WDR.de: Was sich am Ende der Klimakonferenz in Durban abgespielt hat, glich ja einem Krimi. Warum wurde es in den letzten Stunden noch mal so spannend?
Lorenz Beckhardt: Ganz am Ende lag es daran, dass Indien in den letzten informellen Verhandlungen Einspruch erhoben hat. Dabei ging es um die Frage, wie das zukünftige Abkommen, das für alle Länder gelten soll und das verbindliche CO2-Emissionen ab 2020 vorsieht, bezeichnet werden soll. Indien hat einen schwächeren juristischen Begriff hineingebracht. Das ist für Nicht-Juristen nur schwer nachzuvollziehen. Es ging um die Frage, ob es sich um ein "gesetzlich bindendes" oder nur ein "gesetzliches" Übereinkommen handeln soll. Indien hat sich dann für ein "gesetzliches Ergebnis" stark gemacht. Darauf wollten sich Deutschland und die EU nicht einlassen.
WDR.de: Wie wurde das gelöst?
Beckhardt: Es kam zu einem sehr emotionalen Vortrag der indischen Umweltministerin. Sie hat an den Gerechtigkeitssinn appelliert: Indien hat einen CO2-Ausstoß pro Kopf von weniger als zwei Tonnen, Deutschland liegt bei zehn, die USA bei 20 Tonnen. Die Inder fordern, bei den Reduktions-Verpflichtungen nicht mit diesen Ländern auf eine Stufe gestellt zu werden, um ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten nicht zu beschneiden. Die EU ist aber bei ihrer Meinung geblieben. Daraufhin haben sich alle im Plenum zusammengefunden und so lange diskutiert, bis sie zu einer Einigung gekommen sind. Und das war schon beeindruckend: Es bildete sich eine riesige Traube, die miteinander diskutierte und Begriffe hin und herwarf. Das ging eine gute halbe Stunde so. Herausgekommen ist dann ein "agreed outcome with legal force". Das ist eine Art "vereinbartes Ergebnis mit Rechtskraft". Die Umweltorganisation Greenpeace kritisiert das als viel zu schwach, weil es möglicherweise Staaten wie den USA und China Hintertürchen offen hält, um am Ende wieder herauszuflitschen. Das glaube ich zwar nicht, aber natürlich gibt es Spielraum.
WDR.de: Und wie war die Stimmung dabei?
Beckhardt: Es war ein wirklicher Krimi. Und es ist erstaunlich zu sehen, wie Menschen, die in Regierungen sitzen und viel Verantwortung tragen, in so einer Situation diskutieren - nämlich sehr menschlich. Es war interessant, das mitzuerleben.
WDR.de: Es gibt also ein Ergebnis - was hat Durban noch gebracht?
Beckhardt: Der Ergebnistext der so genannten "Durban Plattform" setzt den Zeitrahmen, in dem man zu einem Klimaabkommen bis 2015 kommt. Dieses Abkommen soll dann das Kyoto-Protokoll ablösen. Das in den kommenden Jahren zu verhandeln wird schwer genug. Ab dem nächsten Gipfel 2012 in Katar geht es da ans Eingemachte. Es ist klar geworden, dass die EU mit ihrer neuen Koalition mit den Entwicklungsländern versuchen wird, da verschärft ranzugehen.
Zweiter wichtiger Punkt ist, dass das totgesagte Kyoto-Protokoll bis 2017 verlängert wird, es gibt also Kyoto 2. Dies hat eine Brückenfunktion, bis es das neue Abkommen gibt. Es ist auch möglich, die Reduktionsauflagen in den kommenden Jahren zu verschärfen. Allerdings haben die Schwellenländer wie Indien, China und Brasilien noch acht Jahre Zeit, ohne weitere Reduktionsverpflichtungen zu wirtschaften. In der Zeit können sie den Anteil an erneuerbaren Energien und die Energieeffizienz steigern.
Der dritte Punkt ist der Green Climate Fund, also der Klimafonds, in den die Industriestaaten einzahlen, um in Entwicklungsländern Anpassungs- und Einsparungsmaßnahmen zu finanzieren. Deutschland hatte sich neben anderen Ländern um den Sitz dieses Fonds beworben. Allerdings hat am Ende keiner mehr darauf geachtet, wie das nun ausgegangen ist. Deutschland hat aber ein so gutes Image in Klimaschutzfragen, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass der Fonds nicht nach Deutschland gehen wird.
WDR.de: Neu ist ja diese Art "Koalition der Willigen" beim Klimaschutz. Wie kam es dazu?
Beckhardt: Wir erinnern uns, dass Bundeskanzlerin Merkel vor Beginn der Durban-Konferenz in ihrem Videoblog den Verhandlungen wenig Chancen eingeräumt hatte. Und das ging vielen europäischen Politikern so, die hier waren. Diese Koalition zwischen Europäern, Inselstaaten und Entwicklungsländern hat sich erst in den Gesprächen herausgebildet. Auch weil sie gemerkt haben, dass die USA und China nicht mehr ihre Interessen vertreten und die Europäer weit mehr auf ihrer Linie sind und sich beispielsweise für die Fortsetzung des Kyoto-Protokolls einsetzen. Das alles ist aber erst in der zweiten Woche passiert und hat eine große Dynamik in den Prozess gebracht. Deshalb haben China und die USA die Totalblockade aufgegeben. Natürlich müssen wir abwarten, wie das nun mit Leben gefüllt wird.
WDR.de: Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer der Konferenz?
Beckhardt: China und die USA gehen aus ihrer Sicht mit weniger nach Hause als ursprünglich geplant. Sie hätten es lieber gehabt, wenn es nicht zu einem Abkommen gekommen wäre. Sie wollten, dass zunächst einmal jeder beim Klimaschutz im eigenen Land macht, was er machen kann. Aber ich würde sie nicht als Verlierer bezeichnen, denn sie haben ihr Gesicht gewahrt und gezeigt, dass sie sich im entscheidenden Moment auch ein Stückchen bewegen können. Ganz streng genommen ist der Verlierer trotz allem das Klima. Hier wurde ein politischer Prozess in Gang gesetzt, aber es gibt keine konkreten Maßnahmen, um die Treibhausgase zu verringern. Wenn die Menschen in Deutschland sich fragen, was konkret in Zahlen rausgekommen ist, dann muss man sagen: Das konnte Durban nicht liefern. Die konkreten Schritte müssen in den kommenden Jahren umgesetzt werden.
WDR.de: Wie stehen Ihrer Ansicht nach die Chancen, das viel beschworene Zwei-Grad-Ziel zu erreichen? Also, das Ziel, die globale Erwärmung auf maximal zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen?
Beckhardt: Das können wir bis Mitte des Jahrhunderts noch erreichen, wenn wir bis 2020 den Scheitelpunkt haben und die Treibhaus-Emissionen weltweit ab dann rückläufig sind. Das ist eine große Aufgabe, auch für die EU.
WDR.de: Wie lautet Ihr Fazit?
Beckhardt: Wenn man es so sieht, dass das Klima der Patient ist, dann ist der Patient weiterhin krank. Aber er hat jetzt eine bessere Krankenversicherung. Und die muss dafür sorgen, dass es zu einer Operation kommt. Und es hat sich gezeigt, dass bei globalen Fragen wie dem Klima der UN-Prozess alternativlos ist. Man kommt an der basisdemokratischen Struktur nicht vorbei - auch wenn es manchmal schwer ist, das nachzuvollziehen, wenn man so viele Delegierte und den ganzen Aufwand sieht.
Das Gespräch führte Annika Franck.
WDR 2 Klartext zum UN-Klimagipfel
Aktuelles und Hintergründe
Dossier bei tagesschau.de
Serie im WDR5-Morgenecho
Informationen der Sendung Nano
11.12.2011, 12:00 Uhr
Seite teilen