassenfahrt soll ja ein Abschluss werden für diese Klasse, weil wir danach ja getrennt werden und Kurse haben und dann gehen wir in die Oberstufe. Und dann hätten wir keinen gelungenen Abschluss."



Die Klasse will nach Mecklenburg-Vorpommern fahren, Berlin und Hamburg kennenlernen. Die Klassenlehrerin will die Fahrt auf jeden Fall machen. "Weil ich einfach finde, dass eine ganz wichtige Erfahrung für die Kinder", so Katharina Jakubowski. "Wir haben ja jetzt auch schon gebucht. Und wir haben ja auch schon vorbereitet. Die freuen sich auf die Fahrt. Und ich fände es sehr, sehr schade, wenn das jetzt nicht funktionieren würde. Demnach würde ich im Notfall selber die Kosten tragen und trotzdem fahren", so die Klassenlehrerin.

Ankunft einer Schulklasse in der Jugendherberge Wiehl (Foto vom 27.05.2009)

Auch Schüleraustausch in Gefahr

Freiwillig bezahlen - darauf will sich der Schulleiter aber nicht mehr einlassen. Schließlich gibt es die Urteile. Sogar der internationale Schüleraustausch ist hier jetzt in Gefahr. Die Grünen im Landtag wollen nun Prioritäten setzen. "Es geht um die pädagogische Sinnhaftigkeit und das alle Schüler teilnehmen können, das es in das Programm hineinpasst", so Sigrid Beer (Grüne), schulpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. "Schüleraustausche sind natürlich sehr sinnvoll. Ob jede Abiturfahrt, so wie sie im Augenblick gestaltet wird, mit mehreren Hundert Euro, ob das in diesem Rahmen so stattfinden muss, ich finde, darüber müssen wir mit Eltern auch gemeinsam reden", so Beer.

Klare Vorgaben und ausreichend Mittel, das wünschen sich die Schulen. Denn Klassenfahrten absagen wollen sie eigentlich nicht. Aber wenn das Land nicht bald handelt, bleibt ihnen wohl nichts anderes übrig.


Stand: 27.01.2013





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