wdr.de Infobox: Zusammenleben in der Stadt

Zuhause in der Stadt

Eine Wiederentdeckung

Die Städte boomen! Und das in doppelter Hinsicht: Im Jahre 2050, schätzt die UN, werden zwei Drittel der Menschheit in Städten wohnen - in "Megacities" wie Mumbai oder Mexiko, aber auch in Mönchengladbach, Münster oder Meschede. "Wir erleben eine Renaissance der Städte", sagt der Essener Stadtsoziologe Klaus Wermker: Die Stadt wird wieder attraktiv, selbst für die, die einst ins Grüne flohen - steigende Spritpreise und bessere Luft machen es möglich.

Übersicht: Städtebau in NRW


Alt-Text Mann filmt ein Hochhaus; Rechte: dpa
Die Attraktion: Leben in der Stadt Rechte: dpa



Weniger, älter, bunter

Die Stadt wird aber nicht nur größer, sondern auch bunter. Die deutsche Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant verändert: Familien zerfallen, es gibt immer weniger Kinder, dafür immer mehr alte Menschen, Migranten und nicht zuletzt immer mehr Alleinstehende; in Köln zum Beispiel lebt jeder Zweite in einem Singlehaushalt. Sie alle haben neue Wohn-Bedürfnisse - und stellen Architekten, Soziologen und Politiker vor ganz neue Herausforderungen. Townhouses und Lofts statt Eigenheim mit Garten, Mehrgenerationenprojekt statt Seniorenheim sind einige der Antworten, die sie gefunden haben. Und selbst die Hochhaussiedlungen, lange als "Legebatterien" und Hort allen sozialen Übels geschmäht, sollen ein neues, freundlicheres Gesicht bekommen - außen, aber auch innen. Zusammenleben in der Stadt? Es wird nicht einfacher. Aber es bleibt spannend.


Alt-Text Menschen in einem Café, Rechte: dpa
Zusammenleben - aber wie? Rechte: dpa



Alte Probleme, neue Lösungen

Ghetto für Verlierer?

Die Geschichte des Städtebaus ist auch eine Geschichte der Verfehlungen. Schlimmster Beweis: die Hochhaussiedlungen, die in den 60er und 70er Jahren noch als Avantgarde der Architektur galten und dann zunehmend in Verruf gerieten. Anonym, verbaut, ein Sammelbecken für Verlierer und Imageschaden für den Rest der Stadt, Siedlungen, die man am besten abreißt. Auch der Clarenberg im Dortmunder Stadteil Hörde war ein solches Quartier. Kaum zu glauben, dass die Siedlung heute als Mekka für Stadtplaner aus ganz Europa angesehen wird.


Alt-Text Köln-Chorweiler; Rechte: dpa
Anonyme Monotonie; Rechte:dpa



Zu dreckig, zu dunkel, zu gefährlich

In dieser Baugrube im Dortmunder Süden stand einmal ein Hoesch-Stahlwerk. Es wurde abgerissen, als sich die Stahlproduktion nicht mehr lohnte. Das hätte auch fast das Aus für die Siedlung Clarenberg bedeutet. Ende der 60er war sie als billiger Wohnraum für die Arbeiter gleich nebenan hochgezogen worden. Die Hoeschianer hatten Schlange gestanden, um eine der über 1.000 Wohnungen mit Bad und Balkon zu bekommen. Aber als die Hermannshütte geschlossen wurde, wurde es schwierig, neue Mieter zu finden und die alten zum Bleiben zu bewegen. Die Wohnungen waren zwar noch in passablem Zustand, aber das Äußere stieß die Mieter ab. Zu dreckig, zu dunkel und zu gefährlich, ergaben Umfragen. Im Clarenberg zu leben, war kein Privileg mehr, sondern etwas, was man besser verschwieg.


Alt-Text Baustelle Phoenixsee, im Hintergrund die Siedlung Clarenberg; Rechte: WDR/Kretz-Mangold
Blick auf den Clarenberg Rechte: WDR/Kretz-Mangold



Ziehe weg, wer kann

Alte Nachbarschaften zerfielen, neue entstanden gar nicht erst. Denn wer konnte, zog schnell weiter. Wer blieb, hatte weniger Geld und seltener Arbeit als andere Dortmunder; Ende der 90er Jahre lebte jeder Vierte hier von Sozialhilfe. Leerstand und hohe Fluktuation auf der einen Seite, viele Alte, viele Arbeitslose und viele Migranten auf der anderen: Clarenberg war eine echte Herausforderung – wirtschaftlich und sozial.


Alt-Text Clarenberg vor der Sanierung; Rechte: Planerladen Dortmund
Clarenberg vor der Sanierung Rechte: Planerladen Dortmund



Neuer Geist in neuen Gebäuden

Tülin Kabis-Staubach vom Dortmunder Planungsbüro "Basta" war eine der vielen Beteiligten, die mithalfen, aus dem Problemviertel Clarenberg ein Vorzeigeobjekt zu machen. Denn als die Wohnungsgesellschaft Ruhr-Lippe-Wohnen Anfang der 90er einen großen Teil der Wohnungen kaufte, wollte diese der Siedlung ein neues Image verschaffen: Die Mieter sollten stolz darauf sein, im Clarenberg zu wohnen. Dazu hatten sie wenig Grund, wie sich Kabis-Staubach beim Rundgang erinnert.

[Audio]
Die Planerin erinnert sich an das alte Clarenberg
Mit etwas Farbe allein war es da nicht getan. Und in den neuen Gebäuden sollte auch ein neuer Geist herrschen, die Bewohner eine echte Heimat im Quartier bekommen. Eine Aufgabe für viele Akteure: Architekten und Vertreter der Stadt, Verantwortliche der Wohnungsgesellschaft, kirchliche Organisationen und Planer arbeiteten gemeinsam an einem Konzept und erreichten, dass Clarenberg 1997 als "Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf" anerkannt und gefördert wurde. Kabis-Staubach hatte gleich zwei Aufgaben übernommen. Sie sollte die Außenanlagen neu gestalten ("Das war alles Beton und Bodendecker") - und dafür sorgen, dass die Mieter gehört wurden.


Alt-Text Tülin Kabis-Staubach; Rechte: WDR/Kretz-Mangold
Tülin Kabis-Staubach; Rechte: WDR/Kretz-Mangold



Kleiner Kunstgriff, große Wirkung

Eines der ersten Dinge, die die Wohnungsgesellschaft in Angriff nahm, waren die Hausnummern. Die Mieter hatten sich beschwert, weil ihre Besucher auf der Suche nach der richtigen Adresse durch die Siedlung irrten - und oft entnervt aufgaben. Jetzt stehen neun Meter große und drei Tonnen schwere Metallzahlen vor den Türen, so spektakulär, dass die neugierigen Hörder ihren Sonntagsspaziergang in die Siedlung verlegten. Mehr als ein Gag, findet Planerin Kabis-Staubach: "Das ist schön, und jetzt sieht man sofort, welcher Eingang der richtige ist. Die Leute fühlen sich nicht mehr verloren."


Hausnummer am Clarenberg; Rechte: WDR/Kretz-Mangold
Alt-Text Kabis-Staubach an einer überdimensionalen Hausnummer; Rechte: WDR/Kretz-Mangold



Zahlenspiele