Auf den Philippinen versalzen Reisfelder, in Bangladesh machen Überschwemmungen krank und in Peru soll ein Nussöl Dieselkraftstoff ersetzen - beim weltweiten Kampf gegen den Klimawandel helfen auch Fachleute aus NRW.
Meist sind es Entwicklungsländer, die schon jetzt unter der Erderwärmung leiden. Bald können sie auf mehr Unterstützung hoffen, um mit den veränderten Umweltbedingungen überleben zu können. Die Industriestaaten, die für den Großteil des schädlichen CO2-Ausstoßes verantwortlich sind, wollen Geld dafür zusammenlegen. Wie viel, das steht noch nicht fest. Auf dem Klimagipfel in Kopenhagen soll darüber verhandelt werden. Für Fachleute, die Entwicklungszusammenarbeit in den Ländern betreiben, zieht sich das Thema Klimawandel längst wie ein roter Faden durch die Arbeit. WDR.de stellt vier Projekte von Organisationen mit Sitz in NRW vor.
Philippinen: Neue Reissorten trotzen Wind und Wasser
Auf den Philippinen sorgen sich Reisbauern an der Küste um ihre Ernte, weil immer öfter salziges Meerwasser die Felder überflutet und heftige Taifune die Pflänzchen vernichten. Zusammen mit Wissenschaftlern haben sie jetzt neue Reissorten entwickelt und traditionelle wiederbelebt, die den Folgen des Klimawandels trotzen können. Die Pflanzen haben dickere Stengel und können zwei bis drei Tage unter (Salz-)Wasser überleben, berichtet Nicole Piepenbrink, bei Misereor in Aachen Referentin für Klimawandel und Ernährungssicherheit. Das katholische Hilfswerk unterstützt eine Organisation von 30.000 Bauernfamilien, die auch untereinander Saatgut austauschen, wenn Reisfelder vernichtet wurden.
Überall im Land haben die Bauern Versuchsfarmen angelegt. Auf der Hauptinsel Luzon zum Beispiel ging die Idee bereits auf: Meerwasser überschwemmte die Felder, und "elf der dort angebauten 50 Reissorten" überstanden das Salzwasser, so Piepenbrink. Eine Bauernfamilie habe zum Beispiel erleichtert berichtet, dass zwei ihrer Sorten überlebten, eine traditionelle Reisart und eine von der Bauernorganisation gezüchtete. Für Nicole Piepenbrink ist das Projekt unter anderem deshalb ein Paradebeispiel, weil es eine gesunde und abwechslungsreichere Ernährung der Familien auch in Zeiten des Klimawandels sichert.
Bangladesh: Dorfhelfer bei Überschwemmungen
Aufklären über Gesundheit lautet das Motto von Unicef in Bangladesh, denn der Klimawandel wirkt sich auch in diesem Bereich aus. Das Land am riesigen Flussdelta ist besonders gefährdet durch den ansteigenden Meeresspiegel. „Böden versalzen, und die Menschen haben immer weniger Trinkwasser“, berichtet Rudi Tarneden in Köln, wo das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen seinen deutschen Sitz hat. „Von den regelmäßigen Überschwemmungen sind gerade die Ärmsten betroffen, die Hälfte sind Kinder und Jugendliche.“
Unicef hat Medikamentenlager für Notfälle angelegt und „Dorfhelfer“ ausgebildet. „Zu Tausenden“ gehen die Einheimischen in die Dörfer und beraten die Bewohner in Sachen Krankheitsprävention, zum Beispiel über Latrinen und eine gute Wasserversorgung. Filteranlagen helfen, das Trinkwasser vor Arsen zu bewahren, denn zusätzlich zu den Überschwemmungen leiden die Menschen unter Gesteinsauswaschungen aus dem Himalaya. Beides zusammen sei für die Bevölkerung ungeheuer belastend, so der Pressesprecher.
Peru: Purgiernuss ersetzt Dieselkraftstoff
Die Umwelt schonen und dabei Geld verdienen? Das versuchen Kleinbauern in Peru und Honduras mit Unterstützung des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) in Bonn. Auf ihren Feldern bauen sie die robuste Ölpflanze Purgiernuss an, ernten die Früchte und verkaufen sie an eine Ölmühle. Die wiederum veräußert das Pflanzenöl weiter, unter anderem an einen Kleinbusunternehmer, der seine öffentliche Verkehrsflotte auf den Pflanzenölsprit umgestellt hat. Die Bauern haben eine zusätzliche Einnahmequelle, und der Unternehmer macht sich ein Stück unabhängiger vom Öl, verbrennt keine fossilen Brennstoffe mehr. "Ökologische und wirtschaftliche Interessen werden verknüpft", erläutert Charlie Moosmann vom DED. Zurzeit wird geprüft, wie viel Fläche der Anbau verbraucht und ob sich die Purgiernuss, auch Jatropha Curcas genannt, für die Landwirte langfristig rechnet.
Indien: Kleinbauern nutzen Emissionshandel
"Wir sitzen in den Startlöchern", sagt Rudolf Buntzel, Beauftragter für Welternährungsfragen beim Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) in Bonn. Eine vom EED geförderte Bauern-Organisation in Südindien befindet sich in dem überaus komplizierten Verfahren, das nötig ist, um am internationalen Emissionshandel teilzunehmen. Ganz praktisch heißt das: Die Bauern-Haushalte wollen sich den Betrieb ihrer mit Kuhdung befeuerten Biogasanlagen, mit denen sie kochen, bezahlen lassen. Wenn der Zertifizierungsprozess abgeschlossen ist, kauft der EED den Bauern die Zertifikate ab und kann damit an die Chicagoer Klima-Börse gehen. "Der Gewinn geht wieder zurück an die Bauernorganisation", so Buntzel. Im Zuge des Emissionshandels könnten diese Lizenzen dann von Ländern erworben werden, die sich damit die Erlaubnis erkaufen, ihren CO2-Ausstoß über die erlaubte Menge hinaus zu erhöhen. Der EED bündelt die Zertifikate, weil nur große Mengen gehandelt werden können.
Buntzel sagt selbstkritisch: "Wir beteiligen uns damit an etwas, das wir vom Grundsatz her nicht richtig finden. Die Industrieländer kaufen sich frei und die Enwicklungsländer müssen die Lasten tragen." Der Entwicklungsexperte sieht in dem Emissionshandel sogar eine besondere "Bedrohung für Arme". Weil sich an dem Zertifikate-Handel nur große Projekte beteiligen können, werde eine großflächige Landwirtschaft befördert. Kleinbauern hätten davon nichts. "Wenn schon Emissionshandel, dann armutsorientiert", fordert Buntzel. Trotz der Kritik am Verfahren - der EED-Mann ist sich sicher, dass seine und andere Entwicklungsorganisationen den Weg weitergehen werden. Die Klimakonferenz in Kopenhagen wird das Tempo wohl noch beschleunigen.
Stand: 16.11.2009, 02:00 Uhr