Stephanie Zeiler
Sprechchöre hallen über den Robert-Schuman-Platz. Aktivisten haben sich auf der Wiese neben einem großen Bonner Tagungshotel positioniert, während die Delegierten zu den UN-Klima-Verhandlungen eilen. Gleich neben ihnen versammelt sich eine Gruppe Schüler: Die rund 100 Jugendlichen demonstrieren auch für den Klimaschutz - allerdings etwas kleinlauter als die Profis. Mit Plakaten, beschriftet mit "Yes we can act" und "Stoppt das Klimamonster", posieren sie für die Kameras.
"Was sollen wir rufen?", fragt Cornelia irritiert. Die Achtklässlerin ist nicht ganz so gut vorbereitet, wie ihre Klassenkameraden. Die haben in der Vorwoche extra an einem eintägigen Workshop teilgenommen. Dort haben fünfundzwanig Schüler einen Kompass erstellt, der internationalen Delegierten den Weg zu einer klimafreundlichen Zukunft weisen soll. Die Umweltorganisation Germanwatch und der Evangelische Entwicklungsdienst haben den Workshop veranstaltet und die Jugendlichen nun auch an den Ort der Klima-Gespräche geholt. "Wir wollen denjenigen eine Stimme geben, die vom Klimawandel besonders betroffen sind. Das sind Entwicklungsländer aber auch die junge Generation", erklärt Germanwatch-Mitarbeiter Boris Schinke. "Act Now" rufen die Jugendlichen dann auch schon im Chor.
Cornelia ist ganz aufgeregt. Internationale Delegierte sind tatsächlich gekommen, um mit den Schülern eine Stunde lang über Klimaschutz zu diskutieren. "Echt, Angela Merkel kommt? Natürlich will ich die sehen", sagt die Zwölfjährige zu ihren drei Klassenkameradinnen und stellt dann fest: "Mist, ich habe meine Handy vergessen." Im Chemieunterricht haben sie über Klimawandel gesprochen. Bei anderen Schülern stand das Thema im Biologie- oder Erdkundeunterricht auf dem Stundenplan.
Eine Viertelstunde später sitzen alle im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, nur ein paar Hundert Meter vom eigentlichen Verhandlungsort der UN-Abgeordneten entfernt. Delegierte der Cook-Inseln, der Sprecher der Afrikanischen Delegation und der Umweltminister Österreichs sitzen am Podium, bereit sich den Fragen der Schüler zu stellen. Kurzfristig abgesagt hat die deutsche Delegation. "Die wollte geschlossen zur Eröffnungsveranstaltung gehen, hat aber versprochen noch auf die Forderungen der Schüler zu antworten", sagt Ruth Irlen vom Evangelischen Entwicklungsdienst. Cornelia ist enttäuscht. Angela Merkel wäre aber ohnehin nicht persönlich zu den Schülern gekommen, sondern nur eine Vertreterin, erfährt sie später.
Sechs Forderungen haben die Jugendlichen aufgestellt. Der Katalog reicht von Emissionsminderung über Erneuerbare Energien und Anpassungsfonds bis zum Waldschutz. "Wir fordern, dass die weitere Abholzung des tropischen Regenwaldes verhindert wird, und uns der Wald als CO2-Speicher nicht verloren geht", erklärt Michelle lautstark, als sie am Rednerpult an der Reihe ist. In dicken schwarzen und roten Buchstaben hat sie sich den Text auf ein Blatt gedruckt. Die Gymnasiastin hat sich genau eingeprägt, was sie beim Workshop gelernt haben. "Wenn wir das Klima nicht in den Griff bekommen, bekommt uns das Kima in den Griff. Wir leben ja noch länger als die Erwachsenen", sagt die Schülerin. Ein bisschen klingt es, wie auswendig gelernt.
Die Delegierten freut, dass die Schüler fordern, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. "Wir sind ein sehr kleines Land mit 15.000 Einwohnern, das gerade einmal zwei bis drei Meter über dem Meeresspiegel liegt und vom Klimawandel stark gefährdet ist", erzählt Diane McFadzien, Regierungsvertreterin der Cook-Inseln. Über den Inselstaat wissen die Schüler nicht viel, erkennen aber sofort an, dass Hilfe notwendig ist. Die Industriestaaten fordern sie auf, gemeinsam mit der dortigen Regierung Hochwasserschutzsysteme zu entwickeln.
"Wie ist es überhaupt in Zeiten der Finanzkrise möglich, den Klimawandel in den Griff zu bekommen?", fragt die Oberstufenschülerin Sissy-Amelie als nächstes. Hier ist Österreichs Umweltminister gefragt. Klaus Radunsky spricht von dem Problem, dass Ökonomen und Regierungen nie Entscheidungen treffen, die erst in 40 Jahren greifen. Er will zunächst in die Bildung investieren. Aber das stellt die Schüler nicht zufrieden. Es müssse jetzt gehandelt werden, fordert Aron. "Es gibt zwei Eisblöcke, China und Indien, die müssen aufgetaut werden ", sagt der 15-Jährige, der schon fast selbst wie ein Politiker spricht. Dann ist die Diskussionsrunde auch schon vorbei. Die Schüler konnten gerade ihre Forderungen und drei Fragen los werden. Viele würden zum Klimawandel gern in einer Arbeitsgemeinschaft weiter arbeiten, aber so ein Angebot haben die Schulen noch nicht.
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