WDR.de: Vor dem Gipfel waren Sie sehr skeptisch bezüglich des Erfolges dieser Konferenz. Haben sich Ihre Befürchtungen bestätigt?
Detlef Reepen: Vollständig. Es ist eigentlich nichts dabei rausgekommen. Das Bonner Klimaschutzsekretariat redet zwar von punktuellen Fortschritten, aber bei dem großen Ziel, das Weltklima zu schützen, indem man die CO2-Emission einschränkt oder die großen Wälder dieser Erde schützt, ist man überhaupt nicht weiter gekommen. Es ist noch nicht einmal darüber geredet worden, weil das so ein empfindliches Thema ist und man aus den USA und China wusste, dass die sich nicht bewegen würden, so dass die Diskussion darüber ganz unterblieben ist.
WDR.de: Schon wieder gab es keinen Durchbruch. Für wen werden solche Konferenzen denn überhaupt noch gemacht?
Detlef Reepen: Ein Umweltschützer hat es einmal so formuliert: Wer nur auf diesen UNO-Klimaschutzprozess baut, macht einen großen Fehler. Wer diesen UNO-Klimaschutzprozess völlig außer Acht lässt und ihn ignoriert, der macht einen noch größeren Fehler. Das beschreibt es ganz gut. Mir kommt es so vor wie in dem Film "Nicht auflegen", in dem ein Mann immer weiter telefonieren muss, um nicht erschossen zu werden. Hier ist es auch so. Man diskutiert immer weiter, weil das Aufhören noch schrecklicher wäre. Weil es jegliche Hoffnung auf den Schutz des Weltklimas begraben würde. Gleichzeitig merken die Teilnehmer ja, dass sich gar nichts bewegt. Man befindet sich in einer Art Sackgasse. Und man kommt aus Sackgassen eben auch nur ganz schwer wieder heraus.
WDR.de: Werden solche Konferenzn denn zumindest dazu genutzt, kleine Allianzen am Rande zu bilden?
Detlef Reepen: Das ist eher auf anderen Konferenzen so gewesen. Das kleine Königreich Norwegen gilt hier inzwischen als Trendsetter. Die haben ja einige Konferenzen veranstaltet und warten nun nicht mehr auf den großen Vertrag, sondern legen einfach los, beispielsweise mit Waldschutzprojekten. Sie machen das bilateral, mit konkreten Partnern in Malaysia, Indonesien oder Südamerika. Das ist zwar am Rande dieser Konferenz nicht passiert. Aber ansonsten passiert Klimaschutz eben auch parallel zur UNO-Welt tatsächlich.
WDR.de: Es hat ja immerhin einen Entwurf für weitere Verhandlungsrunden gegeben. Ist der überhaupt das Papier wert, auf dem er steht?
Detlef Reepen: Es ist nur ein Verhandlungs-Textentwurf und nicht zu verwechseln mit einem Vertrag, der Lasten verteilt oder konkrete Schritte benennt. Es ist ein Verhandlungstext-Entwurf, der generell beschreibt, wie es weitergehen soll. Dieser Verhandlungstext ist jetzt vorgelegt worden und ist sofort auf großen Widerspruch gestoßen. Mir kommt es so vor wie vor einem Jahr. Da hatte der damalige Vorsitzende einen Entwurf vorgelegt und die Regierungen durften Anmerkungen dazu machen. Der Entwurf ist dann von 80 auf über 200 Seiten hochgeschossen, es sind beispielsweise Klammersätze eingefügt worden. Damit konnte niemand arbeiten. Das wird diesem Entwurf vermutlich auch passieren. Ich argwöhne, es wird genauso sein wie im Juni letzten Jahres. Ich sehe darin keinen Fortschritt.
WDR.de: Vor dem nächsten großen Treffen im Dezember 2010 in Cancún sind noch Konferenzen in Bonn und Peking angesetzt. Gibt es noch Möglichkeiten, ein neues Klimaschutzabkommen vorzubereiten?
Detlef Reepen: Es gibt immer Möglichkeiten. Wir hatten vor einem Jahr, als sich die Teilnahme vieler Regierungschefs in Kopenhagen abzeichnete, gehofft, dass allein dieser Umstand für eine gewisse Dynamik sorgen würde. Diese Hoffnung wird nun wieder verbreitet, da es ja vor Cancún noch zwei Vorbereitungstreffen geben wird. Allerdings sagt inzwischen - im Gegensatz zu Kopenhagen - keiner mehr, in Cancún werde ein Abkommen verabschiedet. In Cancún sollen nur Bausteine oder Eckpfeiler vielleicht verabredet werden können. Und selbst da ist die Hoffnung nicht sehr groß. Es sieht so aus, als würden wir wieder vertröstet. Diesmal auf Südafrika 2011.
WDR.de: Sehen Sie überhaupt noch den Silberstreif am Horizont?
Detlef Reepen: Ich fühl mich manchmal wie Bill Murray in "Und täglich grüßt das Murmeltier". Auch dieser Film erinnert an die Konferenzen hier. Man wacht morgens auf und fühlt sich an den letzten Tag, den Tag davor und den vorletzten Tag erinnert. Vor drei Jahren in Bonn, vor vier Jahren, vor fünf Jahren - es wiederholt sich alles. Der einzige Silberstreif, das sind die erwähnten norwegischen Initiativen, die konkret etwas bringen. Oder die Tatsache, dass - aus der Not geboren - erneuerbare Energien sehr stark gefördert werden. Öl wird immer teuer, das ist vielen klar geworden - nicht aus Klimaschutzgründen, sondern um die eigene Wirtschaft zu schützen. Schon in fünf Jahren kann Öl für Dritte-Welt-Länder unbezahlbar werden. Diese praktischen Zwänge und praktische Entwicklungen machen mehr Hoffnung als diese ergebnislose Konferenz.
Das Interview führte Vera Kettenbach.
11.06.2010, 19:26 Uhr