Zwei Wochen lang verhandeln Delegierte aus aller Welt in Mexiko über Möglichkeiten, den Klimawandel aufzuhalten. Lorenz S. Beckhardt ist Wissens-Redakteur beim WDR Fernsehen und arbeitet in den Redaktionen von Quarks & Co und Nano. Bei so manchem Klimagipfel ist er dabei gewesen, auch in Kopenhagen. Mitte der Woche fährt Beckhardt nun mit seinem Team nach Cancún und berichtet täglich über die Ereignisse des UN-Klimagipfels.
WDR.de: Der Klimagipfel von Kopenhagen vor einem Jahr war eine große Enttäuschung. Vor Cancún sind die Erwartungen nun nicht sehr hoch. Niemand rechnet damit, dass dort ein neues Klimaabkommen unterzeichnet wird. Was erwarten Sie?
Lorenz S. Beckhardt: Es ist auch gar nicht beabsichtigt, in Cancún ein neues Klimaabkommen hinzubekommen. Wenn man zurückblickt, muss man sagen, dass Kopenhagen mit Erwartungen überfrachtet war. Erst im Nachhinein war klar, dass eines der größten Probleme dort die noch nie dagewesene Zusammenballung von Staatschefs war. Wenn die unteren Ebenen den höheren jeweils immer den Verhandlungstand erzählen müssen, wird es schwierig. Die höhere Verhandlungsebene war also eher störend. In den nächsten Jahren wird es deshalb wohl auch nicht mehr zu einem Gipfel wie Kopenhagen kommen, auch in Cancún nicht.
WDR.de: Aber ohne die Staatschefs gibt es auch keine großen Entscheidungen.
Beckhardt: Es können auch Minister Entscheidungen treffen oder beschlossene Papiere im Nachhinein ratifiziert werden. So war das auch beim Kyoto-Protokoll.
WDR.de: Worum geht es also in Cancún?
Beckhardt: In Cancún hat man sich vorgenommen, so etwas wie eine Zwischenetappe zum nächsten Gipfel in Südafrika 2012 einzuschieben. Aber es muss auch ein paar wichtige Entscheidungen geben. In erster Linie geht es dabei um eine konkrete Finanzarchitektur. Die in Kopenhagen zugesagten Geld-Transfers von den Industrieländern an die Entwicklungsländer müssen geregelt werden. Offen ist vor allem, woher das Geld kommen soll – aus Steuermitteln, aus den Erlösen des Emissionshandels oder aus anderen Quellen. Ein anderer wichtiger Verhandlungspunkt sind Kompensationszahlungen für Länder, die darauf verzichten, ihren Regenwald abzuholzen. Also: Kleinere Zwischenstufen, die Teil eines größeren Abkommens sein werden, müssen in Cancún entscheidungsreif gemacht werden.
WDR.de: Nun sind die Voraussetzungen für Entscheidungen nicht mehr so gut wie vor einem Jahr. In den USA ist Präsident Obama nach den verlorenen Wahlen kaum mehr durchsetzungsstark, und in vielen Ländern herrscht eine tiefe Haushaltskrise. Wie groß ist die Bereitschaft, Anstrengungen für den Klimaschutz zu erbringen?
Beckhardt: Von den USA erwartet derzeit kaum jemand mehr etwas. Jedenfalls so lange nicht, wie sie innenpolitisch so aufgestellt sind wie derzeit. Klimaaktivisten, Wissenschaftler – alle sagen: Vergesst die USA und lasst uns versuchen, so viele bilaterale und multilaterale Abkommen zu machen wie möglich. Es gibt außerdem viele wichtige Global Player – China, Brasilien, Mexiko, Russland, die EU –, die die entscheidenden Schritte ohne die USA hinbekommen könnten, um das berühmte Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Im Übrigen können Länder wie Deutschland durchaus auch wirtschaftlich profitieren, wenn sie in erneuerbare Energieträger investieren. Das wichtigste Ziel in Zukunft wird aber sein, einen globalen Emissionshandel hinzubekommen. Man muss einen Preis auf Treibhausgasemissionen festsetzen.
WDR.de: Das wird bestimmt nicht allen Ländern gefallen. Wer wird in Cancún zu den Bremsern und wer zu den Antreibern gehören?
Beckhardt: Bremser sind vor allem die, die vom Verkauf fossiler Brennstoffe leben, Saudi-Arabien zum Beispiel. China wird nach wie vor bei all den Punkten bremsen, wo es darum geht, eine internationale Architektur aufzubauen, die auch kontrolliert wird. China will sich nicht in die Karten schauen lassen. Auf der anderen Seite ist China sehr umtriebig auf dem Feld der erneuerbaren Energie. Sie installieren zwar immer noch enorm viele Kohlekraftwerke, gleichzeitig bauen sie aber mit ungeheuerer Geschwindigkeit einen Sektor an erneuerbaren Energien auf. Die haben schon längst begriffen, was die Zeichen der Zeit sind und werden in Zukunft einen großen Teil ihrer Energie aus regenerativen Quellen beziehen.
WDR.de: Wann haben die Bremser gewonnen, wann ist Cancún gescheitert?
Beckhardt: Wenn sich die Delegierten nicht mal auf konkrete Zahlungen und die Art der Transfers einigen können, wenn die Industrieländer keine weiteren Zusagen zu Reduktionszahlen für ihre CO2-Emissionen machen, dann wird Cancún ein weiteres Scheitern nach Kopenhagen sein. Wenn nichts herauskommt in Mexiko, kann es sein, dass der ganze Verhandlungsprozess auf Jahre geschädigt ist.
WDR.de: Und dann? Haben dann die nationalen Egoismen gesiegt? Wird sich der ganze Prozess auflösen und die kritische Zwei-Grad-Marke gerissen?
Beckhardt: Wenn wir dieses Zwei-Grad-Ziel aus den Augen verlieren und wenn es keinen globalen Rahmen mehr gibt, in dem darüber gesprochen wird, lässt man einen großen Teil der Welt vor die Wand fahren. Das Zeitfenster, um gegenzusteuern, wird sich in den nächsten zehn bis 15 Jahren zunehmend schließen. Und je später man anfängt, desto größer sind die sozialen und wirtschaftlichen Kosten. Möglicherweise müssen wir als Menschheit noch ein paar dramatische Ereignisse hinter uns bringen, bevor der politische Wille da ist.
Das Interview führte Rainer Kellers
29.11.2010, 06.00 Uhr
Seite teilen