WDR.de: Herr Beckhardt, Sie haben als Journalist an Klimakonferenzen teilgenommen, sie beobachtet und begleitet. Was ist das Besondere an der Konferenz in Durban?
Lorenz Beckhardt: Um mit dem Positiven anzufangen: Durban ist eine der offensten und freundlichsten Klimakonferenzen, die ich bisher erlebt habe. Zum Beispiel können die Menschen, die hier leben, an einer Art "Marktplatz der ökologischen Möglichkeiten" teilnehmen - und damit sehr nah an die Verhandlungen ran kommen. Auch die Demonstration vom Wochenende ging direkt in Sichtweite des Konferenzzentrums entlang. Negativ ist nach wie vor, dass sich sehr wenig bewegt, die Klimaverhandlungen sind sehr zäh.
WDR.de: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ja am Wochenende erklärt, dass sie nicht viel Hoffnung für einen Nachfolger des Kyoto-Protokolls hat. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Beckhardt: Ich bin mir nicht so sicher. Mein Eindruck ist, dass die Bundesregierung möglicherweise ein bisschen tiefstapeln will, um einen kleinen Erfolg am Ende als zumindest ausreichenden Erfolg darzustellen. Es gibt hinter den Kulissen schon konkrete Pläne, aus dem Kyoto-Protokoll etwas Neues zu gestalten. Das wird dann sicherlich nicht "Kyoto 2" oder so heißen, sondern etwas ganz Neues sein. Die Äußerungen von Frau Merkel kamen bei den Umweltschutzverbänden hier vor Ort sehr schlecht an. Sie kritisieren, dass die Konferenz schon vor der entscheidenden Phase kleingeredet wird.
WDR.de: Im Vorfeld der Konferenz war die Stimmung in Sachen Klimaschutz eher schlecht, lediglich zwischen den Zeilen las man von kleinen Hoffnungsschimmern. Was ist aus Ihrer Sicht möglich?
Beckhardt: Nach der ersten Woche der Verhandlungen geht man davon aus, dass die USA, Japan und Kanada bei einem neu zu findenden Abkommen erstmal draußen vor bleiben. Russland wäre zum Beispiel nur dann dabei, wenn sie weiter wirtschaften können wie bisher. Aber als neuer Hoffnungsschimmer für die zweite Woche wird ein Abkommen gehandelt, bei dem neben der EU auch die Schwellenländer wie Brasilien, China, Indien und Südafrika eine führende Rolle übernehmen. Dann würde man Druck aufbauen, damit zu einem späteren Zeitpunkt eben auch die USA, Japan und Kanada dazustoßen. Das ist für die Fortsetzung eines verbindlichen Abkommens derzeit die hoffnungsvollste Aussicht. Da muss man sehen, was die Verhandlungen weiter ergeben.
WDR.de: Welches sind denn die Knackpunkte, über die die Minister und Staatschefs in dieser Woche beraten werden?
Beckhardt: Es gibt einen großen Knackpunkt, das ist der so genannte Green Climate Fund, also der internationale grüne Klimafonds. In den sollen ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar fließen, aus den Industrieländern, die dann den Entwicklungsländern zur Verfügung gestellt werden, um Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel zu finanzieren. Da muss es konkrete Entscheidungen geben: Wer wird diesen Fonds verwalten? Vorgeschlagen war die Weltbank, aber da gab es vergangene Woche einen Aufstand einiger lateinamerikanischer Staaten, die wollen in der Klimapolitik nicht die gleichen Strukturen wie in der Entwicklungspolitik. Fraglich ist auch, woher das Geld für den Fonds kommen soll. Ein Expertengremium hat eine Steuer auf Flugbenzin und Schiffsdiesel vorgeschlagen. Dagegen wehren sich die USA, denn das würde aus deren Sicht bedeutetn, dass die Vereinten Nationen eine Art Staat wären, der auch Steuern erheben kann. Wenn Durban dazu ein Abkommen zustande bringen würde, wäre das schon ein Erfolg der Konferenz.
WDR.de: Wenn das Kyoto-Protokoll 2012 ausläuft und es keinen Nachfolger gibt - bedeutet das dann das Ende der Klimadiplomatie?
Beckhardt: Das glaube ich nicht. Die Klimafrage ist die erste globale Frage, bei der die Menschheit zusammensitzt und an einem globalen Ziel, eine Art weltdemokratischen Prozess arbeitet. Da geht es um ganz grundsätzliche Fragen wie Verantwortung und globale Gerechtigkeit. Und darum, ob jeder Mensch nur eine bestimmte Menge an Treibhausgasen emittieren darf. An dieser Grundsatzfrage wird seit 17 Jahren herumgedoktert. Das ist kein einfacher Prozess, wir haben bisher kein Beispiel für Weltdemokratie. Es wäre schlecht, wenn das Kyoto-Protokoll verschwinden würde. Aber die Grundsatzfrage, die mehr als 190 Staaten an einem Tisch diskutieren, und dass die Entwicklungs- und Schwellenländer die Verantwortung der Industrienationen einfordern, das wird Thema bleiben.
WDR.de: Es sind auch Umweltschutzverbände aus NRW in Durban. Welche Rolle spielen die?
Beckhardt: Germanwatch zum Beispiel ist sehr stark vertreten. Die haben - neben Forschung und Beratung - eine trickreiche Position: Sie beraten einzelne Entwicklungsländer wie Bangladesh, wenn es beispielsweise darum geht, was die Europäer eigentlich wollen. Für viele Delegierte aus Entwicklungsländern ist es schwer zu verstehen, warum bestimmte Länder bei bestimmten Fragen blocken. Um zu verstehen, warum etwa auch in der EU manche Position schwierig ist, berät Germanwatch einige Länder und hat auch eigene Leute in deren nationalen Delegationen und nimmt damit direkt an den Verhandlungen teil.
WDR.de: Seit Montag (05.12.2011) nimmt auch Umweltminister Norbert Röttgen an den Verhandlungen teil. Was erhoffen Sie sich von ihm?
Beckhardt: Er wirkte nicht sehr optimistisch, was die Konferenz angeht, ganz auf der Linie von Angela Merkel. Ich erwarte somit nicht viel von ihm. Viele Umweltschutzorganisationen hier erwarten von Röttgen, dass er das Ruder herumreißt. Damit überschätzen sie ihn, wollen aber wahrscheinlich auch Druck ausüben. Die Umweltschutzverbände sind mit der Position der EU unzufrieden wie selten zuvor. Das hängt aber auch damit zusammen, dass wir derzeit eine polnische EU-Ratspräsidentschaft haben. Die Position der Polen ist eher die der USA und entspricht nicht unbedingt dem Rest der EU-Staaten. Aber so ist die EU nun mal.
WDR.de: In Kopenhagen drohte die totale Blockade, in Cancún gab es leichte Hoffnung - mit welchen Attributen könnte Durban in die Geschichte der Klimakonferenzen eingehen?
Beckhardt: Da kann ich mich noch nicht festlegen. Aber mein Gefühl sagt mir, dass am Ende mehr rauskommen wird als in Cancún. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich etwas bewegt, weil man sich damit abgefunden hat, dass man nicht immer alle unter einen Hut bekommen muss. Wenn sich einige Staaten - auch ohne die USA, Kanada oder China - auf kleinere Abkommen einigen, dann wäre das ja schon ein wichtiger Schritt. Und es ist interessant, dass sich in einem Land wie Südafrika, das stark von Kohle abhängig ist, ein Klimabewusstsein entstanden ist. Ähnliches gilt für viele Schwellenländer. Kopenhagen mit der bis dahin größten Ansammlung an Staatschefs gilt ja aus unserer Sicht immer als gescheitert. Interessant aber ist, dass in den Schwellenländern das Klimathema durch diese Konferenz erst angekommen ist, weil ihre Regierungschefs vor Ort waren. Da hat das Klimathema also erst vor zwei Jahren begonnen.
Das Gespräch führte Annika Franck.
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Informationen der Sendung Nano
05.12.2011, 12:00 Uhr
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