Wir schreiben das Jahr 2050: Die Region Aachen ist CO2-neutral. Wie dieses Ziel erreicht werden kann, weiß Professor Gerhard Curdes von der RWTH Aachen. Er nimmt am Freitag (23.09.2011) als Referent am Stadtplanertag der NRW-Architektenkammer in Düsseldorf teil.
Architekt und Städteplaner Gerhard Curdes hat 2009 in einem Vortrag dem Umweltforum der RWTH Aachen seine Ideenskizze für eine "CO2-neutrale Städteregion Aachen 2050" vorgestellt. Daraufhin wurde der emeritierte Professor der RWTH zum Sprecher der Arbeitsgruppe Energie des Umweltforums gewählt, die er seitdem leitet.
Die Städteregion Aachen besteht aus den Städten Aachen, Alsdorf, Baesweiler, Eschweiler, Herzogenrath, Monschau, Stolberg und Würselen sowie den Gemeinden Simmerath und Roetgen.
Gerhard Curdes: Zu diesem Zeitpunkt haben in Aachen die Hitzeperioden stark zugenommen. Um die Stadt zu kühlen, gibt es deshalb in den großen Straßen offene Wasserkanäle und insgesamt viel mehr Grün – zum Beispiel auf sämtlichen Flachdächern. Für die Verschattung wurden in den Geschäftsstraßen Arkaden gebaut. Aachen ist eine Stadt der kurzen Wege geworden. Nur so kann Energie gespart werden. In der Innenstadt wohnen deshalb mehr Menschen als heute. Und es gibt eine stärkere Durchmischung von Wohnungen, Gewerbe und Geschäften.
Die Straßen dienen als Energiespender. Das technische Verfahren dafür hat die RWTH entwickelt. Es wandelt Licht und Wärme der starken Sonneneinstrahlung in Strom um, der in das lokale Netz eingespeist wird oder fahrende Elektroautos durch Kontaktstellen in den Belägen auflädt. Zugleich kühlen sich durch die Umwandlung die Straßen ab. Zusätzlich wird Energie durch sogenannte Solarwälder gewonnen, die über Parkplätzen errichtet wurden. Dabei handelt es sich um Gebilde mit beweglichen Solarmodulen, die an Bäume und deren Äste erinnern.
Curdes: Dies ist keine Utopie, sondern Stand der Diskussion. Wir haben vorgeschlagen, für die Region Aachen einen Lenkungskreis als zentrale Steuerungsinstanz zu bilden. Dazu gehören Vertreter der Kommunen, der örtlichen Hochschulen, der Ingenieur- und Architektenverbände, des Handwerks und der Wirtschaft. Dieses Gremium einigt sich über die Prioritäten und entwirft einen regionalen Strategieplan.
Darin wird zum Beispiel festgelegt, wie der Gebäudebestand wärmeisoliert und erneuerbare Energie gewonnen werden soll. Im Aachener Raum bietet sich neben "Solarbäumen" auf großen Parkplätzen und Flachdächern auch die Nutzung der Solarenergie auf Randflächen entlang von Autobahnen und Eisenbahnstrecken an. Und aus den Stauseen in der Eifel und aus dem geplanten "Indener Meer" lässt sich enorm viel geothermische Energie gewinnen. Auch in Aachen gibt es Erdwärme in erheblicher Größenordung. Darüber hinaus können Mini-Kraftwerke, die nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Koppelung funktionieren, in den Häusern installiert werden.
Curdes: Es gibt in der Bundesrepublik nur zehn grundlegend verschiedene Bautypen von Häusern. Für diese Bautypen wollen wir jeweils geeignete technische Lösungen entwickeln. Diese sollen der Öffentlichkeit und den Eigentümern in öffentlichen Veranstaltungen vermittelt werden. Ziel ist es, möglichst hunderte Bauten gleichen Typs gleichzeitig zu verbessern. Eine mit den Hauseigentümern abgestimmte Vergabe eines solchen Großauftrages senkt die Kosten um bis zu 20 bis 30 Prozent.
Gründerzeithäuser von 1870 müssen dabei allerdings anders behandelt werden als Nachkriegsbauten. Historische Bausubstanz darf nicht durch Dämmmaterial verunstaltet werden. Alle mit bedeutsamen Fassaden versehenen Bauten erhalten deshalb lediglich eine angepasste Dämmung durch bessere Fenster, Kellerdecken und Dächer sowie eine klimaneutrale Wärmerzeugung.
Curdes: Durch ein solch vernetztes Strategieprogramm kann es gelingen, den energetischen Umbau weitgehend ohne öffentliche Förderung zu finanzieren. Die Einführung einer CO2-Steuer brächte nicht nur einen Anreiz für klimaneutrales Handeln, sondern auch einen enormen Geldpool. Regionale Banken könnten darüber hinaus mit günstigen Krediten einen eigenen Beitrag leisten. Außerdem werden die Kosten durch die Großaufträge bei der energetischen Erneuerung insgesamt gesenkt.
Curdes: Das größte Hemmnis bilden die Förderprogramme des Bundes. Diese Programme sind sektoral und nicht ganzheitlich ausgerichtet, denn sie haben nur den Einzelantragssteller im Auge. Sie können einen Antrag einreichen und bekommen dafür Geld. Das allerdings sorgt bei den Umbauten für hohe Einzelkosten und ist darüber hinaus nicht effektiv. Es dauert viel zu lange, bis sich ein Hausbesitzer schlau gemacht hat und den Schritt wagt.
Dieser Weg verhindert auch keine Fehlinvestitionen in Baubestände, die langfristig, keine Zukunft haben. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass die Bundesrepublik 2060 etwa zwölf bis 15 Millionen Einwohner weniger haben wird und dass ein erheblicher Leerstand von Wohnungen und Häusern zu erwarten ist. Ein koordiniertes Vorgehen mit einer ganzheitlichen Strategie, wie wir es vorschlagen, würde Fehlinvestitionen vermeiden und zu einer Verdoppelung bis Verdreifachung der jährlichen Umbaurate führen. Es ist für uns deshalb auch wenig verständlich, dass der Staat, nachdem er vor einem so großen Problem steht, was in so kurzer Zeit gelöst werden muss, nicht den Mut aufbringt, wenigstens einmal ein Pilotprojekt zu finanzieren.
Curdes: Wir sind noch nicht einmal im ersten Viertel. Das Projekt ist den politischen Gremien und den zuständigen Planungs- und Umweltverwaltungen bekannt gemacht worden. Dennoch gibt es immer noch ein getrenntes Vorgehen der Stadt Aachen einerseits und der Städteregion andererseits. Die von uns vorgeschlagene regionale Koordinierung auf breiter Ebene steht noch aus. Und die Verantwortlichen sagen, es fehle ihnen für ein so groß angelegtes Projekt das Personal.
Curdes: Das hängt davon ab, ob sich in den nächsten zwei Jahren die örtliche Szene berappelt oder nicht. Ich vertraue jedoch darauf, dass sich der Druck auf Verwaltung und Politik sehr erhöhen wird. Die Folgen des Klimawandels sind immer mehr spürbar. Die Unwetterhäufigkeit hat in den letzten Jahren zugenommen. In Aachen standen in der Haupteinkaufsstraße Läden unter Wasser. Die Leute merken langsam, dass es so nicht weitergeht.
Das Interview führte Dominik Reinle.
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