Streit um die "Pille danach"
- Sonntag, 27. Januar 2013, 19.30 - 20.00 Uhr
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Nach dem Fall der vergewaltigten Frau in Köln will Gesundheitsministerin Steffens nun prüfen, ob und wie katholische Krankenhäuser zur Versorgung mit der "Pille danach" gezwungen werden können.
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Eine junge Frau ist auf dem Weg zu einem katholischen Krankenhaus, irgendwo in NRW. Sie ist vergewaltigt worden, schämt sich, hat Angst. Sie hofft, verstanden und medizinisch gut versorgt zu werden. Doch die "Pille danach" zur Verhinderung einer Schwangerschaft bekommt sie hier wohl nicht. Denn die katholische Kirche ist dagegen. "Es steht uns nicht an, jetzt angesichts einer schrecklichen Tat, mit einer noch schrecklicheren, nämlich Mord, ein Leben zu beseitigen", so Stefan Heße, Generalvikar des Erzbistums Köln.
"Pille danach" zerstört kein Leben
Mord? Die "Pille danach" wirkt wie ein Verhütungsmittel. Sie zerstört kein Leben, sondern verhindert die Befruchtung der Eizelle. Doch das scheint für die Kirche keine Rolle zu spielen. Die Frau soll das Kind des Täters bekommen. Eine Haltung, die die Gynäkologin und Frauenrechtlerin Monika Hauser nicht verstehen kann: "Für mich ist das eine fachliche Selbstverständlichkeit, dass eine Frau nach einer Vergewaltigung, nach diesem schweren Verbrechen, die bestmögliche Unterstützung erhält. Das gilt im Übrigen für Frauen in Afghanistan, in Bosnien und auch in Köln. Es ist für mich sehr unerträglich, dass aufgrund der Panik vor Kontrollverlust einiger alter Männer hier Frauen nicht die optimale fachliche und solidarische Unterstützung bekommen."
Die "alten Männer", das sind für Hauser Kirchenführer wie der Kölner Kardinal Joachim Meisner. In seinem Bistum führte die strikte Kirchenlehre dazu, dass zwei Kliniken überhaupt keine vergewaltigten Frauen mehr behandeln wollten.
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Die "Pille danach" wirkt wie ein Verhütungsmittel
Anweisung: "Keine Untersuchung nach Sexualstraftat"
Irmgard Kopetzky vom Frauennotruf Köln berät Frauen nach Gewalttaten und vermittelt sie an Krankenhäuser. Die "Pille danach" gehört für sie zur Versorgung dazu. Bis vor einem Jahr hatte sie auch mit den beiden katholischen Kliniken zusammengearbeitet. Doch dann erhielt sie von einem Oberarzt einen Anruf. Er sagte ihr "dass es kurz vorher da ein Rundschreiben, einen Erlass vom Bistum gegeben hat, dass es nicht gewollt ist, die Pille danach zu geben oder überhaupt sogar in die Richtung zu beraten. Die aber auch ganz klar der Meinung waren, die Ärzte, dass das Teil der Behandlung sei, vor allem nach einer Vergewaltigung. Und wenn man das nicht machen könnte, dann könnten sie es überhaupt nicht machen", erinnert sich Irmgard Kopetzky. Kurz darauf teilte ihr der Arzt sogar schriftlich mit "dass unsere Abteilung ab sofort keine Untersuchungen an Patientinnen nach einer Sexualstraftat mehr durchführt."
Ein Einzelfall? Oder kann das in jedem katholischen Krankenhaus passieren? Die Gesundheitsministerin ist alarmiert. Sie fordert: Hilfe muss es überall geben, und die Pille danach auch. "Ich finde das absolut inakzeptabel, sondern wir müssen mit den katholischen Krankenhäusern einen Weg finden, dass eine Frau, die vergewaltigt ist, zur Stabilisierung ihrer Psyche auch die Möglichkeit hat, die Pille danach zu nehmen, um sich sicher zu sein, dass sie vom Täter kein Kind erwartet", so NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne).
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Steffens: Hilfe für vergewaltigte Frauen muss es überall geben
Kirchen genießen Recht auf Selbstbestimmung
Doch die Kirche ist mächtig. Jedes zweite Krankenhaus in NRW hat einen katholischen Träger. Mancherorts ist die katholische Klinik die einzige weit und breit. Und obwohl die Krankenhäuser vollständig mit öffentlichen Geldern finanziert werden, verwaltet die Kirche ihre Angelegenheiten selbstständig. So steht es im Grundgesetz, Artikel 140. "Die Kirchen und ihre Organisationen im Umfeld genießen von der Verfassung her ein starkes Recht auf Selbstbestimmung. Und die Pille danach betrifft jedenfalls bei der katholischen Kirche einen Kernbereich ihrer Glaubensvorstellungen, da kann man von Staatswegen nicht hineinregieren", erläutert Staatsrechtler Prof. Martin Morlok.
Der Politik bleibt zunächst nichts anderes übrig, als auf freiwillige Lösungen zu setzen. Das letzte Wort haben die Bischöfe. Für die Kliniken galt bislang die strenge Kirchenhaltung. Noch in dieser Woche hatte das der Verband der katholischen Krankenhäuser in einer Stellungnahme klargestellt: "Die katholische Kirche steht für den Schutz des Lebens. Die Ausgabe einer Notfallkontrazeption ("Pille danach") widerspricht diesem Ziel. Deshalb kann eine Frau, die nach einer Vergewaltigung die Pille danach wünscht, diese grundsätzlich von einer katholischen Klinik nicht verabreicht bekommen."
Druck auf die Kirche wächst
Vor zwei Tagen aber wurde der Absatz plötzlich entfernt. Die Diskussion zeigt Wirkung, auch beim Geschäftsführer des Verbands, Thomas Vortkamp. Er meint: Generelle Richtlinien seien sinnlos, jedes Krankenhaus müsse im Einzelfall selbst entscheiden. "Die Grundfrage ist doch letztlich: Lasse ich dieses Opfer allein, indem ich sage, also Abtreibung und auch Verhütung darf in keinem Falle sein. Also sage ich diesem Opfer: Du hast das Kind auszutragen, egal was kommt oder dergleichen. Oder müssen wir nicht auch ernst nehmen: Es geht um die Frau, es geht um das Opfer, auch sie hat Rechte. Und wie wägen wir das ab. Das ist eigentlich die zentrale Frage, der wir uns stellen müssen. […] Und das sind Punkte, die wir mit den Bischöfen besprechen müssen", so Vortkamp.
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Gespräche mit Konservativen wie dem Kölner Kardinal Meisner dürften schwierig werden
Umdenken in den katholischen Krankenhäusern. Doch Gespräche mit Konservativen wie dem Kölner Kardinal Meisner dürften schwierig werden. Uneingeschränkte Hilfe können Frauen auch nach einer Vergewaltigung von der katholischen Kirche bislang nicht erwarten. Doch der Druck auf die Bischöfe wächst.
Stand: 27.01.2013
- Katholische Kliniken und die "Pille danach" [WDR] (24.01.2013)
- Katholische Moral und Gesetze [Mediathek] Aktuelle Stunde (24.01.2013)
- Kardinal Meisner: Ein beschämender Vorgang [WDR] (22.01.2013)
- Interview mit Rudolf Henke vom Marburger Bund [WDR 5] Morgenecho (18.01.2013)
- Katholischer Krankenhausverband Deutschlands e.V.
- Erzbistum Köln
- medica mondiale e.V.
- Frauennotruf Köln
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