wdr.de Infobox: Zusammenleben in der Stadt
Zuhause in der Stadt
Eine Wiederentdeckung
Die Städte boomen! Und das in doppelter Hinsicht: Im Jahre 2050, schätzt die UN, werden zwei Drittel der Menschheit in Städten wohnen - in "Megacities" wie Mumbai oder Mexiko, aber auch in Mönchengladbach, Münster oder Meschede. "Wir erleben eine Renaissance der Städte", sagt der Essener Stadtsoziologe Klaus Wermker: Die Stadt wird wieder attraktiv, selbst für die, die einst ins Grüne flohen - steigende Spritpreise und bessere Luft machen es möglich.
Übersicht: Städtebau in NRW
Die Attraktion: Leben in der Stadt Rechte: dpa
Weniger, älter, bunter
Die Stadt wird aber nicht nur größer, sondern auch bunter. Die deutsche Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant verändert: Familien zerfallen, es gibt immer weniger Kinder, dafür immer mehr alte Menschen, Migranten und nicht zuletzt immer mehr Alleinstehende; in Köln zum Beispiel lebt jeder Zweite in einem Singlehaushalt. Sie alle haben neue Wohn-Bedürfnisse - und stellen Architekten, Soziologen und Politiker vor ganz neue Herausforderungen. Townhouses und Lofts statt Eigenheim mit Garten, Mehrgenerationenprojekt statt Seniorenheim sind einige der Antworten, die sie gefunden haben. Und selbst die Hochhaussiedlungen, lange als "Legebatterien" und Hort allen sozialen Übels geschmäht, sollen ein neues, freundlicheres Gesicht bekommen - außen, aber auch innen. Zusammenleben in der Stadt? Es wird nicht einfacher. Aber es bleibt spannend.
Zusammenleben - aber wie? Rechte: dpa
Alte Probleme, neue Lösungen
Ghetto für Verlierer?
Die Geschichte des Städtebaus ist auch eine Geschichte der Verfehlungen. Schlimmster Beweis: die Hochhaussiedlungen, die in den 60er und 70er Jahren noch als Avantgarde der Architektur galten und dann zunehmend in Verruf gerieten. Anonym, verbaut, ein Sammelbecken für Verlierer und Imageschaden für den Rest der Stadt, Siedlungen, die man am besten abreißt. Auch der Clarenberg im Dortmunder Stadteil Hörde war ein solches Quartier. Kaum zu glauben, dass die Siedlung heute als Mekka für Stadtplaner aus ganz Europa angesehen wird.
Anonyme Monotonie; Rechte:dpa
Zu dreckig, zu dunkel, zu gefährlich
In dieser Baugrube im Dortmunder Süden stand einmal ein Hoesch-Stahlwerk. Es wurde abgerissen, als sich die Stahlproduktion nicht mehr lohnte. Das hätte auch fast das Aus für die Siedlung Clarenberg bedeutet. Ende der 60er war sie als billiger Wohnraum für die Arbeiter gleich nebenan hochgezogen worden. Die Hoeschianer hatten Schlange gestanden, um eine der über 1.000 Wohnungen mit Bad und Balkon zu bekommen. Aber als die Hermannshütte geschlossen wurde, wurde es schwierig, neue Mieter zu finden und die alten zum Bleiben zu bewegen. Die Wohnungen waren zwar noch in passablem Zustand, aber das Äußere stieß die Mieter ab. Zu dreckig, zu dunkel und zu gefährlich, ergaben Umfragen. Im Clarenberg zu leben, war kein Privileg mehr, sondern etwas, was man besser verschwieg.
Blick auf den Clarenberg Rechte: WDR/Kretz-Mangold
Ziehe weg, wer kann
Alte Nachbarschaften zerfielen, neue entstanden gar nicht erst. Denn wer konnte, zog schnell weiter. Wer blieb, hatte weniger Geld und seltener Arbeit als andere Dortmunder; Ende der 90er Jahre lebte jeder Vierte hier von Sozialhilfe. Leerstand und hohe Fluktuation auf der einen Seite, viele Alte, viele Arbeitslose und viele Migranten auf der anderen: Clarenberg war eine echte Herausforderung – wirtschaftlich und sozial.
Clarenberg vor der Sanierung Rechte: Planerladen Dortmund
Neuer Geist in neuen Gebäuden
Tülin Kabis-Staubach vom Dortmunder Planungsbüro "Basta" war eine der vielen Beteiligten, die mithalfen, aus dem Problemviertel Clarenberg ein Vorzeigeobjekt zu machen. Denn als die Wohnungsgesellschaft Ruhr-Lippe-Wohnen Anfang der 90er einen großen Teil der Wohnungen kaufte, wollte diese der Siedlung ein neues Image verschaffen: Die Mieter sollten stolz darauf sein, im Clarenberg zu wohnen. Dazu hatten sie wenig Grund, wie sich Kabis-Staubach beim Rundgang erinnert.
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Die Planerin erinnert sich an das alte Clarenberg
Mit etwas Farbe allein war es da nicht getan. Und in den neuen Gebäuden sollte auch ein neuer Geist herrschen, die Bewohner eine echte Heimat im Quartier bekommen. Eine Aufgabe für viele Akteure: Architekten und Vertreter der Stadt, Verantwortliche der Wohnungsgesellschaft, kirchliche Organisationen und Planer arbeiteten gemeinsam an einem Konzept und erreichten, dass Clarenberg 1997 als "Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf" anerkannt und gefördert wurde. Kabis-Staubach hatte gleich zwei Aufgaben übernommen. Sie sollte die Außenanlagen neu gestalten ("Das war alles Beton und Bodendecker") - und dafür sorgen, dass die Mieter gehört wurden.
Tülin Kabis-Staubach;
Rechte: WDR/Kretz-Mangold
Kleiner Kunstgriff, große Wirkung
Eines der ersten Dinge, die die Wohnungsgesellschaft in Angriff nahm, waren die Hausnummern. Die Mieter hatten sich beschwert, weil ihre Besucher auf der Suche nach der richtigen Adresse durch die Siedlung irrten - und oft entnervt aufgaben. Jetzt stehen neun Meter große und drei Tonnen schwere Metallzahlen vor den Türen, so spektakulär, dass die neugierigen Hörder ihren Sonntagsspaziergang in die Siedlung verlegten. Mehr als ein Gag, findet Planerin Kabis-Staubach: "Das ist schön, und jetzt sieht man sofort, welcher Eingang der richtige ist. Die Leute fühlen sich nicht mehr verloren."
Hausnummer am Clarenberg; Rechte: WDR/Kretz-Mangold
Rechte: WDR/Kretz- Mangold
Der Mensch als Maß aller Dinge
Graue Betonmassen drücken auf das Selbstwertgefühl. Also bekamen die Gebäude einen pastell- und knallfarbenen Anstrich. Das erhöht nicht nur den Wiedererkennungswert, sondern lässt sie auch luftiger erscheinen. Außerdem wurden Durchgänge geschlossen, Eingänge vergrößert und mit viel buntem Glas transparent gemacht: das Ende der "dunklen Löcher", die den Bewohnern so viel Angst machten, wie sich Tülin Kabis-Straubach erinnert. Einigen Häusern wurde auch noch ein Baldachin verpasst - ein Hauch von Vier-Sterne-Hotel in der Hochhaussiedlung.
Clarenberg - vorher, nachher; Rechte: Planerladen/WDR/Kretz-Mangold
Entscheiden, verantworten, schätzen lernen
Die Mieter mitdenken zu lassen hieß, von Haus zu Haus, von Flur zu Flur und Wohnung zu Wohnung zu gehen, Grobkonzepte zu erklären und Wünsche zu erfragen. Tülin Kabis-Staubach, die für die Außenanlagen zuständig war, hatte zwar viele Ideen. Es stand auch fest, dass die neuen Spielplätze nicht gerade vor dem Schlafzimmerfenster älterer Mieter gebaut werden sollten. Alles andere war Verhandlungssache: Wo sollten Bänke aufgestellt werden, wo besser nicht? Sollten Blumen wirklich gleich neben den Sandkasten gepflanzt werden? Und wer übernahm die Patenschaft für welche Baumscheibe? Hintergedanke dabei: Nur was man selber entschieden und erarbeitet hat, schätzt man auch. Das haben sogar die ganz Kleinen gelernt.
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Spielplatzplanung: Basisdemokratie mit Folgen
Spielplatz am Clarenberg Rechte: WDR/Kretz-Mangold
Kümmerer und Respektperson
"Wir haben Angst", haben die Mieter der Wohnungsgesellschaft gesagt, als die die Hochhäuser übernahm. Deswegen bekamen die dunklen Hauseingänge mehr Licht und Luft. Außerdem engagierten sie einen Sicherheitsdienst - was die Mieter noch mehr einschüchterte. Ein Concierge, wie man ihn aus Frankreich kennt, schien die bessere Alternative: Hausmeister, Kümmerer und Respektperson in einem, jemand, der dafür sorgt, dass kein Sperrmüll im Flur abgestellt, die Musik leiser gemacht und Fremden der Zutritt verwehrt wird. Jeden Tag sind Veysel Kücükkart und sein Kollege in der Siedlung unterwegs. Wenn nicht, sitzen sie in ihrer Loge und beobachten die Monitore, die die Videobilder aus den Häusern zeigen. Big Brother? Blockwart? Befürchtungen, die auch bei den Planern aufkamen.
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Kabis-Staubach: Beobachtung erwünscht
Überwachungsbildschirm Rechte: WDR/Kretz-Mangold
Gegen-, neben-, miteinander
Genau so wichtig wie die "Hardware", also das Äußere, war auch die "Software", das soziale Miteinander. Inzwischen gibt es im Clarenberg Dutzende von Vereinen, Patenschaften und Projekten, die die Bewohner zusammenbringen; alljährlicher Höhepunkt ist das große Clarenberg-Fest. Nicht, dass die Siedlung vorher ein soziales Brachland gewesen wäre. Es gab einen Nachbarschaftstreff, die Kirchen waren aktiv. Das Problem: Die Neu-Mieter blieben lieber für sich, und in der Anonymität blühten die Vorurteile. "Die Russen trinken alle", hörte Kabis-Staubach bei ihren Befragungen, und: "Die Türken werfen ihren Müll in die Gegend." "Wirklich?", fragte Kabis-Staubach dann zurück- vielleicht der erste Anstoß dafür, aus dem Gegeneinander zumindest ein friedliches Nebeneinander zu machen.
Orientierungstafel: "Wo ist was im Clarenberg";Rechte: WDR/Kretz-Mangold
Eine Rechnung, die aufgegangen ist
Es hat viel Zeit und viel Geld gekostet, dem Clarenberg ein neues Gesicht zu geben. Zehn Jahre haben allein die Umbaumaßnahmen gedauert, nicht gerechnet die lange Planungsphase vorab. Kosten: 26 Millionen Euro, von denen das Land 7 Millionen übernahm. Hohe Investitionen, die sich gelohnt haben, sagen die Beteiligten. Bei der RLW schlagen sie ganz konkret in Euro und Cent zu Buche: Die Mieten sind zwar nicht gestiegen, aber auch Vollvermietung und weniger Fluktuation sorgen für gute Bilanzen.
Planerin Tülin Kabis-Staubach sieht vor allem die vielen Kleinigkeiten, die sich geändert haben. "Die Post kommt an, weil die Briefkästen beschriftet sind." Klingelschilder aus Edelstahl und Lampen in einst dunklen Ecken sind die eine Seite, weniger Vandalismus und mehr Selbstbewusstsein bei den Bewohnern die andere. "Das Ansehen der Siedlung ist stark gewachsen", freut sie sich. Es ist keine Schande mehr, in Clarenberg zu wohnen.
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"Unser" Clarenberg
Spontanes Lob
Und ganz zum Schluss, als der Rundgang durch das "neue" Clarenberg vorbei ist, erscheint ein junger Vater auf "ihrem" Spielplatz. Nein, er wohnt nicht hier, "früher schon, aber wir kommen immer her, weil die Spielplätze hier einfach so schön sind." Ein Kompliment, wie bestellt.
Freude auf dem Spielplatz Rechte: WDR/Kretz-Mangold
Die "Soziale Stadt"
Dass das Projekt Dortmund-Clarenberg so erfolgreich war, hatte mehrere Gründe: "Da waren die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort", sagt Planungsdezernent Ulrich Sierau. Eine Wohnungsgesellschaft, die investieren will, eine Universität, die das Projekt wissenschaftlich begleitet, dazu engagierte Stadtteil-Erneuerer und eine aufgeschlossene Stadtverwaltung. Planungsdezernent Sierau hatte Anfang der 90er, als er noch im Düsseldorfer Bauministerium arbeitete, ein Programm entwickelt, das "Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf" zugute kommen sollte. "Manche Städte waren einfach vom Strukturwandel sehr abgehängt", sagt er. Franz Müntefering nahm die NRW-Idee 1999 mit nach Berlin, machte ein Bundesprogramm daraus und taufte sie um: "Soziale Stadt" hieß sie von nun an.
Soziale Stadt NRW
Probleme erkennen, Potenziale nutzen
Der Kerngedanke der "Sozialen Stadt": Quartiere sollen wieder lebenswert gemacht werden, indem "Hardware" und "Software" verbessert werden - Architektur und soziales Miteinander greifen immer wieder ineinander. Dabei werden so viele Akteure wie möglich einbezogen, von Ministerialbeamten bis hin zu den Mietern. Schließlich kennen die nicht nur die Probleme, sondern auch die Potenziale, die selbst solche Quartiere haben. Zur Zeit gibt es bundesweit fast 500 Programmgebiete in 318 Städten. Dafür gibt es jedes Jahr einen Etat von 210 Millionen Euro, der zu je einem Drittel von EU, Bund und Land getragen wird; Clarenberg hat aus diesem Topf seit 1994 gut 7,8 Millionen bekommen. Wie erfolgreich die "Soziale Stadt" ist, wird gerade untersucht. "Wo Kommunen und Wohnungsgesellschaften zusammenarbeiten, ist das Programm immer ein Erfolg", heißt es aber aus dem Landesbauministerium.
Viele Akteure, ein Ziel Rechte: Soziale Stadt
Ohr und Mund
Die Dortmunder Siedlung Clarenberg wird nicht mehr gefördert und muss jetzt alleine laufen. Andere Viertel in Dortmund brauchen noch eine stützende Hand: Gleich drei Quartiere sind als Programmgebiet ausgewiesen und bekommen 30 Millionen Euro jährlich – so wie die Nordstadt mit ihren 55.000 Einwohnern, von denen jeder zweite einen Migrationshintergrund hat. Tülin Kabis-Staubach ist hier "Quartiersmanagerin", ein Job, der für die "Soziale Stadt" entwickelt wurde. Sie ist "Ohr und Mund" der Bewohner, Vermittlerin und Ansprechpartnerin für die Verwaltung. "Wir reden über Sprachprobleme, über die Drogendealer und den Müll auf der Straße." Eine mühsame Arbeit, die das Viertel langsam, aber sicher attraktiver macht. Beweis: Zwischen den alten Arbeiterhäuschen glänzen immer öfter aufwändig renovierte Häuser.
Hauseingang;
Rechte: WDR/Kretz-Mangold

Kunterbunte Himmelshäuser
Projekte im Rahmen der "Sozialen Stadt" gibt es in ganz NRW, in unterschiedlichen Phasen und mit unterschiedlichen Zielen. "Das reicht von der Einrichtung einer Kita bis zur Konversion ganzer Stadtteile", so eine Sprecherin der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG), die mit 400 laufenden Projekten besonders aktiv war, als sie verkauft wurde. Als "Leuchtturmprojekt" gelten die "Himmelshäuser" in Ratingen: Sie bekamen ein Mieterbüro und Dachterrassen, statt Beton wurde Glas verbaut, dazu wurden Videokameras installiert – ein Zugeständnis an das Sicherheitsbedürfnis der Bewohner. Folge: Der Leerstand, der bei einer Quote von 25 Prozent lag, ist auf 15 Prozent gesunken – Tendenz: weiter sinkend.
Wie in Clarenberg wurden auch hier die Mieter befragt. Besonders stolz ist man bei der LEG aber auf die Kinder der nahegelegenen Grundschule: Sie haben aus den alten, sehr bunten Fassadenteilen Schmuck gebastelt, der reißenden Absatz fand. Eine Umwandlung der ganz eigenen Art.
"Himmelshäuser" in Ratingen; Rechte: LEG
Sternstunde
Auch die LEG-Siedlung in Wuppertal-Sternenberg wurde mit Mitteln der "Sozialen Stadt" saniert und neu konzipiert: Es gibt eine Wohngemeinschaft für Demenzkranke, besondere Angebote für Spätaussiedler und einen "Sterntreff" mit Café und Computerraum. Das Besondere hier: Die Bewohner haben mit der LEG das "Konzept Sterntaler" entwickelt, ein Belohnungssystem für Ehrenamtliche, deren Einsatz mit Reisen oder Gutscheinen gewürdigt wird. Dafür bekamen die Sternenberger den Zukunftspreis der Immobilienwirtschaft 2007.
Hochhaus Wuppertal-Sternernberg; Rechte: LEG
Amaryllis: "Wie wollen wir leben?"
Alt, jung, ökologisch, sozial
Dass man sein (Wohn-)schicksal möglicherweise auch selbst in die Hand nehmen kann, zeigt der Trend zu selbstorganisierten Wohnprojekten. Ein Beispiel gibt es seit neuestem in Bonn-Beuel. "Wie wollen wir leben?" hatte sich ein Grüppchen Bonner gefragt, und die Antwort war einhellig: Eine große Wohngemeinschaft sollte es sein - Alt und Jung zusammen, ökologisch nachhaltig und sozial engagiert. Inzwischen ist aus dem Ideal steinerne Realität geworden: 46 Erwachsene leben im Mehrgenerationen-Wohnprojekt "Amaryllis" - Paare, Alleinstehende, Alleinerziehende, Familien, außerdem 20 Kinder und Jugendliche. Die Wohnungen sind altengerecht gebaut, es gibt kleine Apartments, große Wohnungen und ganze Häuser für Familien, eine Seniorenetage mit gemeinsamem Essraum und gemeinsame Waschküchen. Der Außenbereich gehört allen und soll Treffpunkt, Spielplatz und Garten sein.
Frisch bezogen: Wohnanlage Amaryllis Rechte: WDR/Magoley
Streitkultur statt Anonymität
Als Barbara Fricke mit Mann und dem vierjährigen Sohn Leo im September vergangenen Jahres einzog, glich der gemeinsame Garten zwischen den beiden Häuserzügen noch einer Mondlandschaft, erzählt sie amüsiert - inzwischen blühen die ersten Blumen. Im Bioladen war ihr damals der Aushang aufgefallen: Mitstreiter für ein generationenübergreifendes Wohnprojekt wurden da gesucht. Fricke und ihr Lebensgefährte wurden neugierig. Nach dem ersten Treffen war für sie klar: Wir machen mit! Das war vor drei Jahren – jetzt sind sie mittendrin im Projekt "Amaryllis": Wenn Barbara Fricke in der Küche steht, sieht sie jeden Nachbarn, der vorbeigeht – und jeder sieht sie. Meistens wird fröhlich gewunken. "Wir genießen diese Gemeinschaft sehr", sagt sie, genau das hätten sie sich gewünscht: "Wir wollten nicht in einem anonymen Umfeld leben."
Homepage Amaryllis
Bewohnerin Barbara Fricke Rechte: WDR/Magoley
Freundlich grüßt der Nachbar
Wer bei Amaryllis einzieht, muss sich auf ein intensives Miteinander einstellen. "Uns war klar, dass wir hier nicht nur normale Mieter einer Wohnung sind", erzählt Barbara Fricke. Bei regelmäßigen Zusammenkünften wird über kleine und große Dinge des gemeinsamen Alltags diskutiert. "Bisher", sagt die Maschinenbauingenieurin, die am Solarinstitut in Jülich arbeitet, nicht ohne Stolz, "haben wir eine gute Streitkultur. Alle sind sehr offen für den Aufwand, den ein solches Zusammenleben bedeutet". Dabei sei es bis hierhin mitunter schon ein mühseliger Weg gewesen, besonders in der Planungsphase des Projekts. Gemeinsam mit den Architekten des Büros "Alte Windkunst" habe man in tagelangen Diskussionen die Details der Architektur festgelegt - von den Fliesen über die Fassadenfarbe bis zur Katzenklappe.
WDR Servicezeit Wohnen: Amaryllis
Grüße vom Nachbarn;
Rechte: WDR/Magoley
"Einer guckt immer"
Finanziert wurde das Projekt teils durch öffentliche Fördermittel, zum anderen durch den eigens gegründeten Verein "Amaryllis": Wer eine Wohnung beziehen will, muss dem Verein beitreten und eine Einlage zahlen - 400 Euro pro Quadratmeter. Wer sich das nicht leisten kann, zahlt weniger und dafür eine Miete. Über den Beitrag zum gemeinschaftlichen Zusammenleben von Alt und Jung muss jeder selber entscheiden. Für Barbara Fricke und ihren Freund stand von Anfang an fest, dass sie nicht zum Pflegepersonal der älteren Mitbewohner werden können. "Vielleicht", überlegt sie, "ergibt sich so etwas im Lauf der Zeit im Einzelfall aus persönlichen Gründen." Irgendwie profitiere ohnehin jeder von der Anwesenheit der anderen: "Irgendeiner guckt immer mit, wenn Leo draußen herumläuft." Auch, wenn sie mal weg muss, bevor Leos Vater zurück ist, sei immer jemand da, der so lange spontan auf den Kleinen aufpassen könne.
"Irgendeiner guckt immer" Rechte: WDR/Magoley
Nähe oder Distanz?
Auch das Ehepaar Roloff hat sich für eine zentrale Lage innerhalb des Wohnkomplexes entschieden. "Für uns ist das der Sinn der Sache", erklärt der 58-jährige Klemens Roloff. Durch das Küchenfenster können Vorbeigehende bei den Roloffs direkt bis ins Wohnzimmer sehen. Um auch mal ungestört sein zu können, haben sie Jalousien angebracht, die bei Bedarf geschlossen werden. Dennoch: "Uns ist das Miteinander, das Hinhören wichtig", sagt Klemenz Roloff. Wenigstens ein "Hallo" an den Nachbarn muss für ihn drin sein. Dass das nicht für alle der Grundsatz sei, findet er aber auch in Ordnung. "Ein großes Thema: Wieviel Nähe oder Distanz wollen wir? Das wird immer wieder diskutiert."
Mal ungestört sein; Rechte: WDR/Magoley
Kein Alten-Ghetto
Als Ingrid Willeke vor drei Jahren, nach dem Tod ihres Ehemanns, das gemeinsame Haus in Soest verkaufte hatte, war ihr klar: Sie will in eine Großstadt ziehen. Kurze Wege und kulturelle Vielfalt wollte die 69-Jährige und, ganz wichtig: junge Menschen um sich herum. "Ich wollte auf keinen Fall nur unter alten Menschen sein." Heute bewohnt sie, zusammen mit Hund Mirko, gemütliche 60 Quadratmeter im Dachgeschoss. Für die ehemalige Kulturamtsleiterin war der Schritt aus dem Eigenheim in das Gemeinschaftsprojekt eine große Umstellung. "Zuerst wollte ich mein Auto partout nicht abgeben", erinnert sie sich. Zum ökologischen Geist des Projekts gehört, dass es nicht mehr als 16 Autos geben soll. Inzwischen teilt Ingrid Willeke sich einen Kleinwagen mit zwei anderen Frauen "und das klappt wunderbar".
Ingrid Willeke;
Rechte: WDR/Magoley
Besser leben mit Wahlverwandten
Was mit ihr passiert, wenn sie einmal pflegebedürftig sein sollte - "das wird sich dann zeigen", sagt Ingrid Willeke. Mit ihren 69 Jahren ist sie zwar längst nicht die Älteste im Wohnprojekt - nebenan zog eine 85-Jährige ein - doch auch sie hofft auf gegenseitige Unterstützung. Es sei ein "Geben und Nehmen", und das funktioniere in einer Gruppe von "Wahlverwandten" deutlich besser und spannungsfreier als in der eigenen Familie, hat die Mutter von zwei Söhnen und Großmutter von fünf Enkelkindern festgestellt. "Hier hat man mehr Distanz zueinander." Wenn die Nachbarskinder mal mit dem Hund spazieren gehen, hilft sie der jungen Familie im Gegenzug bei der Kinderbetreuung. Und als an einem Wochenende die Wege durch die Anlage gemeinschaftlich gepflastert wurden, konnten die Älteren nicht mit anpacken. "Dann habe ich eben für alle gekocht".
Laubengang
Rechte: WDR/Magoley
Wunden schließen
Wo Köln am kölschsten ist
Eine andere Art der Gemeinschaft - auch nicht gerade anonym - wird im Kölner "Eigelstein" gelebt. Das Viertel rund um das alte Stadttor gilt als einer der "kölschsten" Bezirke der Innenstadt. Urkölner treffen hier auf eine lebendige Migrantenkultur, junge Szenekneipen eröffnen neben Kunstgalerien. Das war nicht immer so. Als die Stadt hier 1996 ein großes Sanierungsprogramm startete, befand sich das Viertel baulich in desolatem Zustand, und die Ziele waren klar: Verbesserung der baulichen Qualität der vorhandenen Häuser, mehr Licht und Luft in die zugebauten Innenhöfe, Schließung der Baulücken. "Nachverdichtung" heißt das im Stadtplaner-Latein, denn es geht darum, ein geschlosseneres Stadtbild zu erhalten. Eine Gesellschaft im Wandel, veränderte Wohnbedürfnisse, aber auch die letzten Stadtwunden, die der Krieg hinterlassen hat, bilden dabei bis heute die besonderen Herausforderungen.
Stavenhof, alte und neue Bebauung; Rechte: WDR/Magoley
Stavenhof
Mitten im Herzen des Eigelsteinviertels: Der "Stavenhof" - ehemals eine schmale, dunkle Straße, gesäumt von Werkstätten und einer längst geschlossenen Eisenwarenfabrik. Enge Hinterhöfe bildeten den Kern des Blocks. "Hier zu sanieren, ist sehr kostenaufwändig", berichtet Andreas von Wolff, stellvertretender Leiter des Kölner Stadtplanungsamts. Der Eigelstein sei geprägt von den sogenannten Drei-Fenster-Häusern - schmale, hohe Altbauten, dicht an dicht. "Oft reichte es dann nur für eine neue Fassade." Dennoch griff die Stadt zur Verbesserung der Wohnsituation im Stavenhof tief in den Fördermitteltopf. Als Sieger eines Wettbewerbs entwarf das Kölner Architekturbüro Felder einen großen Wohnkomplex, der privaten Wohnbereich harmonisch mit einem öffentlichen Platz verbinden soll.
"Stavenhof": Neues neben altem;
Rechte: WDR/Magoley
Mitten in der Stadt: Orte der Begegnung
Idee bei diesem Entwurf war, die Grenze zwischen Innen und Außen fließend zu machen: Die Erdgeschosswohnungen bekamen kleine Gärten zum Platz hin, die oberen Geschosse sind über Laubengänge zu erreichen oder mit einem gläsernen Treppenhaus erschlossen, das auf jeder Etage eine Fläche bietet, auf der sich die Bewohner auch bei schlechtem Wetter treffen können. Der neu geschaffene Platz vor dem Wohnhaus soll dem Viertel Identität geben, Spielraum für Kinder bieten und anstelle der alten, engen Hinterhöfe mehr Luft in das Viertel bringen.
Wohnbebauung Stavenhof; Rechte: WDR/Magoley
Das 2 Meter 56 Haus
Wenn in einem engen Viertel mit vielen schmalen Häusern saniert wird, ist vor allem Kreativität gefragt: In einem engen Spalt zwischen zwei Nachkriegsbauten entstand das "schmalste Haus von Köln". Nicht breiter als 2,56 Meter ist das Wohn- und Geschäftshaus auf dem Eigelstein, entworfen von den Kölner Architekten Brandlhuber und Knies. Dass sich diese Baulücke sinnvoll nutzen ließ, war nur mit dem Einverständnis der Nachbarn möglich: Die Geschossdecken sind, um Platz zu gewinnen, in die Wände der Nachbarhäuser eingelassen. Auch die Erschließungstreppen wurden außen auf der Rückseite des Hauses im Hinterhof angefügt. Dabei ließ sich sogar noch eine eigene Garage für das schmale Haus schaffen.
Schmalstes Haus von Köln, Vorder- und Rückseite; Rechte: WDR/Magoley
Letzte Kriegswunden
Bis vor drei Jahren bestand dieses Haus in der Weidengasse nur aus einem Sexshop im Erdgeschoss. Darüber ragten verkohlte Mauerreste in den Himmel - die letzte Kriegsruine der Stadt. Schließlich beschloss der Hauseigentümer, das Haus mit den Jugendstilornamenten doch wieder aufzubauen. Die Brandspuren am Mauerwerk ließ er absichtlich als Dokument der Kriegszerstörung erhalten und ergänzte drumherum die fehlenden Wände. "Wenn eine Viertel von städtischer Seite aus saniert wird, hat das meist auch motivierende Wirkung auf manchen privaten Hausbesitzer", stellt von Wolff vom Stadtplanungsamt fest. Die letzten Maßnahmen der Nachverdichtung im Kölner Eigelsteinviertel laufen noch: Straßen und Gehwege werden fußgängerfreundlicher gemacht - breiter, an gefährlichen Stellen deutlich abgegrenzt vom Autobereich.
Wiederaufgebaute, ehemalige Ruine, Rechte: WDR/Magoley
Von Singles und Beginen
Gemeinsam alt im "Kaufhaus Breuer"
Das Thema steht längst ganz oben auf jeder politischen Agenda: Unsere Gesellschaft altert rapide. In rund 38 Prozent der deutschen Privathaushalte leben Menschen, die über 60 Jahre alt sind. Mancher ist dabei auf sich selbst gestellt, das Altenheim ist dennoch für viele nur eine Notlösung. Gesucht werden andere Wohnformen: Mehrgenerationen-Projekte wie das Amaryllis, aber auch Wohngemeinschaften, in denen Senioren gemeinsam den Alltag meistern. In Top-Lage, nämlich mitten auf der zentralen Einkaufstraße von Eschweiler, liegt das Senioren-Wohnprojekt "Kaufhaus Breuer". Hinter der 1920er-Jahre-Fassade eines alten, leerstehenden Kaufhauses entstanden acht barrierefreie Wohnungen, in denen alte Menschen zum Teil mit Betreuung und in Gemeinschaft leben können.
Das umgebaute "Kaufhaus Breuer"; Rechte: Veit Landwehr
Vorbildliches Bauen für Ältere
Wohnungen für alte Menschen - das bedeutet, neben einer günstigen, zentralen Lage, vor allem "Barrierefreiheit": Aufzüge, die das Treppensteigen erübrigen, Rampen statt Stufen oder Türschwellen, Bäder, die auf die Bedürfnisse von Menschen zugeschnitten sind, die sich eingeschränkt oder nur mit Hilfe bewegen können. Die Wohnungen im "Kaufhaus Breuer" erfüllen diese Kriterien. Der Entwurf des Kölner Büros BeL Architekten wurde im Jahr 2007 mit dem Architekturpreis NRW ausgezeichnet: Es verbinde "auf vorbildliche Weise ein zukunftsweisendes Nutzungskonzept mit der sensiblen Umnutzung eines innerstädtischen Kaufhauses", hieß es in der Begründung.
Zimmer im Wohnprojekt (o); Kaffee auf der Dachterrasse (u); Rechte: BeL Architekten
Altes Konzept neu entdeckt
Wohnen heute - das bedeutet nicht nur neue Lösungen für alte Menschen. Neu ist auch, dass immer mehr Erwachsene jeden Alters allein leben. In Städten wie Köln sind fast die Hälfte der Einwohner "Singles". Niemals zuvor lebten derart viele Frauen allein oder als Alleinerziehende mit Kind wie heutzutage. Da wundert es eigentlich nicht, dass eine alte Tradition wieder auflebt: Die der Beginenhöfe. Ursprünglich in Belgien und Holland entstanden, bieten diese abgeschlossenen Wohnanlagen - meist inmitten einer Stadt gelegen - alleinstehenden Frauen Wohnraum und die Unterstützung einer Gemeinschaft. Seit im Jahr 2005 in Schwerte der erste Beginenhof in NRW eröffnete, sei die Idee zu einer regelrechten Bewegung geworden, sagt Sabine Matzke von der Wohnbund-Beratung NRW: "Beginenhöfe boomen." Beginenhöfe gibt es inzwischen auch in Essen, Dortmund, Köln, Münster, Bocholt - um nur einige Orte zu nennen. In Duisburg entsteht gerade ein weiteres Projekt mit finanzieller Unterstützung der Stadt.
Beginenhöfe in Deutschland
Das Vorbild: Alter Beginenhof in Leuven, Belgien; Rechte: dpa
Gemeinsam im Alltag
Im Dortmunder Beginenhof, der 2006 seine Türen öffnete, wohnen zurzeit 21 Frauen zwischen 30 und 78 Jahren. "Man organisiert den Alltag gemeinsam, hilft sich bei Krankheit oder anderen Problemen gegenseitig", beschreibt Bewohnerin Rosi Ring die Vorteile.
Eröffnung des Dortmunder Beginenhofs 2006;
Rechte: Heike Assmann
Beginenhof Schwerte; Rechte: Volker Hartmann/ ddp
Gartenarbeit im Beginenhof Schwerte; Rechte: Volker Hartmann/ ddp
Leben zusammen: Frauen und Kinder im Beginenhof Schwerte; Rechte: Volker Hartmann/ ddp
Die Stadt und die Wissenschaft
Die schwierige Wiedergeburt der Städte
Die Stadt - kein Ort zum Leben? Nach wie vor gilt: Wer es sich leisten kann, zieht ins Grüne oder wenigstens in die reicheren Viertel. Wer das nicht kann, findet sich in unansehnlichen Quartieren wieder, alleingelassen mit Problemen, die immer größer werden. "Die Städte vereinen in sich immer noch viele der vier 'As': Arme, Alte, Ausländer und Asylbewerber", sagt Sozialwissenschaftler Klaus Wermker. Aber: "Es sieht so aus, als gäbe es eine Renaissance der Städte."
Wiedergeburt – das heißt, dass die Städte plötzlich wieder attraktiv werden, auch für Gutbetuchte. Einfacher wird das Leben aber nicht, im Gegenteil, wie Wermker jeden Tag in Essen feststellt. Dort leitet er das städtische Büro für Stadtentwicklung, leitet das Netzwerk "Soziale Stadt" und lehrt an der Uni. Dort lebt er auch, in einem Viertel am Rande der Innenstadt mit einem Hauch von Multikulti. Ein Häuschen im Grünen? Nicht für den Mann, der mit Begeisterung für das Überleben der Städte kämpft.
Klaus Wermker Rechte: Stadtbildstelle Essen
Ein Vorgeschmack auf die Globalisierung
Die Stadt war immer ein Magnet für Menschen, die ihr Glück machen wollen. "Sie sind und waren Orte der Zuwanderung, Orte der Hoffnung, Orte des kulturellen Reichtums und des Elends", sagt Wermker. Nur eines waren sie nie: ein einheitliches Gebilde. Die sozialen Differenzen, die hier so deutlich zutage treten wie nirgendwo sonst, waren immer auch in Stein gemeißelt: arme Quartiere hier, reiche Viertel dort. Aber die Globalisierung lässt jetzt "global cities" entstehen, mit einem enormen Bedarf an Top-Managern, Dönerbudenbesitzern und Putzfrauen. Diese neuen Stadtgebilde lassen ahnen, wie die Menschen morgen leben werden - auch in Deutschland.
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Wermker über die steingewordene Spaltung der Gesellschaft
Frankfurt am Main: Glänzendes Zentrum der Macht Rechte: dpa
Gleich und gleich gesellt sich gern
"Patchwork-Urbanismus" nennen Stadtforscher den neuesten Trend in der Stadtentwicklung: Wer in die Stadt zieht, sucht seinesgleichen und prägt "sein" Viertel. Kaufkräftige Familien in Gründerzeithäusern mit Bäumen vor der Tür, erlebnishungrige Studenten in billigen Buden mitten in der Stadt, Rentner in der liebgewordenen Reihenhaussiedlung: Entscheidend sind nicht Familienstand oder Status, so die Erkenntnis der relativ jungen Milieuforschung, sondern das Lebensgefühl. Ergebnis: "Die" Stadt gibt es nicht mehr, sondern viele Städte in einer Stadt.
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Was Wohnen mit Hedonismus zu tun hat
Viertel für kaufkräftige Kundschaft: Rheinauhafen in Köln Rechte:dpa
Für die Ewigkeit gebaut
Stuck an der Decke und hinterm Haus einen Park: Das ist des Deutschen liebster Wohntraum. Zu erfüllen ist er kaum, vor allem nicht im Ruhrgebiet. Wermker: "Hier wohnten halt 99 Prozent Proletarier und ein bisschen
Bürgertum." Stattdessen gab es nach dem Krieg jede Menge Brachflächen, die mit Reihenhäuschen und Hochhaussiedlungen gefüllt wurden. Die genügen den heutigen Ansprüchen lange nicht mehr. Einfach abreißen geht aber auch nicht – eine echte Herausforderung für Architekten und Stadtplaner.
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Wermker über Sachzwänge und Städtebau
Das Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung
Arbeitersiedlung in den 1950er Jahren Rechte: dpa
Die Bedeutung des Raumes
Man könne einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt, hat
Heinrich Zille einmal gesagt. So einfach ist es nicht, kontert Klaus Wermker. "Aber es hat Einfluss auf den Bildungserfolg, wenn Kinder einen Raum haben, in den sie sich zurückziehen können. Ob sie sich auf der Straße bewegen können, ohne dass Autos um sie herumbrausen, hat Auswirkungen auf ihre geistige und körperliche Gesundheit. Und es ist wichtig, wenn sie Räume selber gestalten können, ohne zur Sprayflasche greifen zu müssen." Programme wie die "Soziale Stadt" sind da überlebensnotwendig, findet Wermker – für die Stadt und für die Menschen, die in ihr leben.
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Keine deutschen "Banlieues"
Heinrich Zille, Karikatur; Rechte: akg
Der falsche Traum von der Altersidylle
Die Gesellschaft wandelt sich, und mit ihr die Herausforderungen. Weniger Kinder bedeutet: weniger Spielplätze, weniger Kindergärten, weniger Schulen. Und mehr Alte brauchen mehr Heime. Genau da wollen aber die wenigsten Senioren hin – und machen sich auf die Suche nach Alternativen. Mehrgenerationenwohnprojekte, die Selbstständigkeit und Schutz in einem zu garantieren scheinen, boomen. Eine Altersidylle für alle? Wermker bezweifelt das.
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Mythos Großfamilie
Eine Heimat für viele und für alle
"Rom steht noch, und Jericho ist auch noch bewohnt", sagt Wermker. Das klingt trotzig angesichts der Schwierigkeiten, in denen die Städte stecken – der wirtschaftlichen, städtebaulichen und sozialen. Aber Wermker ist "glühender Propagandist der Stadt", wie er über sich selbst sagt. Kritisch bleibt er trotzdem. Die "gated communities" zum Beispiel, wo Reiche sich hinter hohe Mauern und schwer bewachte Tore zurückziehen, missfallen ihm sehr. Die Stadt, sagt er, muss Heimat für alle sein.
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Wermker über den neuesten Städte-Trend
Übersicht: Städtebau in NRW
Schwerbewacht in New York; Rechte: dpa
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