Von Tobias Zihn
Die Gemeinden des evangelischen Kirchenkreises Jülich beziehen ihren Strom aus regenerativer Energie. Auf Kilowattstunden, produziert von den Braunkohlekraftwerken in ihrer Region, verzichten sie, um das Klima zu schützen. Ihr Engagement zeigt: Die Energiewende ist möglich.
1989 ist für den evangelischen Kirchenkreis Jülich das Jahr der Wende: Die riesigen Bagger der Braunkohletagebaue Inden, Hambach und Garzweiler fressen sich immer weiter in die Landschaft. Ganze Dörfer werden abgerissen. Menschen müssen ihre Häuser verlassen und die Natur leidet unter den drei Kraftwerken, die tonnenweise Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen und für mehrere Stunden am Tag die Sonne verdunkeln. "Christen haben den Auftrag, die Schöpfung zu bewahren", sagt Hans Stenzel, Umweltbeauftragter des Kirchenkreises Jülich. "Wir hatten täglich vor Augen, dass wir diese Schöpfung mit dem Braunkohletagebau nachhaltig zerstören und wir etwas dagegen tun müssen." Die Synode des Kirchenkreises fällt 1989 daher einen Beschluss: Danach verpflichtet er sich durch Vertrag auf Strom aus fossilen Brennstoffen zu verzichten und ausschließlich regenerative Energiequellen zu nutzen.
Energiebedarf von Kirchen und Kindergärten auf dem Prüfstand
Die evangelischen Christen beginnen sich zu engagieren - gegen die Zerstörung der Natur und gegen die wirtschaftliche Macht der Giganten Rheinbraun und RWE, die die Braunkohle abbauen und aus ihr Strom produzieren. „Die Tagebaue in Inden, Hambach und Garzweiler und die drei Kraftwerke waren damals große Arbeitgeber in der Region und warfen uns vor, dass wir mit unserem Beschluss und mit dessen konsequenter Umsetzung den Menschen die Lebensgrundlage entziehen. Ohne den Tagebau verödet die Region, lautete das Argument von Rheinbraun und RWE“, erinnert sich Stenzel. Doch der heute 70-Jährige, der vom Kirchenkreis mit der Umsetzung des Beschlusses betraut wurde, lässt sich nicht entmutigen und sucht sich Mitstreiter in den Gemeinden.
Der Kirchenkreis gründet den so genannten 14-köpfigen Mitwelt-Ausschuss, dessen Vorsitzender Stenzel wird. Die Mitglieder dieses Ausschusses untersuchen den Energiebedarf der Kirchen, Gemeindehäuser, Kindergärten und Kliniken, die die Gemeinden des Kirchenkreises tragen – es sind an die 50 Gebäude. "Wie viel Strom benötigen wir im Jahr, wo sind Einsparungen möglich und lassen sich die zum Teil historischen Kirchen überhaupt entsprechend umrüsten und isolieren, um die Energie optimal zu nutzen? Dies waren die Fragen, die wir uns in den Anfängen gestellt haben", erklärt Stenzel.
Nur noch 8.000 Arbeitsplätze in den Tagebauen und Kraftwerken
Wolfgang Theiler, Pfarrer der evangelischen Auferstehungsgemeinde Burg Weisweiler und einer von Stenzels Mitstreitern, erinnert sich daran, dass zu Beginn des ökologischen Engagements des Kirchenkreises die Menschen erst davon überzeugt werden mussten, auf regenerative Energien zu setzen. Vor allem das Argument, der Tagebau sichere die wirtschaftliche Zukunft, sitzt damals fest in den Köpfen. Pfarrer Theiler klärt auf: auf Gemeindeabenden, bei ökologischen Themenwochen und Diskussionsrunden mit Energieexperten.
Anfang der 1990er-Jahre setzt sich zudem in der Wissenschaft die Erkenntnis durch, dass Kohlendioxid wesentlich dazu beiträgt, das Klima der Erde aufzuheizen und dadurch zu zerstören: "Alleine die drei Kraftwerke in unserem Kirchenkreis blasen heute noch immer jährlich 100 Millionen Tonnen CO2 in die Luft und zählen damit zu den größten Produzenten des Treibhausgases weltweit", sagt Stenzel. Das stehe in keinem Verhältnis zur Produktivität der Stromgewinnung aus der Braunkohle. "Auch bei modernen Kraftwerken beträgt der Wirkungsgrad nur 43 Prozent", sagt der Umweltbeauftragte. Das Argument, der Kirchenkreis Jülich zerstöre mit seiner Abkehr von fossilen Brennstoffen Arbeitsplätze, hättenRheinbraun und RWE mittlerweile selbst entkräftet: Die Arbeitsabläufe in den Kraftwerken und in den Abraumhalden wurden immer weiter technisiert und Mitarbeiter entlassen. Heute arbeiten noch rund 8.000 Menschen in den Tagebauen und Kraftwerken von Inden, Hambach und Garzweiler. In früheren Zeiten waren dies bis zu 25.000 Angestellte.
In der Stromgewinnung völlig autark
Seit acht Jahren beziehen 18 der 19 Gemeinden des Kirchenkreises keine Kilowattstunde mehr aus den Produktionen von Rheinbraun und RWE. Auf dem Dach des Gemeindehauses von Pfarrer Theiler sind Photovoltaik- und Solaranlagen angebracht, im Keller des Pfarrhauses arbeitet ein Blockheizkraftwerk (Jahresleistung: rund 3.500 Kilowattstunden), das alle Gebäude mit Strom und Wärme gleichzeitig versorgt. "Wir produzieren über unseren eigenen Bedarf hinaus", sagt Theiler. Überschüssigen Strom mit Ökosiegel speist seine Kirchengemeinde in das öffentliche Stromnetz ein. Dadurch verdient sie zusätzliches Geld – und reduziert die Produktion des gefährlichen Treibhausgases: Schätzungsweise 750 Tonnen CO2 pro Jahr spart der Kirchenkreis mit seinen Blockheizkraftwerken, Photovoltaik- und Solaranlagen ein. Zum Vergleich: das Kraftwerk Niederaußem setzt rund 50 Tonnen CO2 täglich frei.
Entwicklung eines emissionsfreien Kohlekraftwerks
Als sich der Kirchenkreis von RWE und Rheinbraun als Großkunde verabschiedet, ist das ein Schock für die Stromproduzenten, die Nachahmer befürchten. Und bis zum heutigen Tage haben Rheinbraun und RWE kein Verständnis für das christliche Engagement: Deutschland werde weiterhin auf den Braunkohletagebau angewiesen sein, erklärt man bei RWE. Und die Nutzung der Braunkohle sei zukunftsfähig: "Wir entwickeln gerade das emissionsfreie Kohlekraftwerk. Im Kraftwerk Niederaußem läuft bereits eine Pilotanlage", sagt Johannes Heithoff, Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung bei RWE. Kommerziell und flächendeckend nutzen könne man diese neue Technik 2022 - nach den verschiedenen Entwicklungs- und Probephasen, die sie durchlaufen muss.
"Zu spät", findet Peter Viebahn, Professor am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. "Um den Klimawandel und die Erderwärmung zu stoppen, muss in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Kohlendioxidproduktion drastisch reduziert werden." Auch haben die Entwickler des emissionsfreien Kohlekraftwerks noch keine Antworten auf die Fragen, wo und wie sie das Kohlendioxid, das weiterhin bei der Stromgewinnung aus Braunkohle entsteht, lagern sollen.
Die Tagebaue werden indes in der Region immer größer: Anfang 2010 wird der Ort Pier als weiteres Opfer des Tagebaus Inden von der Bildfläche verschwinden. Die Menschen haben ihre Häuser bereits verlassen, im Dorf herrscht Stille.
Stand: 05.12.2009, 6:00 Uhr
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