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Fernsehen
Wie kommen drei junge Strafgefangene der JVA Siegburg dazu, einen Zellengenossen stundenlang zu quälen und ihn schließlich zu ermorden? Warum schauen vier Studenten tatenlos zu, wie ein Freund stirbt, obwohl sie ihn hätten retten können? Was bringt ganz gewöhnliche Menschen dazu, außergewöhnlich grausame Taten zu begehen, wie im irakisch-amerikani-schen Gefängnis von Abu Ghraib? Die TV-Dokumentation Die Bestie in uns – Wissenschaftler erforschen menschliche Abgründe von Alex Gibney begibt sich auf die Suche nach Antworten. Sie könnten in den wohl bekanntesten – und umstrittensten – Experimenten der Sozialpsychologie liegen: Die so genannten Milgram-Experimente führten 1962 auf schockierende Weise vor, dass die meisten Menschen ohne weiteres einen anderen töten würden, wenn nur irgendeine Autoritätsperson die Verantwortung übernimmt. Und im Stanford-Prison-Experi-ment von 1970 wurden freundliche Menschen in nur wenigen Tagen zu sadistischen Gefängniswärtern. Das Experiment musste vorzeitig abgebrochen werden. Der Film Die Bestie in uns – Wissen-schaftler erforschen menschliche Abgründe besucht die Forscher und einige Versuchsteilnehmer von damals und kommt in einer Neubewertung der Ex-perimente zu beunruhigenden Antworten auf die Frage, wie normale Männer und Frauen zu wahren Monstern werden können.
Am 11. November 2006 beginnt in Zelle 104 der JVA Siegburg das tödliche Martyrium des Hermann H. Elf Stunden lang wird er von drei Zellengenossen gequält und misshandelt, bis sie ihn schließlich ermorden und sich selbst schlafen legen. Der „Foltermord“ von Siegburg lässt Juristen und Psychiater nach Erklärungen suchen, wie die drei Zellengenossen zu mitleidlosen Folte-rern und Mördern wurden. Ohne Erklärung bleibt auch das Verhalten der vier amerikanischen Studenten, die am 2. Februar 2005 tatenlos zusahen, wie ihr Freund vor ihren Augen an einer Überdosis Wasser stirbt: Matthew Carrington unterzog sich den rohen Initiationsriten der Chi Tau Fraternity, einer der Studentenverbindungen an der Chico State University in Kali-fornien. Seine Peiniger waren nie zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten, einige galten sogar als besonders religiös. Doch als sie ihren Freund zwan-gen, sich vor ihnen zu erniedrigen und immer mehr Wasser zu trinken, waren sie unfähig zu Mitleid und unwillig, einen Rettungswagen zu rufen.
1962 ließ der amerikanischer Forscher Stanley Milgram einige Freiwillige als Lehrer fungieren und ihre Schüler mit immer stärker werdende Elektro-schocks für deren Fehler bestrafen. Die „Schüler“ waren Schauspieler, die Elektroschocks gab es nicht – doch das wussten die Probanden nicht. Das Ergebnis seines Experiments schockte selbst den Forscher: Über 60 Prozent der Versuchsteilnehmer waren bereit, ihre „Schüler“ mit den Elektroschocks zu töten, solange der Versuchsleiter die Verantwortung übernahm. Noch schockierender war der Versuch, den Philip Zimbardo 1970 an der Stanford Universität durchführte: Ein Losverfahren bestimmte, welcher seiner Studenten in einem nachgebauten Gefängnis Wärter und wer Gefangener sein würde. Bereits nach kurzer Zeit geriet das Experiment außer Kontrolle und wurde schließlich nach sechs Tagen vorzeitig abgebrochen – weil Zimbardo und seine Forscherkollegen ähnlich mitleidslos und brutal agierten wie ihre Gefängniswärter, deren Handeln sie über Kameras beob-achteten. Wie es dazu kam, erzählt die Psychologin Christina Maslach, Freundin und spätere Ehefrau des Forschers Zimbardo in einem Interview in Die Bestie in uns – Wissenschaftler erforschen menschliche Abgründe.
Der Film zeigt, dass die Aussage der Experimente von Milgram und Zimbardo bis heute nichts von ihrer explosiven Kraft verloren hat: Selbst moralisch gefestigte Versuchsteilnehmer und Beobachter mussten eingestehen, dass sie in kürzester Zeit dazu gebracht werden können, alle moralischen Grund-sätze zu vergessen und die unglaublichsten Taten zu begehen. Die Bestie in uns – Wissenschaftler erforschen menschliche Abgründe bewertet die Ergeb-nisse der Experimente neu und entdeckt, dass bei den Teilnehmern nicht die Abwesenheit von Moral eine Rolle spielte, sondern eher das Gegenteil: der Versuch, sich je nach Situation eine neue Moral zuzulegen, die ihre Taten erklärt und sanktioniert.
Die Dokumentation Die Bestie in uns – Wissenschaftler erforschen mensch-liche Abgründe wurde unter dem Titel The Human Behaviour Experiment für den US-Spartenkanal Court TV produziert und vom WDR überarbeitet und ergänzt.
Redaktion: Thomas Hallet
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